Forchheim
Notstand

Platz in der Gesellschaft erkämpft

Wenn behinderte Menschen alt werden und Pflege brauchen, dann droht ihnen oft die Abschiebung in ein Altenheim. Das Schicksal von Claudia Römer ist kein Einzelfall.
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Claudia Römer (links) mit ihrer Schwester Christine Schneider. Foto: p
Claudia Römer (links) mit ihrer Schwester Christine Schneider. Foto: p
Die Vorstellung, Claudia würde in einem Altenheim wohnen - "nicht auszudenken", sagt Christine Schneider. Nach einer Odyssee des Suchens ist es der 45-jährigen Forchheimerin gelungen, ihre 53-jährige Schwester Claudia Römer in der Diakonie Bruckberg unterzubringen; einer Einrichtung, die auf die Pflege von alten und behinderten Menschen spezialisiert ist.
Hinter der Geschichte von Christine Schneider und ihrer behinderten Schwester steckt ein grundsätzliches Problem: Die Gesellschaft ist nicht vorbereitet auf die Pflege behinderter Menschen im Alter. "Die Problematik mit älteren Behinderten hat sich erst in der Nachkriegszeit entwickelt", sagt Bernhard Rettig, der Leiter des Fachbereichs für soziale Angelegenheiten am Landratsamt Forchheim.

Behinderte versteckt gehalten

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden behinderte Menschen systematisch ermordet.
Und nach dem Krieg hatte lange niemand einen Überblick, wie viele Menschen mit Handicap überhaupt im Lande leben. "Bei vielen galt es als Schande, ein behindertes Kind zu haben", sagt Bernhard Rettig. "Daher sind viele behinderte Menschen nicht öffentlich in Erscheinung getreten."
Viele Regionen in Deutschland sind bis heute nicht gut auf den Umgang mit Behinderten eingerichtet. Das stellt auch Wolfgang Kaps fest, der Geschäftsführer des ASB Forchheim. "Das Problem hab ich schon seit der 90er Jahre benannt", sagt Kaps, "aber es wurden keine politischen Voraussetzungen geschaffen". Was seine eigene Einrichtung betrifft, hat Kaps aber erfolgreich reagiert.
52 Menschen leben im ASB-Wohnheim. Und das wurde so weit umgestaltet, dass sie Bewohner auch im Alter bleiben können. "Manche Sachen, wie künstliche Beatmung, das können wir nicht leisten", sagt Wolfgang Kaps. Aber im Heim gebe es ein Mix aus pädagogischem Personal und aus Pflegerinnen. Und es gibt Pflegebäder und einen Bettenaufzug. All das hat der ASB selbst finanziert. "Wer 20 Jahre sein Zuhause hier hatte, der hat das Recht, zu bleiben", sagt Kaps. Sechs Bewohner seien aus der der Werkstatt ausgeschieden - und sie konnten im Wohnheim bleiben.

Ärzte vor einem Rätsel

Genau diese Erfahrung durfte Claudia Römer nicht machen. "Solange sie fit war und trotz ihrer Behinderung arbeiten konnte, war alles kein Problem", erzählt Christine Schneider über ihre Schwester. Deren Leidensgeschichte begann als Mädchen. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr war Claudia gesund. Plötzlich traten Lähmungen auf. Nach langen Klinikaufenthalte n wurde die junge Frau völlig aus ihrem Alltag gerissen. "Die Ärzte standen vor einem Rätsel", erinnert sich Christine Schneider. Ab dem 18. Lebensjahr musste Claudia mit einer geistigen und körperlichen Behinderung leben.
Zuerst im Haus der Eltern. Nach dem Tod der Eltern kam sie zur Lebenshilfe nach Bamberg; dann in eine Einrichtung in Stegaurach. "Wir dachten, hier kann sie bleiben, bis sie stirbt", sagt Christine Schneider. Doch dann veränderte sich der Zustand von Claudia. Sie konnte immer schlechter laufen; insgesamt wurde ihre körperliche Verfassung schlechter und sie kam in die Pflegestufe.
Da sie in Stegaurach nicht gepflegt werden konnte, wo sollte sie nun leben? Nach fast 30 Jahren im Wohnheim plötzlich die harte Nachricht: Claudia sei "nicht mehr tragbar", die einzige Option sei ein Altenheim.
"Das war für mich grausam und unvorstellbar, meine Schwester mit 53 Jahren in einem Altenheim zu wissen", sagt Christine Schneider. Das habe ihren "Kampfgeist" geweckt. Aber bei der Suche nach einer Bleibe stieß sie auf Mauern: Zahllose Anrufe in Heimen, auch in Forchheim, brachten nichts. Ohne die Hilfe von Rolf Jürgen Freese, dem Behindertenbeauftragten von Oberfranken, wäre Claudia wohl in einem Altenheim gelandet, meint ihre Schwester Christine: "Wir legten Widerspruch gegen eine Verlegung in ein Altenheim ein." Und dann fand sich der Pflegeplatz bei der Diakonie in Bruckberg. Christine Schneider: "Es ist ein befriedigendes Gefühl zu wissen, dass sich all die Mühen gelohnt haben, für meine Schwester einen angemessenen Platz in unserer Gesellschaft zu finden."
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