Pretzfeld
Streit

Pretzfelder Trödelhändler bekriegt sich mit dem Jobcenter

Ein 51-jähriger Trödelhändler hat nach seiner Aussage kein Einkommen. Er erhält allerdings auch kein Geld vom Staat, weil er angeblich keinen Bedarf für sich und seine Familie nachweisen kann.
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Der Trödelhändler, der das Geschäft seiner Frau betreibt, macht seinem Unmut über die Haltung des Jobcenters per Plakat Luft. Foto: Josef Hofbauer
Der Trödelhändler, der das Geschäft seiner Frau betreibt, macht seinem Unmut über die Haltung des Jobcenters per Plakat Luft. Foto: Josef Hofbauer
Langsam steigt Trödelhändler H. die enge Treppen des zweistöckigen Hauses am Schlossberg 1 in Pretzfeld hinauf, um das Warenangebot zu zeigen. Die beiden Stockwerke sind voll gestopft mit allerlei Liebenswertem aus Großmutters Zeiten. Doch Wiederverkäufer haben die oberen Stockwerke seit Monaten nicht mehr gesehen. "Weil keine neue Ware nachkommt", sagt H., der mit seiner thailändischen Frau - die Geschäftsinhaberin - und zwei kleinen Kindern ohne Heizung zwischen Kisten und Kommoden lebt.

Verantwortlich für seine Lebenssituation macht der 51-jährige das Job-Center. "Ich bekomme nicht einmal Hartz IV. Offenbar interessiert es keinen, wenn wir hier verrecken", empört sich der Trödelhändler.


Sauerkraut-Dose als Heizing


Nach der Zwangsräumung der Wohnung in der Schulstraße in Pretzfeld ist H. froh, in dem 1718 errichteten ehemaligen Gasthaus, das er als Lagerplatz gemietet hat, überhaupt eine Bleibe gefunden zu haben. Das Angebot der Gemeinde, die ihn und seine Familie in ein leer stehendes Feuerwehrhaus einquartieren wollte, empfand er als Zumutung. Doch auch die jetzige Situation ist nur eine Übergangslösung. Der Gebrauchtwarenhändler schüttet Ethanol in eine leere Sauerkraut-Dose und zündet den Brennstoff an. "Das ist meine Heizung, außergewöhnliches Design, Luxus pur", übt sich H. in Sarkasmus.

Bürgermeisterin Rose Stark (SPD/Ökologen) sieht keinen Grund, hier tätig zu werden. "Wenn jemand an unsere Tür klopft und erklärt, dass er obdachlos ist, werden wir eine Bleibe für ihn suchen", versichert die Rathaus-Chefin. Den Begriff "Wohnung" vermeidet Stark. "Es ist ein Dach über dem Kopf mit Heizung, eine Notunterkunft, mehr nicht."

Zu überprüfen, in welchem Zustand das Wohnquartier ist, sei nicht Aufgabe der Gemeinde. Komme jemand finanziell nicht zurecht, sei das Jobcenter erster Ansprechpartner. Das Jugendamt schreite nur ein, wenn Indizien vorlägen, die auf eine Gefährdung des Kindeswohles hindeuteten. Dafür gebe es derzeit keinerlei Hinweise, weder vom Kindergarten, noch von der Grundschule. "Mit beiden stehe ich in regem Kontakt", versichert Rose Stark.


MIt Jobcenter auf Kriegsfuß


Mit dem Jobcenter steht der ehemalige Abbruchunternehmer, der aus gesundheitlichen Gründen auf Gebrauchtwarenhandel umgesattelt hat, auf Kriegsfuß. Seit er vor drei Jahren den Gebrauchtwarenhandel als Nebenerwerb auf den Namen seiner Frau angemeldet habe, sei er im Stich gelassen worden. Keine Beratung, kein Startdarlehen, nichts. "Wir sind kein Auskunftsbüro", zitiert H. den damaligen Sachbearbeiter.

Auch ohne Hilfe versuchte er sich mit seinen Second-Hand-Artikeln eine Existenz aufzubauen. Fast jeden Euro, den er eingenommen habe, habe er in neue Ware investiert, schildert der Gebrauchtwarenhändler seine Bestrebungen.


Den Geldhahn zugedreht


Anfangs habe er noch Leistungen vom Arbeitsamt, dann vom Jobcenter bekommen. Bis Dezember 2010. Dann wurde der behördliche Geldhahn zugedreht. Warum? "Weil wir nach Thailand geflogen sind", erklärt der Trödler, der sich ungerecht behandelt fühlt, weil er diese Reise der Behörde rechtzeitig angezeigt habe. H. fühlt sich schikaniert, denn niemand sei für ihn zuständig. "Da ist beim Jobcenter jedes Mal ein anderer da, der von mir Einkunftsprognosen für das nächste halbe Jahr verlangt. Aber ich bin kein Hellseher. Woher soll ich wissen, ob ich was verkaufen kann", erregt sich der Trödler.

Seine Einkünfte und Ausgaben hat er in einem DinA4-Heft aufgeschrieben. "Lückenlos seit 2010", betont H., doch mehr als 300 Euro blieben im Monat nicht übrig.

Die Folge: Er ist mit der Miete im Rückstand, hat seit Monaten keine Stromrechnung mehr bezahlt, geschweige denn Krankenkassen-Beiträge. "Ich habe mir überall Geld geliehen und weiß nicht, wovon ich die Schulden zurückzahlen soll."


Fast alles verloren


Am meisten in Rage gebracht hat den Gebrauchtwarenhändler aber die Tatsache, dass die Mitarbeiter des Forchheimer Jobcenters nach dem Tod seines Vaters, sein Erbteil eingeklagt haben. "Mir stand nichts mehr zu", beteuert H. "Dennoch wurde meine Mutter verklagt. So habe ich mein Zuhause, den Rückhalt meiner Mutter und den Lagerplatz verloren", empört sich der 51-jährige.

Und wie soll es weitergehen? H., der nach eigenen Angaben außer seinem roten Arbeitsanzug keine tragfähige Kleidung besitzt, zuckt mit den Schultern. Ein Würzburger Rechtsanwalt kämpft für ihn um die Anerkennung seiner Leistungsansprüche gegenüber dem Jobcenter.

"Derzeit erhält Herr H. nichts. Ein Gerichtsverfahren läuft", räumt Roland Dauer, Leiter des Jobcenters ein. Über den aktuellen Stand hält sich der Behördenleiter bedeckt. Nur so viel: "Die Akten dieses Falles sind drei Meter dick." Der seit drei Jahren in Pretzfeld lebende Trödler habe es bislang versäumt, seine Bedürftigkeit nachzuweisen.

Sachbearbeiter des Jobcenters bezweifeln die Angaben des Gebrauchtwarenhändlers. Vor allem seine Reisen nach Thailand sind der Behörde ein Dorn im Auge. Der Chef des Jobcenters ist überzeugt: "Herr H. will uns für dumm verkaufen." Deshalb bleibt der Behördenleiter hart: "Ohne Einkommensnachweis, kein Geld", verdeutlicht er die Marschroute des Jobcenters.

Auch wenn Frau und Kinder darunter leiden? "Was sollen wir tun." Die Familie sei eine Bedarfsgemeinschaft, die von H. recht patriarchalisch regiert werde, formuliert Dauer die Situation. Würde sich die Frau mit den Kindern von H. lossagen, wäre das etwas anderes.


Kampf geht weiter


Der Trödler indes beharrt auf der finanziellen Hilfe, die ihm seiner Meinung nach zusteht. Er hat sogar auf die Hilfe von der TV-Sendung "Akte 2012" gehofft. Vergeblich! "Zu überlastet", hieß es in dem Antwortschreiben des Senders. So ruht die Hoffnung des 51-jährigen momentan auf dem Würzburger Rechtsanwalt, der vor Gericht um staatliche Hilfen kämpft. Einer von vielen, wie sein Klient einräumt. Er hat bereits mehrere Juristen verschlissen. Mit unterschiedlichem Erfolg. Mal hat H. ein Verfahren gewonnen, mal eines verloren. Fortsetzung folgt.
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