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Forchheim
Kabarett

Sei kein Arschloch

Erwin Pezig, das Alter-Ego von Frank-Markus Barwasser, hält allen den Spiegel vor . Er zeigt, dass wir uns viel zu oft wegducken.
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Frank Markus Barwasser, alias Erwin Pelzig.  Josef Hofbauer
Frank Markus Barwasser, alias Erwin Pelzig. Josef Hofbauer
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Aus der Zeit gefallen präsentiert sich Erwin Pelzig den rund 600 Zuschauern in der Forchheimer Jahnhalle. Es sei alles so unsicher. "Wir können den Brandgeruch neuer Kriege förmlich riechen", gibt sich der Franke mit Cordhütli und Handtäschli apokalyptisch. Angesichts des "postfaktischen Zeitalters", wo Tatsachen durch Gefühle ersetzt werden und Eisberge, doppelt so groß wie das Saarland - hundertmal wichtiger - abbrechen, will der der Würzburger nur "weg von hier", wie der Programmtitel verrät. Doch wohin?

Ehe sich Frank Markus Barwasser dieser Frage widmet, geht er den Dingen auf den Grund. Schuld daran, dass in ganz Europa Feinde der Demokratie die Macht an sich reißen wollten, sei der durchschnittliche Mann. Der weiße, heterosexuelle Mitteleuropäer, der seit Jahrhunderten alles im Griff hatte und nun Gefahr laufe, seine Macht abgeben zu müssen, sei verantwortlich, dass wir auf einer globalen Palliativstation leben. 20 einzelnen Menschen gehört so viel wie dreieinhalb Milliarden Bewohnern dieses Planeten.

Respektlos und bissig

Mit treffenden Vergleichen unterstreicht Erwin Pelzig diese These: "In Mecklenburg-Vorpommern leben nur noch alte Männer und Wölfe. Die Frauen sind längst abgehauen." Auch politisch zeige sich das Desaster. Die AfD habe sich schnell akklimatisiert und bereits nach einem Jahr eine Spendenaffäre an der Backe. Andere haben sich da mehr Zeit gelassen! Den Wunsch der FDP vergleicht Pelzig mit dem Phantomschmerz eines Beinamputierten und die Sozialdemokraten, die Steigbügelhalter der Regierung, redeten sich ein, sie seien das Pferd. "In ein paar Jahren darf ich über die vielleicht gar nichts mehr sagen, denn das verstößt dann gegen Paragraf 168: "Störung der Totenruhe", ätzt Pelzig, der Andy Scheuer als Chef-Lobbyisten der Auto-Industrie betitelt.

Wie gewohnt zeigt Pelzig keinerlei Respekt vor den Mächtigen, Reichen und Schönen. Genüsslich streut er Salz in deren Wunden, die er mit sicherem Gespür aufdeckt. Messerscharf analysiert Pelzig die Skandale, etwa dass der Apple-Konzern für eine Milliarde US-Dollar gerade mal 50 Dollar Steuern bezahlte. "Weil man sie lässt!", ärgert sich der Würzburger, der zu einem Perspektivenwechsel mahnt, um Verschwörungstheorien und Hass-Tweets Paroli bieten zu können.

In den Dialogen zwischen seinen Figuren Dr. Göbel, dem einfach gestrickten Hartmut und Pelzig läuft der Kabarettist zur Höchstform auf. In bildreicher Sprache gelingt es ihm, die kompliziertesten Dinge zu verdeutlichen und teilweise ad absurdum zu führen. So philosophiert das Trio über die Möglichkeiten sozialer Medien mit all ihren Filterblasen und Echokammern, aber auch den "Videos mit Kätzli" wie Hartmut bemerkt.

Ursache und Wirkung

Apropos Information: In Zeiten von "Big Dada" wundert sich Pelzig, dass die Menschheit trotz aller Informationsflut "so blöd" ist. Schnell korrigiert er sich. Die Menschheit sei unwissend. Und Pelzig erklärt: Die Informationsflut dient nur dazu, um zu verhindern, dass die Menschen das Wichtige erkennen können. Um die Verwirrung komplett zu machen würden Profi-Lügner, so genannte "Social Bots" eingesetzt.

Auf der anderen Seite sorgt die fortschreitende Technik dafür, dass bald Autos komplett autonom fahren. Aber nicht mit Erwin Pelzig. Er entpuppt sich als kleiner Anarchist und entdeckt dabei die Vorzüge seines VW-Jetta, Baujahr 1984. Während das computergesteuerte Verkehrssystem zwangsläufig auf defensives fahren ausgelegt sei, müsse er als Selbstfahrer darauf keine Rücksicht nehmen. Das macht er dem Publikum schmackhaft: "Ich hab daheim ein paar Jettas in der Garage stehen. Wer einen braucht, ..."

Sich entscheiden zu können, urteilt Erwin Pelzig, sei ein Privileg. Doch das Leben in einem Meer von Meinungen ist schwieriger als gedacht. Selbst Dr. Göbel bringt das Wissen um Ursache und Wirkung, die Notwendigkeit täglich hunderte von Entscheidungen treffen zu müssen schier zur Verzweiflung, so dass er sich wünscht, dass alles wieder einfacher werde.

Da kann Barwasser nicht weiter helfen. Er empfiehlt stattdessen als Handlungsmaxime den kategorischen Imperativ des Immanuel Kant. "Handle nach derjenigen Maxime, durch die, ... dass sie allgemeines Gesetz wird", stammelt Pelzig. Für sein Publikum übersetzt er das ins Deutsche: "Sei kein Arschloch."