Forchheim
Recht

Schlichter brauchen einen kühlen Kopf

Nicht jeder Konflikt landet zwingend vor einem Gericht. Um die Richter und Staatsanwälte zu entlasten, ist 2005 das Schlichtungsgesetz in Kraft getreten. Und noch einen Grund gibt es, Experten wie Rolf Hörnlein aufzusuchen: das liebe Geld.
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Grafik: Beetz
Grafik: Beetz
rgendwann lag ein Schreiben ihres Rechtsanwalts im Briefkasten. Darin die dringende Bitte, einen Termin beim Schlichter wahrzunehmen. Um welche der vielen Angelegenheiten es sich genau handelte, wussten Alexander und Simone Müller (Namen geändert) zu diesem Zeitpunkt nicht. Einmal war Alexander von seinem Bruder wegen Ruhestörung angezeigt worden.

Ein anderes Mal, weil Simone Blumen abgeschnitten haben soll. Und dann hatte der Bruder eine Delle in seinem Auto bemerkt und niemand anderen im Verdacht als Simone. Die Brüder, die zusammen in dem von den Eltern vererbten Zweifamilienhaus leben, ließen ihre Anwälte ein Schreiben nach dem anderen aufsetzen und an die jeweilige Gegenseite verschicken. Bagatellen werden diese Streitereien unter Privatleuten genannten.

Meist handelt es sich um Nachbarschaftsstreitereien oder familiären Unfrieden.
Um diese Fälle von den Gerichten fernzuhalten, wurde das Schlichtungsgesetz eingeführt. Seit 2005 müssen die Bagatellfälle einem Schlichter vorgetragen werden.


Rational nicht nachvollziehbar

Einer dieser Schlichter ist der Forchheimer Rechtsanwalt und Fachanwalt für Familienrecht Rolf Hörnlein.
Wenn die Parteien einvernehmlich einen Schlichtungsversuch durchführen wollen, können sie sich an jeden in der Sache unbeteiligten Rechtsanwalt, an jeden Notar oder an jede dauerhaft eingerichtete Schlichtungsstelle wenden.

Bei etwa zehn Fällen im Jahr sucht Hörnlein nach einer Lösung. "Es ist oft schwierig, eine Lösung zu finden. Die gleichen Parteien sind im nächsten Jahr oft wieder da", sagt Hörnlein.

Im besten Fall dann mit einem anderen Fall. Wenn es schlecht läuft, schwelt der ursprüngliche Konflikt einfach weiter. Bagatellen haben gemeinsam, dass sie für Außenstehende oft nicht rational nachzuvollziehen sind. "Die zu hoch gewachsene Pflanze an der Grundstücksgrenze oder der schiefe Zaun bringen das Fass zum Überlaufen.

Ein Gericht würde sich ausschließlich mit dem konkreten Konflikt beschäftigen. Beispielsweise, ob die Pflanze tatsächlich zu hoch ist.

Die vor Gericht siegreiche Partei wertet ihren Erfolg oft als Zeichen dafür, im Recht zu sein. Die Erfahrung, dennoch nach einem Kompromiss zu suchen, ist anschließend nicht allzu groß. Das hat die Vergangenheit auch Rolf Hörnlein gelehrt. "Ich versuche, beide Seiten ihre Argumente vortragen zu lassen, um herauszufinden, ob es das einzige Problem ist", erläutert der Rechtsanwalt. Oft helfe es, wenn ein Außenstehender zuhöre und die verfahrene Situation aufdrösele.


Hochkochende Wut

Als die drei Müllers vor dem Schlichter saßen, verzichtete der Bruder darauf, Simone Müller weiter verschiedener Taten zu beschuldigen. Der Schlichter schlug ihnen vor, die Wünsche und Vorschläge für gemeinsame Reparaturen erstmal schriftlich in den Briefkasten des anderen zu werfen. Damit sollte hochkochenden Emotionen die Grundlage entzogen werden.

Das lehnten die beiden Brüder allerdings ab. Immerhin verzichteten sie auch darauf, ihren Streit vor Gericht auszutragen.

Vollständig zufrieden über den Termin beim Schlichter ist Simone Müller trotzdem nicht gewesen. "Ich hätte mir gewünscht, über alle alten Geschichten reden zu können", moniert sie. Der Schlichter legte den Brüdern eine Familientherapie ans Herz. Er hatte den Eindruck, als wurzelten die fortlaufenden Zankereien im schwierigen persönlichen Verhältnis der beiden.
Grundsätzlich kann jeder Rechtsstreit durch ein Schlichtungsgespräch bereinigt werden. Während private Streithähne verpflichtet sind, eine Schlichtungsstelle aufzusuchen, gibt es diese Möglichkeit auch für amtlich zugelassene Streitereien.

Das wissen viele nicht. Als Beispiel dafür nennt Hörnlein einen Streit über 50 000 Euro zwischen einem Bauherren und einem Handwerker. "Beiden ist klar, jeder muss zahlen. Der Handwerker kann nicht so viele Mängel hinterlassen haben", erinnert sich Hörnlein.

Auf Tausende Euro hätten sich die Kosten für jede der Parteien belaufen, wenn die Sache vor Gericht gekommen wäre. Bei einem Streitwert ab 10.000 Euro und mehr summierten sich die Gerichts- und Anwaltskosten auf 7639 Euro. Meist wird noch ein Sachverständiger benötigt, der ebenfalls einige Hundert Euro kassiert. Damit nicht genug: Seit dem 1. August sind diese Kosten gestiegen. Die Gerichtskosten um 20 Prozent, die für die Anwälte für zehn Prozent.


Viel angestaute Wut

Bei einer Schlichtung entstehen keine Gerichtskosten. 100 Euro kostet in der Regel das Verfahren. "Ich glaube nicht, dass die Streitereien weniger geworden sind, doch weniger gehen vor Gericht", sagt Hörnlein. Die meisten Menschen möchten allerdings dem Ärger nicht gutes Geld hinterher werfen.

Auf den ersten Blick hat Simone Müller die Schlichtung nicht viel gebracht.

Aber sie hätte auch nie geglaubt, dass zwischen den Brüdern derart viel Wut brodelt. Woher diese Wut rührt, weiß Simone Müller nicht. Die Brüder wollen nicht darüber reden. Sie haben sich dafür entschieden, sich in Zukunft aus dem Weg zu gehen.
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