Forchheim
Landgericht

Prozess gegen Pflegedienst-Leiterin aus Forchheim: Zweifel kommen auf

Im Prozess gegen die Leiterin eines Pflegedienstes aus Forchheim wegen Körperverletzung an einem behinderten Kind stand am Landgericht Bamberg plötzlich die Mutter im Fokus.
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Das Landgericht in Bamberg.  Hier wird der Strafprozess wegen Körperverletzung verhandelt. Foto: Barbara Herbst
Das Landgericht in Bamberg. Hier wird der Strafprozess wegen Körperverletzung verhandelt. Foto: Barbara Herbst

Der Strafprozess wegen vorsätzlicher Körperverletzung zum Schaden eines schwerstbehinderten Kindes gegen die Leiterin eines Pflegedienstes aus Forchheim geht in die entscheidende Phase. Am vorletzten Verhandlungstag vor der dritten Strafkammer des Landgerichtes Bamberg geriet allerdings weniger die Angeklagte als vielmehr die Mutter des Kindes ins Visier.

Über zwei Jahre liegen die Geschehnisse rund um ein 16-jähriges Mädchen bereits zurück. Die Erinnerungen sind im Laufe der Zeit nicht besser geworden. Oft müssen sich der Vorsitzende Richter Markus Reznik und seine beiden Schöffinnen mit einem "Das weiß ich nicht mehr" oder "Da müsste ich nachlesen" begnügen.

Auf die Sprünge helfen

Gäbe es nicht ausführliche Akten, den Zeugen könnte nicht auf die Sprünge geholfen werden. Dabei sind gerade sie es, von denen abhängt, ob die Pflegedienst-Leiterin verurteilt wird. Denn objektive Beweise sind rar. Während die Angeklagte den Schlag gegen das Kinn des wehrlos daliegenden Mädchens abstreitet, gibt es nur eine Augenzeugin, die genau das behauptet: eine ehemalige Mitarbeiterin des Pflegedienstes, die inzwischen mit vier weiteren Kollegen bei der Konkurrenz angestellt ist.

Undurchsichtig

Ihre Rolle darf zumindest als undurchsichtig beschrieben werden. Hatte sie doch nach ihrer Kündigung noch weiter die Intensiv-Pflege des Mädchens übernommen, dabei sieben Nächte am Stück sich um ihre Patientin gekümmert und dafür nach eigenen Angaben weder vom neuen Pflegedienst noch von der Familie Geld dafür bekommen. Dies brachte die Rechtsanwältin Annette Voges (Hamburg) zu der Bemerkung, sie frage sich schon, ob man da eine neutrale Zeugin oder jemanden vor sich hätte, der im Lager der Mutter stünde. Mit der habe ihre Mandantin heftigen Streit gehabt. Dabei sei es ums Geld gegangen, wie mehrere Mitarbeiter des Pflegedienstes berichten. Die Mutter habe im Frühjahr 2016 monatlich 1000 Euro von der Angeklagten haben wollen, damit diese weiterhin damit beauftragt würde, sich um das schwerstbehinderte Mädchen und zwei weitere auf Pflege rund um die Uhr angewiesene Kinder zu kümmern. Die Angeklagte vermutet hinter den Vorwürfen ein Komplott, das von der Mutter gesteuert würde, weil diese das geforderte Geld nicht bekommen habe. Die Mutter habe dann gesagt: "Du wirst schon sehen, was du davon hast."

Nebenkriegsschauplatz

Auch auf einem Nebenkriegsschauplatz gelangen der Angeklagten erste Geländegewinne: Der ermittelnde Polizeibeamte, der sich mit dem angeblichen Abrechnungsbetrug durch die Pflegedienst-Leiterin befasst hatte, fand jedenfalls keine Anzeichen dafür, dass die Pflegedokumentation manipuliert oder gefälscht worden war: "Sie war stets korrekt, vielleicht sogar überkorrekt."

Anonyme Anruferin

Eine anonyme Anruferin hatte Unregelmäßigkeiten behauptet und die Chefin des Pflegedienstes und den Vater des Mädchens ins Blickfeld der Staatsanwaltschaft gerückt. Sie sollten nicht nur finanziell, sondern auch buchstäblich unter einer Decke stecken. Wie sich durch Ermittlungen herauskristallisierte: alles haltlose Unterstellungen. Auch scheint die Krankenkasse ihre Rückforderungen aus dem angeblichen Abrechnungsbetrug nicht weiterzuverfolgen. Zudem gerieten die Angaben der Mutter in Zweifel. Sie hatte in einem Atemzug mit der Anzeige gegen die Angeklagte auch den eigenen Ehemann der vorsätzlichen Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung und Beleidigung beschuldigt. Der war aber in allen Punkten freigesprochen und später von ihr geschieden worden.

Zum Abschluss des Verfahrens am 22. November ab 13 Uhr wird die Hauptbelastungszeugin ausführlich vernommen werden. Wie glaubhaft ist ihre Aussage und wie glaubwürdig ist sie als Person? Davon hängt ab, ob sich die vorherigen Verurteilungen wegen vorsätzlicher Körperverletzung am Amtsgericht Forchheim (20 000 Euro Geldstrafe) oder wegen Misshandlung Schutzbefohlener am Landgericht Bamberg (ein Jahr zur Bewährung) verfestigen. Oder ob in der nun zweiten Berufungsverhandlung tatsächlich ein Freispruch herauskommt.



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