Erlangen
Medienabhängigkeit

Seriensucht - wenn die Serie den Tag stiehlt

Serien sind für viele ein fester Bestandteil des Lebens, sie bringen Ablenkung und Entspannung ins Leben. Doch zuviel Konsum kann zu Suchtverhalten führen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Zuviel Serien, vor allem nonstop am Stück, können zu Suchtverhalten führen. Symbolfoto: Pixabay
Zuviel Serien, vor allem nonstop am Stück, können zu Suchtverhalten führen. Symbolfoto: Pixabay

Von Julia Heimberger

Samstag spät abends in einer Erlanger Studentenwohnung, der Bildschirm flimmert blau im dunklen Zimmer. Michael, der wie alle anderen Befragten seinen richtigen Namen nicht veröffentlichen möchte, liegt auf dem Bett. Auf dem Laptop-Bildschirm kämpft gerade Ragnar Lodbrok aus der Wikinger-Serie "Vikings" heldenhaft und blutüberströmt gegen die Angelsachsen. Nach 45 Minuten endet die Folge abrupt und ohne zu verraten, ob Ragnar stirbt oder nicht. Michael hat Feuer gefangen, und er drückt sofort auf "Nächste Folge ansehen". Bei Amazon Prime Video und Netflix lassen sich mit dieser Funktion beliebig viele Folgen einer Serie hintereinander anschauen, ohne Pause, ohne Ende.

Immer mehr junge Menschen geraten im Zeitalter der immerwährenden digitalen Verfügbarkeit in eine Medienabhängigkeit, die sich zu einer Mediensucht entwickeln kann. Laut dem Fachverband Medienabhängigkeit ist das Phänomen der Internetabhängigkeiten seit 1995 bekannt. Aktuell werden unter dem Oberbegriff Medienabhängigkeiten eine ganze Reihe internetbezogener Verhaltenssüchte wie zum Beispiel Gaming, Cybersex und Pornografie zusammengefasst. Für diese drei gibt es bereits Studien, doch für andere Bereiche wie Online-Glücksspiele, Online-Shopping, Social Media Nutzung, Social Communitys und Informationsportale fehlen diese noch. Serienkonsum gilt bisher nicht als eigenständige Sucht. Aufgrund der fehlenden Studien ist Medienabhängigkeit bislang nicht offiziell als

Suchtproblematik anerkannt. Solange diese jedoch nicht vorliegt, ist die Kostenübernahme der Krankenkassen im Behandlungsfall eine freiwillige Angelegenheit.

Die Universität zu Lübeck betreibt die vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Arbeitsgruppe DIA-NET - Diagnostik der Internetabhängigkeit im Netz. Die Professoren gehen davon aus, dass ca. 1-2% der deutschen Gesamtbevölkerung unter einer Internetabhängigkeit leiden. Bei Jugendlichen geht man von einer Rate von bis zu 5% aus. Demnach wären mindestens 800.000 bis 1.600.000 Personen in Deutschland davon betroffen. Vergleichbar wären diese Zahlen mit den circa 1.300.000 diagnostizierten Alkoholabhängigen in Deutschland.

Dass Medienabhängigkeit und Seriensucht unter Studierenden weit verbreitet sind und immer mehr zunehmen, bemerken auch die Diplom-Psychologin Kirsten Kruse-Horstmann und das Team der Psychologisch-Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerks Erlangen-Nürnberg. Zu ihnen kommen vor allem Studierende, deren Semesterzahl immer mehr zunimmt, ohne dass Leistungen erbracht werden, oder aber das Studienende rückt in weite Ferne. "Viele Studierende haben vielschichtige Probleme, zum Beispiel einen zu hohen Leistungsanspruch, den sie gar nicht erfüllen können. Oder sie haben ein Fach gewählt, mit dem sie unglücklich sind. Daher wenden sie sich anderen Dingen zu, unter anderem eben dem Konsumieren von Serien, bis Alltags- und Uniaufgaben vernachlässigt werden und darunter leiden." Diese Aussage kann die 22-jährige Studentin Anna nur bestätigen: "Ich schaue jeden Tag Serie, mindestens vier bis fünf Stunden pro Tag. Wobei ich eine Folge immer bis zu Ende sehen muss, ich kann nicht bei der Hälfte aufhören. Selbst wenn ich weiß, dass ich eigentlich was für die Uni machen sollte."

Neben Studenten sind alle Alters- und Gesellschaftsklassen betroffen. Diese können sich im Bedarfsfall an die psychosoziale Beratungsstelle der Caritas Bamberg wenden. Hier werden sie von der Diplom-Psychologin Astrid Heyl beraten. Ihrer Ansicht nach ist Mediensucht häufig zunächst eine stille und unbemerkte Sucht, die sich fernab der Öffentlichkeit im Privaten manifestiert. So sieht zum Beispiel der 28-jährige Student Sebastian jeden Tag Serie, in der Regel allein zu Hause. "Selbst wenn ich wenig Zeit habe, sehe ich mindestens zwei Stunden täglich. Vier Stunden sind die Regel, und ich würde gerne mehr sehen." Nach Astrid Heyl könne man erst von Mediensucht sprechen, wenn typische Suchtmerkmale vorliegen. Hierzu gehören sukzessiver Interessensverlust, das Fehlen von Alternativen, der Kontrollverlust, nicht mehr abschalten zu können und die Fortsetzung des Konsums trotz negativer Auswirkungen. Die 23-jährige Studentin Marie kann das nur bestätigen: "Wenn ich Serien sehe, habe ich oft schlechte Laune, weil ich im Grunde ein schlechtes Gewissen habe wegen zu viel Unproduktivität. Daher versuche ich gar nicht erst anzufangen, denn manchmal komme ich dann gar nicht mehr davon los."

Oftmals entwickeln Konsumenten von Serien eine Toleranz, nach anfänglichen zwei Folgen pro Tag werden später ganze Nächte durchgemacht. So hat die 23-jährige Studentin Lisa mittlerweile über 50 Serien gesehen und betrachtet diese als ihr Hobby. "Von einer guten Serie schaue ich bis zu sechs oder sieben Folgen, aber mindestens vier Folgen pro Tag." Mitunter bestehen Entzugserscheinungen bei Nichtkonsum, die sich zum Beispiel durch Stimmungsschwankungen oder Antriebslosigkeit ausdrücken. Vor allem durch Streamingdienste wie Amazon Prime Video und Netflix können Zuschauer rund um die Uhr und von jedem digitalen Endgerät auf Serien zugreifen. Dadurch ist eine permanente Verfügbarkeit gegeben, man muss nicht mehr auf die nächste Folge warten. Medienkonsum wird häufig als Regulationsstrategie eingesetzt, um der Langeweile oder den eigenen

Gefühlen zu entgehen, um sich zu entspannen oder um aus der Realität zu fliehen. Marie hat nur eine Handvoll Lieblingsserien, die für sie wie ein Zuhause geworden sind: "Ich freue mich immer darauf, wieder in diese bekannte Welt einzutauchen und mich von der Realität abzuwenden." Lisa entspannt sich vor allem mit ihrer Lieblingsserie: "Ich schaue ganz oft die Gilmore-Girls, die begleiten mich seit meiner Jugend. Auch wenn ich jede Folge schon auswendig kann und genau weiß, dass sie sich gleich streiten, heul ich doch immer wieder an den gleichen Stellen."

Nach Astrid Heyl sei Serienkonsum nichts Illegales wie Drogenkonsum. Es gäbe keine Ausgrenzung durch die Gesellschaft, sondern wie bei einem Feierabendbier eine allgemeine Akzeptanz durch das soziale Umfeld. Ihre Empfehlung für Betroffene, die bereits die Einsicht haben, dass sie zu viele Serien schauen: "Legen Sie sich ein Suchtprotokoll an. Schreiben Sie jeden Tag auf, wann und wieviel Sie konsumieren. Auf dieser Grundlage können Sie Ihr Verhalten besser einschätzen und entscheiden, ob Sie etwas verändern möchten." Damit lassen sich Muster erkennen und Veränderungen herbeiführen, zum Beispiel durch eine befristete Abstinenz oder eine langsame Reduktion der Konsumzeiten. Grundsätzlich notwendig ist immer die innere Bereitschaft, etwas ändern zu wollen.

Wer sich weder Freunden offenbaren noch persönlich einen Psychologen aufsuchen möchte, kann sich an den Online-Ambulanz-Service für Internetsüchtige (OASIS) wenden. Das vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Projekt der Klinik für Psychosomatische

Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bochums erreicht die Betroffenen dort, wo ihre Sucht entstanden ist, nämlich im Internet. Über einen kurzen Fragebogen gelangt man zu einer ersten Diagnose. Bei einer Internetsucht-Gefährdung folgt dann eine Online-Sprechstunde via Webcam zur ersten Einschätzung der Lage mit einem konkreten Hilfsangebot.

Dieses Angebot braucht die 28-jährige Studentin Kristina nicht. Sie sieht nur unregelmäßig Serien: "In meinem Leben bevorzuge ich eine gesunde Mischung aus Serien, Lesen, Sport und Basteln. Ich schau mal einen Monat gar nicht, bei Serien ist oft schnell bei mir das Interesse weg." Wie Wissenschaftler der Yale-Universität 2016 über eine Langzeitstudie herausgefunden haben, verlängert regelmäßiges Lesen von Büchern das Leben. Wer also statt Serien jede Woche mehr als 3,5 Stunden liest, darf sich auf bis zu zwei zusätzliche Lebensjahre freuen.

Info: Hilfe unter https://www.onlinesucht-ambulanz.de/ oder bei einer psychologischen Beratungsstelle in der Nähe. Eine Adressliste mit Anlaufstellen gibt es hier: http://www.fv-

medienabhaengigkeit.de/91.html#c398



was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren