Dessen Antrag, in der Wiesentstraße 15 ein Wohnhaus bauen zu wollen, hatte im Bauausschuss am Montag eine irritierende Debatte ausgelöst. "Ich kann mir nicht vorstellen", schreibt Schmidt an seinen alten Freund Stumpf, "durch die Wiesentstraße zu gehen und dieser ehrwürdige und geschändete Platz würde von einem Wohnhaus überwuchert. Es wären immer traurige Augenblicke."

Schmidt, der heute in Kirchehrenbach lebt, weist in seinem Brief auf die "Verantwortung für diese schreckliche Vergangenheit" hin. "Gutmachen können wir ohnehin nur ein klein wenig, wenn überhaupt. Der ehemalige Synagogenplatz würde sich als entsprechend ausgestaltete Zone anbieten. Ein Stück mehr Würde in Forchheim kann entstehen."

Der Verfasser des offenen Briefes verweist auf den Forchheimer Historiker und Buchautor Rolf Kießling. Dessen Forschungen belegten, "dass den Forchheimer Juden übel mitgespielt wurde. Die braunen Horden zerstörten das bis dahin relative friedliche Zusammenleben der jüdischen und christlichen Bürger. Alle aus Forchheim deportierten Juden wurden ermordet."

Auch Rolf Kießling hat am Donnerstag Stellung bezogen. Zuerst mit einer Reihe von Fragen: "Soll in der Wiesentstraße die ,Normalität' wiederhergestellt werden? Soll der Makel, entstanden durch die barbarische Verwüstung der Forchheimer Synagoge 1938, verdrängt werden, indem man ein ,normales' Wohnhaus an dieser denkwürdigen Stelle errichtet? Will man aus dem kollektiven Gedächtnis löschen, was nicht gelöscht werden kann und darf?"

Dann verweist der Forchheimer Lehrer und Lokalhistoriker auf die Gemeinden in der Nähe Forchheims. Die hätten "einen anderen Weg beschritten", sagt Rolf Kießling. Hirschaid etwa habe den Platz, an dem die Synagoge stand, "würdig gestaltet". Der Grundriss der zerstörten Synagoge sei erkennbar - "ein Denkmal im einstigen Treppenaufgang erinnert an die Deportierten und Ermordeten. Ein markanter Gedenkstein signalisiert, dass eine jüdische Gemeinde ausgelöscht worden ist".

Auch in Adelsdorf habe man den Standort der Synagoge würdig gestaltet - und ebenso "einfühlsam" sei das Denkmal in der Gemeinde Forth im Landkreis Erlangen-Höchstadt gestaltet. "Manchmal lohnt es sich eben, über die Grenzen der Stadt hinauszuschauen", fordert Kießling auf.

Heimatpfleger vermisst "Gefühl"

Und Franz Schürr, der städtische Heimatpfleger, fordert den Stadtrat auf, "sein Recht wahrzunehmen und die Erinnerungskultur Ernst zu nehmen". Schürr vermisst eine "Debatte der Politik über den Umgang mit der Forchheimer Geschichte". Davon abgesehen, sei er verwundert über das Vorgehen des Bauausschusses am Montag. Der Ausschuss habe eine "fragwürdige Ausnahmegenehmigung" für den Hausbau auf dem Synagogengelände gegeben; obwohl der Stadtrat bereits 1988 beschlossen habe, an selber Stelle einen Park mit Gedenkstätte einzurichten.

"Die Satzung ist nicht vollzogen worden", rügt Schürr: "Das wäre eine politische Aufgabe gewesen. Die Satzung ist eines der stärksten Rechte des Stadtrates, sie kann nur vom Stadtrat aufgehoben werden." Der Heimatpfleger mahnt: Der Stadtrat müsse "mehr Gefühl entwickeln" - und zwar in zweierlei Hinsicht: Gefühl für "die eigenen Befugnisse" - und "Gefühl für die Erinnerungskultur."

Ist die Mikwe erhaltenswert?

Zum Beispiel: In den 80er Jahren ist auf dem Synagogenplatz eine Mikwe ausgegraben worden. "Ist sie erhaltenswert? Was ist mit den Resten der Synagoge?" Statt Baugenehmigungen zu erteilen, müssten diese Fragen geklärt werden, sagt der Heimatpfleger.

Andernfalls könnten die Befürchtungen von Rolf Kießling wahr werden: "Die alte Königsstadt Forchheim läuft Gefahr, sich gewaltig zu blamieren, wenn sie ihre jüngste Vergangenheit nicht ernst nimmt." Die Idee, in der Wiesentstraße 15 ein Wohnhaus bauen zu wollen, kann der Historiker nur mit einem "Mangel an Geschichtsbewusstsein" erklären. Als einer, der in der Nachkriegszeit aufgewachsen ist, könne er sich darüber "nur wundern", sagt Kießling: "Meine Eltern haben mir von dem Unrecht erzählt, das die Nazis angerichtet haben. Dafür bin ich ihnen heute noch dankbar". Kießling lobt auch den fraktionslosen Stadtrat Peter Kaiser. Ihm sei "hoch anzurechnen, dass er im Bauausschuss den Mut hatte, die historische Dimension deutlich anzusprechen".

Die Jungen Liberalen regten an, sich die Kleinstadt Kitzingen als Vorbild zu nehmen. Sie hat ihre Synagoge wieder aufgebaut. Patrick Schroll meint, die Stadt könne das Areal in der Wiesentstraße "in Verbindung mit einem solchen Wiederaufbau als kleines Kulturzentrum zu nutzen". Damit hätte Forchheim ein ganz besonderes Kulturzentrum und "gleichzeitig einen besonderen Beitrag zur Historie leistet", so Schroll.