Forchheim
Lexikologie

Meinen wir immer, was wir sagen?

Was sagen wir, wenn wir ein Sprichwort benutzen, da eigentlich manchmal? Rolf-Bernhard Essig brachte in der Kaiserpfalz "Licht ins Dunkel" der Wörter.
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Das Fresco im Erdgeschoss des Pfalzmuseums bot Essig einige Beispiele für den Ursprung von Sprichwörtern.Pauline Lindner
Das Fresco im Erdgeschoss des Pfalzmuseums bot Essig einige Beispiele für den Ursprung von Sprichwörtern.Pauline Lindner
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Der "Löwenanteil" hat schon 2500 Jahre auf dem Buckel, denn diese Redewendung geht auf eine Fabel des antiken Schriftstellers Aesop zurück, in der ein Fuchs eben dem Löwen die ganze Beute zusprach. "Ich hab' kein Foto für dich": Diese Wendung für eine Ausladung bringt es nicht einmal auf 25 Jahre, ist sie doch der Standardspruch von Heidi Klum in ihrer Model-Show.

Diese Beispiele zeigen, dass bildhafte Reden die Zeiten überdauern, aber auch zu jeder Zeit neu geschaffen werden. Wen wundert es da, dass Rolf-Bernhard Essig, der "Sprichwörterpapst", bei seinem Gang durch das Pfalzmuseum vom "Hundertsten ins Tausendste", vom "Hölzchen aufs Stöckchen" kam, wenn er die Anregungen der Ausstellungsobjekte und die Assoziationen seiner zahlreichen Begleiter aufgriff.

In den Wandgemälden hatte Essig wahre Impulsgeber, besonders im Erdgeschoss, wo König David mit einem trompetenden Elefanten, einem Löwen und einem Hündchen die Wand schmückt. Schon der Schöpfer dieses Frescos hat es so komponiert, dass der Betrachter die Bildelemente mit ihm bekannten Begriffen und Geschichten verbinden konnte.

Aber sie sprechen auch heute noch: wie beim schon erwähnten Löwenanteil, beim Hund, auf den Mann kommen kann; beim biblischen Herrscher, der eben ein Mann ist, wie er im Buche steht. Sein flammender Bart ist das der des Kaisers, um den man sich streiten kann? Hier belehrt Essig, dass diese Redensart nichts mit hohen Tieren zu tun hat, es vielmehr Geisenbart heißen müsse.

Um dessen Wollqualität sollen sich schon antike Gelehrte gestritten haben, also ihre Denkenergie auf etwas völlig Unwesentliches verwandt haben. So gehören sie wohl in die Kategorie Korinthenkacker.

Aber das durfte dem Zuhörer gänzlich "schnuppe" sein, erfuhr er doch alsbald beim Schaukasten mit den Kerzenputzscheren, dass man damit die Kerze schneuzte oder eben putzte, indem der wertlose verbrannte Docht entfernt wurde, und der wurde Schnuppe genannt.

"Im Neuhochdeutschen erfuhr das Wort putzen einen Bedeutungswandel zu allgemein: reinigen", erläutert Essig. Und warnt gleich: "Wenn ein Mann seine Frau Putzi nennt, spielt er nicht auf deren Pflegevermögen an." Es hat sich nur die Schreibform dem Wort angenähert, denn der Ausdruck an sich hat denselben Stamm wie der Butzemann. Der wiederum bezeichnet ursprünglich einen Popanz, aber weil er als nett empfunden wurden, steht "butze" für drollig.

Das mag ein Kompliment gewesen sein für eine Frau. Heute würden wir uns dagegen eher verwahren. Solcher Bedeutungswandel oder diese Wertverschiebung mache es, so Essig, oft schwer, die wahre Herkunft eines Sprichworts oder einer Redewendung zu entschlüsseln.

Als Ersatz wird dann gern auf aktuell Naheliegendes zurückgegriffen. So hat jemand den "Sprung in der Schüssel" mit der Satelitenschüssel in Verbindung gebracht. "Da ist der Empfang dann nicht so gut", war dessen Konklusion, mit der er ganz nahe am Ursprung liegt. Das war die Vorstellung eines flüssigen Gehirns, das beim Sprung aus der Hirnschale tropft und so keine gute Denkleistung zulässt.

Oder etwas Übles wird umschrieben beziehungsweise verniedlicht. "Das trifft besonders auf Gott, Tod und Teufel zu." Die Palette reicht von "du lieber Herr Gesangsverein" bis zu "mein lieber Scholli".

Essig schätzt, es gebe in der deutschen Sprache um die 300 000 Redewendungen und Sprichwörter. Eine Erhebung in den 70er Jahren erbrachte, dass man im Durchschnitt am Tag 100-mal solche Ausdrücke benutzte. Essig hofft, seine Zuhörer zum genauen Hinhören motiviert zu haben, was das Aufspüren angehe und auch das Weitergeben an die junge Generation.

Und gelegentlich erfährt auch er Neues - im Bereich nur lokal gebräuchlicher Wendungen. Was den Nürnbergern der Tod von Forchheim ist, ist in Nordfranken der "Gschunden Mo vo Grunich". Essig kannte zwar die dahinterstehende Überlieferung von Kronachern, die bei der Belagerung von den Schweden gehäutet, also geschunden wurden, erfuhr aber erst durch einen seiner Zuhörer, dass man den Ausdruck noch heute für extrem schlechtes Aussehen verwende.


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