Hallerndorf
Beziehungen

Polyamorie : Wie ist es, mehrere Menschen zu lieben?

Wer wie Katrin und Bruno Wissenz polyamor lebt, liebt mehrere Partner gleichzeitig. Innig, offen, gemeinschaftlich. Ihre Traumvorstellung: mit einer weiteren Frau dauerhaft zusammenleben. Sie sind nicht die einzigen Franken mit diesem Beziehungsstatus.
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Es muss nicht immer exklusiv sein: Polyamore Menschen wünschen sich Liebesbeziehungen mit mehreren. Auch in Franken leben Leute mit diesem Beziehungsstatus.Bogdan/fotolia.com
Es muss nicht immer exklusiv sein: Polyamore Menschen wünschen sich Liebesbeziehungen mit mehreren. Auch in Franken leben Leute mit diesem Beziehungsstatus.Bogdan/fotolia.com
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Ein Platz ist noch frei auf der Couch. Wie gerne wüssten Katrin und Bruno Wissenz diesen besetzt. Gesucht: eine liebevolle Frau, intelligent, witzig, aufgeschlossen. Die beiden sind glücklich, haben zwei Kinder, viele Hobbys, eine Katze. Sie sind eine ganz normale Familie aus einem Dorf vor den Toren Forchheims. Und doch unterscheiden sie sich von den meisten ihrer fränkischen Mitmenschen. Katrin und Bruno leben polyamor. Das heißt, sie lieben mehrere Menschen zur selben Zeit. Nicht im freundschaftlichen Sinne, sondern aus ganzem Herzen.

Ihre Wunschvorstellung: Eine weitere Frau lebt dauerhaft mit ihnen zusammen. Mit den Kindern, den Hobbys, der Katze. "Eine feste Partnerin zu finden, ist aber nicht leicht", sagt Katrin. Bruno ergänzt: "Viele haben uns nur als sexuelles Experiment genutzt." Sex aber ist nicht alles. Was sie wollen, ist eine große Familie. Eine, die nicht aus verwandtschaftlicher Abhängigkeit zusammenhält, sondern echter Gefühle wegen. Gleichberechtigt, langfristig.

Kommunikation ist das Fundament

Was für viele außergewöhnlich klingen mag, ist für die beiden der wahre Weg anhaltenden Liebesglücks. "In monogamen Beziehungen werden Bedürfnisse oft verschwiegen", sagt der 40-Jährige. Dass er und seine Frau stets offen über alles reden können, erkennt er als das Fundament ihrer Beziehung. Begriffe wie Eifersucht kursieren zwar auch in nicht monogamen Partnerschaften. "Aber wir begegnen Verlustängsten weniger emotional als andere, finden eher Lösungen", sagt Katrin.

Laura sieht das auch so. Die 29-jährige Nürnbergerin gehört ebenfalls der Poly-Szene an. Begeistert erzählt sie von ihrem Leben, ihrem Freund, ihren Vorlieben. Wie offen sie Fremden gegenüber sein kann, wie gerne sie neue Leute kennenlernt. Und das auch tut. "Tiefe Beziehungen geben mir viel", sagt Laura, die in Wirklichkeit anders heißt. Sei es in Freundschaften, in Beziehungen, beim Sex. Aktuell hat sie neben ihrem Freund niemand Festen an ihrer Seite.

Er dagegen ist mit einer weiteren Partnerin zusammen, die wiederum verheiratet und Mutter eines Kindes ist. "Warum auch nicht?", fragt Laura. "Wir bekommen Monogamie vorgelebt, als gäbe es keine anderen Optionen." Sie selbst fühlt sich schon immer anders. Führte monogame Beziehungen, merkte aber stets, dass ihr etwas fehlt. "Ich wusste nur nicht was."

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Das führte zu Konflikten, ihre Beziehungen scheiterten. Seit sie vor drei Jahren den Begriff Polyamorie kennenlernte, geht es ihr besser. "Ein offener Mensch war ich schon immer. Jetzt kann ich endlich besser zu mir stehen", sagt sie zufrieden lächelnd. Der Begriff Polyamorie ist erst seit den 90er Jahren bekannt. Ähnliche Konzepte in unterschiedlichen Formen gibt es schon länger. Sie alle eint, Monogamie als gesellschaftliche Norm zu hinterfragen. Liebe verstehen sie nicht als endliches oder limitiertes Gut, sie verringert sich beim Teilen nicht. Ein beliebter Vergleich: Eltern, die jedes ihrer Kinder gleich viel lieben können.

Hat die Monogamie ausgedient?

Wer offen polyamor lebt, wird mit Vorurteilen konfrontiert: beziehungsunfähig, sexsüchtig, abnormal. "Das ist Quatsch", sagen sie. Vielmehr glauben viele, dass ihre Beziehungsform die bessere ist - so sich die Menschen trauen, sich auf sie einzulassen. Dabei grenzen sie sich bewusst von anderen Formen nicht monogamer Verhältnisse ab. Etwa den Swingern, denen es in erster Linie um sexuelle Spielarten geht. Oder der sexuellen Revolution der 1960er Jahre. Deren "freier Liebe" wohnte ein politischer Zauber inne - Promiskuität als Abgrenzung zur Masse der biederen Gesellschaft. Getreu dem Motto: "Wer zweimal mit demselben pennt, gehört schon zum Establishment".

Polyamorie ist anders, es geht um Emotionen. Aber kann es das Beziehungsmodell der Zukunft sein? Iris Barth glaubt nicht, dass jeder Mensch das Bedürfnis hat, polyamor zu leben. Miteinander zu reden, hält die Paartherapeutin aus dem Coburger Land für unerlässlich - und zwar in jeder Beziehung. Radikale Offenheit alleine ist aber kein Garant für weniger Probleme, sagt sie. "Das Glück ist nicht von der Beziehungsform abhängig. Glück kommt von innen." Sie kann nachvollziehen, dass Menschen die Polyamorie für sich wählen. In der Praxis aber sieht es nicht immer nur rosig aus. "Oft ist einer überzeugter als der andere, oft muss sich einer etwas verbiegen, um sich auf das Konstrukt einzulassen." Das bei allen Freiheiten ein enges Korsett bilden könne. Nicht selten hinterlässt das emotionale Verletzungen, meint Barth.

In der Tat, gänzlich frei von Zwängen ist auch die Polyamorie nicht. Es gibt je nach Absprache bestimmte Regeln, an die sich alle Beteiligten halten müssen. Etwaige Konflikte werden sofort thematisiert und besprochen. Weil aufrichtige Kommunikation für sie alles bedeutet. Was, wenn aber genau das einen der Partner mit der Zeit überfordert? Und: Wie viel Offenheit verträgt ein Mensch wirklich? Laut Katrin und Bruno eine ganze Menge. Wie eine Studie des US-amerikanischen Psychologen Terri Conley von 2012 ergab, leben etwa vier bis fünf Prozent der Menschen weltweit polyamor. Auch in Franken ist die Szene aktiv: In Nürnberg und Erlangen etwa gibt es Stammtische, daneben existieren viele Foren und Gruppen im Internet. Das Nischendasein aber bleibt. "Das macht die Partnersuche nicht leicht", sagt Bruno. An Abfuhren hat er sich gewöhnt, sie stören ihn nicht. Er flirtet gerne. "Was gibt es Schöneres, als sich immer wieder neu zu verlieben?", fragt er und schaut seiner Frau tief in die Augen. Sie lächelt. Und nickt.

Polyamorie

Bedeutung Der Begriff Polyamorie ist ein Kunstwort aus dem griechischen "polýs" (viel, mehrere) und dem lateinischen "amor" (Liebe).

Gleichberechtigt Er bezeichnet eine Form des Liebeslebens, bei der Menschen mehrere Partner lieben. Dies ist allen Beteiligten bekannt und wird einvernehmlich gelebt.

Divers Alle Geschlechtskombinationen und Gruppengrößen sind bei der Polyamorie möglich.

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