Ermreuth
Heimatgeschichte

Pogrom 1938: Übergriffe auf Juden in Ermreuth

Der Jahrestag der Pogromnacht 1938 rückt das Gräuel an der jüdischen Bevölkerung in den Vordergrund. In Ermreuth gibt es neue Erkenntnisse über das Geschehen.
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Das Lazarus-Haus in Ermreuth Foto: Petra Malbrich
Das Lazarus-Haus in Ermreuth Foto: Petra Malbrich
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Es war die Pogromnacht, die das Leben vieler jüdischer Bürger für immer veränderte oder gar vernichtete. Es war der Beginn einer unfassbaren Menschenverfolgung. Auch die jüdischen Bürger in dem kleinen Dorf Ermreuth wurden in der NS-Zeit diskriminiert und verfolgt.

Die Ermreuther Juden waren allesamt gut integriert. Der jüdische Lehrer fungierte als Gemeindeschreiber. Juden waren im Gemeinderat vertreten. Seit Generationen führten sie deutsche Familiennamen wie beispielsweise Hönlein, Mirsberger, Reichold oder Wimmelbacher. Für Historiker ist es eine Herausforderung, das Leben der jüdischen Familien bis in Zeit des Nationalsozialismus aufzuzeigen. Eine Herausforderung, die der Heimatforscher und frühere Gymnasiallehrer Rolf Kießling angenommen hat. Unweigerlich stieß er dabei auf die Pogromnacht.

Was geschah damals in Ermreuth? Vielfach bezeugt ist, dass die Synagoge geschändet wurde. Dies fand jedoch nicht in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 statt, eher ein oder zwei Wochen später. Dass SA-Leute nach Ermreuth unterwegs waren, um jüdische Bürger zu verprügeln, daran erinnern sich auch Gräfenberger Zeitzeugen, deren Familien damals dabei waren.

Allerdings weisen diese Zeitzeugen darauf hin, dass der NSDAP-Kreisleiter Carl Ittameier sich geweigert habe, ein Todesurteil zu vollstrecken, unter Androhung eines eigenen Prozesses. 1943 wurde er deshalb aus der Partei ausgeschlossen. Dies wurde in den Geschichten über Kreisleiter Ittameier nach Aussagen der Zeitzeugen bislang noch nie erwähnt. In jener Pogromnacht war nach Meinung der Historiker der Kreisleiter nicht in Ermreuth. "Doktor Carl Ittameier aus Gräfenberg war in der Nacht nachweislich in Forchheim und maßgeblich an den Ausschreitungen gegen die Forchheimer Juden beteiligt", erklärt Rolf Kießling.

Die Synagoge verwüstet

Erwiesen ist auch, dass das Innere der Synagoge verwüstet wurde. "Gebetbücher wurden einfach auf die Straße geworfen", sagt Kießling. Hölzerne Einrichtungsgegenstände wie die Gebetspulte wurden vor das Dorf gekarrt und dort verbrannt. Auch Bücher und wichtige Archivalien landeten auf dem Scheiterhaufen. Gegenstände aus Silber wie der Jad, ein Finger zum Lesen der Tora, oder die Leuchter aus Messing wurden angeblich ins Schloss gebracht. "Nach dem Krieg wurde ein Prozess gegen Leute geführt, die sich an den Juden vergingen. Doch über den Angriff auf die Synagoge habe ich bislang noch nichts gefunden", sagt Kießling.

Ein zweiter Übergriff richtete sich direkt gegen die jüdischen Einwohner von Ermreuth. Funktionäre der NSDAP, allen voran Kreisleiter Ittameier, kamen mitten in der Nacht in zwei Autos nach Ermreuth und nahmen Hausdurchsuchungen vor. Gesucht wurden Schächtmesser und Waffen.

Prozess in Bamberg

Wegen dieser Übergriffe wurde 1949 ein Prozess in Bamberg geführt. "Ein genaues Datum wird in den Prozessakten aber nicht genannt", berichtet Kießling. Bei dieser Aktion im November 1938 wurde auch Max Wassermann Opfer der Nazis. Er wurde tätlich angegriffen und misshandelt. Es stimmt allerdings nicht, wie behauptet wird, dass der Viehhändler Wassermann an den Folgen der Misshandlungen gestorben sei.

In keinem jüdischen Haus wurden jedoch Waffen gefunden. Trotzdem kam es zu Übergriffen. "Betten wurden aufgeschlitzt, Gegenstände zerstört", erklärt Kießling. Seine Rechercheergebnisse hat Kießling in seiner Broschüre "Die letzten Juden von Ermreuth" zusammengetragen. Die Broschüre ist bereits vergriffen.

Flucht nach Dachstadt

"Max Wassermann konnte in der Nacht nach Dachstadt fliehen und einen Bekannten bitten, ihn nach Nürnberg zu fahren. Von Nürnberg aus gelangte er ins jüdische Krankenhaus in Fürth und wurde dort ärztlich versorgt", weiß Rolf Kießling.

1939 sah sich die Familie Wassermann gezwungen, nach Nürnberg umziehen. Auch alle jüdischen Einwohner Ermreuths verließen 1939 gezwungenermaßen ihren Heimatort und übersiedelten nach Nürnberg. Gestorben ist Max Wassermann 1942 an Magenkrebs. Dieses Jahr ist auch im Grabstein von Max Wassermann eingraviert. Im selben Jahr, als Max Wassermann schwer krank im Fürther Krankenhaus lag, wurden seine Frau Betty, die Tochter Bella und die Söhne Werner und Kurt ins Lager Izbica bei Lublin deportiert. Von dort kamen sie in eines der Vernichtungslager. Nur der Sohn Bernhard Wassermann konnte rechtzeitig in die USA emigrieren.

Die bis 1939 in Ermreuth lebenden Juden sind von Nürnberg deportiert worden, auch viele Juden, die in Ermreuth geboren wurden, darunter viele Mitglieder der Familie Hönlein.

Dass die Juden in die Dorfgemeinschaft integriert waren, zeigen auch die Besitzer des typischen Traufhauses Dachstadter Straße 3 (alte Hausnummer 21). Es wurde um 1800 Lazarus-Haus genannt. Gemeint war der Jude Lazarus Koppel. Dessen Söhne Männlein, der sich dann Mirsberger nannte, und Jondorf, der sich Gutmann nannte, lebten in dem Haus. Später ging das Haus in den Besitz des jüdischen Glashändlers Jakob Michael Hönlein über. Auch dessen Nachkommen wurden in der NS-Zeit verfolgt, etliche von ihnen wurden ermordet.

Anmerkungen eines Historikers

Der Historiker Manfred Franze aus Ebermannstadt teilt ergänzend dazu mit: In Ermreuth lebten 1938 noch 17 Juden. Nach den Forschungen von Rolf Kießling sind deren Häuser und auch die Synagoge "erst geraume Zeit nach der Reichspogromnacht" verwüstet worden. "Richtig ist", so Kießling, "dass der Viehhändler Max Wassermann von einer oder mehreren Personen, die nachts in sein Haus eingedrungen sind, tätlich angegriffen worden ist. Das genaue Datum dieses Übergriffs konnte im Prozess [1949] nicht mehr ermittelt werden."

Insofern muss auch die Darstellung auf www.alemannia-judaica.de/ermreuth_synagoge.htm (Zugriff 1. November 2019) korrigiert werden, wo es unter Bezug auf das Novemberpogrom 1938 heißt: "Bei den Ausschreitungen wurde das Gemeindemitglied Max Wassermann vom Ortsgruppenleiter der NSDAP brutal misshandelt." Der NSDAP-Ortsgruppenleiter Christian Oßmann bestritt 1949 vor dem Amtsgericht Bamberg, das Haus von Wassermann überhaupt betreten zu haben, und wurde dementsprechend aus "Mangel an Beweisen" freigesprochen.

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