Forchheim
Literatur

Natascha Wodin und ihr Buch des Nichtfindenkönnens

Die in Forchheim aufgewachsene Bestsellerautorin Natascha Wodin las beim Literaturfest in Fürth aus ihrem neuen Werk "Irgendwo in diesem Dunkel".
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Das Literaturfest in Fürth wurde mit einer Autorenlesung von Natascha Wodin aus ihrem neuen Buch "Irgendwo in diesem Dunkel" eröffnet.                                           Foto: Mike Wuttke
Das Literaturfest in Fürth wurde mit einer Autorenlesung von Natascha Wodin aus ihrem neuen Buch "Irgendwo in diesem Dunkel" eröffnet. Foto: Mike Wuttke
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Die Stadt Fürth und der kleine fränkische Nachbar Forchheim sind zu einer Art Epizentrum für das literarische Schaffen der heute in Berlin lebenden Schriftstellerin Natascha Wodin geworden. Das verdeutlichte die Auftaktveranstaltung zum Literaturfest "Lesen! In Fürth" den Zuhörern im voll besetzten Kulturforum.

Die Mehrzahl ihrer zehn bisher erschienenen Romane beschäftigt sich mit ihrer Kindheit und Jugend in den Nachkriegslagern ehemaliger sowjetischer Zwangsarbeiter und in den "Häusern" am Rande Forchheims. Die 74-Jährige wurde in Fürth geboren und ausgerechnet hier begann ein Wendepunkt, an dem sie die Früchte ihrer bisherigen Arbeit ernten konnte. Beim Literaturfest 2016 las sie aus ihrem Buchmanuskript "Sie kam aus Mariupol", mit dem sie ihrer Mutter, die 1956 den Freitod in der Regnitz suchte, ein berührendes Denkmal setzte. Das 2017 erschienene Buch stand sechs Monate in der Spiegel-Bestsellerliste.

Buchpreis der Leipziger Buchmesse

"Ab hier gab es ein Leben davor und danach", sagte sie dem Kulturredakteur Dirk Kruse vom Bayerischen Rundfunk, der auf der Bühne das Autorengespräch führte. 2018 schließlich wurde Natascha Wodin mit dem Buchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Sie hatte vorher schon einen gewissen Erfolg, den renommierte Preise auch würdigten. Davon leben zu können, sei schwierig gewesen. "Ich führte ein ruhiges Leben am Schreibtisch. Durch das Buch habe ich mir eine Rente erarbeitet", gestand sie lächelnd, "jetzt bin ich ständig unterwegs, komme kaum noch zum Schreiben."

Mutterbuch und Vaterbuch

Ob denn nach dem "großen Mutterbuch ein großes Vaterbuch" fällig war, fragte Dirk Kruse. In der Tat sei es so gewesen, antwortete die Autorin, dass der Verlag (Rowohlt) dies anregte, und der Gedanke habe sie nicht mehr losgelassen. Obwohl der Vater "kalt und hart" gewesen sei, wollte sie sich sein Leben anschauen. Ihm nach unsäglichen Erlebnissen und Erfahrungen auf der Flucht mit der Ehefrau 1944 von Mariupol nach Odessa bis in das Zwangsarbeiterlager der Flick-Werke für Flugzeugmontage nach Leipzig "Gerechtigkeit widerfahren lassen". Das Buch "Irgendwo in diesem Dunkel" sollte eine Versöhnung sein. Aber das sei ihr nicht gelungen. "Er bleibt ein Rätsel. Punkt." Sie habe ein "Buch des Nichtfindenkönnens" geschrieben. Ganz im Gegensatz zur Recherche über das Leben ihrer Mutter. Literarisch fand sie den Weg, über sich zu erzählen, um über den Vater erzählen zu können.

Ihr Werk ist dominiert von einer ungeheuerlichen, oft schonungslosen Geschichte des gewalttätigen Vaters, jedoch in einer klaren, von Poesie getragenen Sprache vorgetragen, der Kruse eine hohe literarische Qualität zuerkannte. Die sich im Übrigen durch alle ihre Werke ziehe.

Im ersten Teil der Lesung schilderte Wodin die Massendeportation Hunderttausender zur Zwangsarbeit aus den Ostgebieten, die mit Aufrufen zur Freiwilligkeit für das "deutsche Paradies" begann und bald in Menschenjagden abglitt. Allein aus Mariupol, der Hafenstadt am Asowschen Meer, wurden 60.000 Menschen in Viehwaggons gepresst und ins Großdeutsche Reich verbracht, zur Ausbeutung und "Vernichtung durch Arbeit". Wie das ausgesehen hat, verdichtet die Autorin in den Verhaltensweisen ihres Vaters gegenüber der Familie: Abneigung gegen jede Form von Schmutz, die sich im Terror gegen Mutter und Tochter entlud ("in jedem Staubkorn sah er Lagerdreck"), Lärmempfindlichkeit aufgrund des akustischen Dauergewitters im Flugzeugwerk, des Brüllens des Wachpersonals und der Schreie der Mitkasernierten, und die brutalen Schläge aus dem erlebten Züchtigungsrecht der Lageraufsicht.

Ablehnung der Sprache

Schließlich die konsequente Ablehnung der deutschen Sprache, also die Sprache der Besatzer. Deshalb musste Natascha schon als Kind für den Vater Dolmetscherdienste leisten. Und dennoch musste es im Lager in Leipzig einen Ort gegeben haben, an dem eine heimliche Umarmung möglich war. Als die Amerikaner das Lager befreiten, war Natascha drei Monate alt.

Kein "Abarbeiten von Erinnerungen"

Den Buchanfang, in dem sie das Abschiednehmen bei der Beerdigung in Forchheim 1989 schildert, stellte Natascha Wodin in den zweiten Teil der Lesung. Ihr persönliches Requiem für den Vater, der - offen aufgebahrt nach orthodoxer Sitte - im Anblick des Todes ihr viel natürlicher erschien als das Leben seiner letzten Jahre, die er isoliert in einem Forchheimer Altenheim verbrachte. Das Buch sei kein "Abarbeiten" von belastenden Erinnerungen an den Vater, widersprach Wodin einer Vermutung Kruses, "das geschieht vorher". Sie habe sich mit der Form und der Sprache des Stoffes auseinandergesetzt. Und sie habe den Ton gefunden "bis zu den geschälten Wörtern". Eine Formulierung, die dem Kulturredakteur und Schriftsteller Kruse sehr gefiel und die er zum Schlusswort erhob.

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