LKR Forchheim
Wahrheit

"Lügen ist wichtig für die Entwicklung"

Kinder können bis zum Vorschulalter nicht lügen. Lügen setzt einen Denkvorgang voraus und entwickelt sich erst im Lauf des Lebens.
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Lisa Meier (hinten) und Eva Schlebe (rechts) mit Kinder in der Hiltpoltsteiner "Kinderburg" Foto: Petra Malbrich
Lisa Meier (hinten) und Eva Schlebe (rechts) mit Kinder in der Hiltpoltsteiner "Kinderburg" Foto: Petra Malbrich

Kinder und Betrunkene lügen nicht, meint der Volksmund. Und das stimmt - zumindest was die Kinder betrifft.

"Kinder lügen nicht", bestätigt Andrea Roder, die Leiterin der evangelischen Kinderkrippe in Neunkirchen am Brand. Jedenfalls nicht bis zum vierten Lebensjahr, darüber sind sich die Erzieherinnen auch anderer Einrichtungen einig. Ab dem frühen Vorschulalter oder mit fünf Jahren und älter, sieht es schon ein bisschen anders aus. "Wenn Kinder etwas behaupten, dann sehen sie das so. Es ist ihre Wahrnehmung", erklärt Andrea Roder.

Wie oft sagt ein Kind auf Nachfrage, was es denn zum Frühstück gegessen hat, dass es nicht einmal gefrühstückt hat? Die Eltern schütteln dann verwundert den Kopf und sehen sich in dem Moment als Rabeneltern abgestempelt. Andererseits wird sich so mancher Erwachsener schon Sorgen machen, warum das Kind ohne Essen aus dem Haus geschickt wird. Vor allem, wenn diese Antwort mehrfach kommt.

"Wenn das Kind sagt, es hat nichts gefrühstückt, kann es sein, dass es jetzt schon wieder Hunger hat. Oder wenn es sagt, der Papa ist weg, die Mama ist jetzt ganz alleine, kann es einfach nur sein, dass der Papa auf einer Dienstreise ist", erklärt Roder die Wahrnehmung der Kinder, die für einen Erwachsenen oft wie Lüge aussieht.

Oder ein Kind isst immer Müsli zum Frühstück, nur heute ein Brot. "Das Kind verbindet Müsli mit dem Frühstück", erklärt Andrea Roder, warum das Kind bei der Frage nach dem Frühstück den Kopf schütteln könnte.

Orientierung an Erwachsenen

Was können Erwachsene nun tun, wenn sie wirklich wissen möchten, was passiert ist? "Erwachsene müssen anders nachfragen. Hast du heute schon einen Keks gegessen oder ein Brot?", nennt Roder andere Möglichkeiten, die das Kind dann schon bejahen wird. "Die Kinder sind in ihrer Welt und sehen die Dinge anders als Erwachsene", erklärt die Krippenleiterin.

Ein kleines Kind lügt nicht, um andere nicht zu beleidigen, sondern nennt die Dinge beim Namen. "Ein Kind wird nie sagen, du bist schön oder chic angezogen, wenn sie es nicht so empfinden", sagt Roder und nennt ein weiteres Beispiel für eine andere Wahrnehmung, ohne dass es eine Lüge ist. Eine Frau mit kurzen Haaren und langer Hose bekleidet, kann von dem kleinen Kind als männlich benannt werden, weil es so den Mann als Bild im Kopf hat. Ebenso verhält es sich mit Ironie. "Kinder verstehen keine Ironie", erzählt Roder. Das Kind nimmt die Ironie als Wahrheit an. "Das bewusste Lügen entwickelt sich erst später, das lernt der Mensch im Lauf des Lebens, auch was man damit bewirken kann", meint Roder.

Heikel ist das Thema trotzdem. "Die Ehrlichkeit ist ein wichtiges Erziehungsziel", sagt Eva Schlebe, die Leiterin der "Kinderburg" in Hiltpoltstein. Trotzdem werden Kinder in späteren Jahren nicht nur zur Wahrheit, sondern auch zur Lüge erzogen, denn auch Erwachsene lügen. "Um andere nicht zu verletzen", nennt Schlebe ein Beispiel dafür. Die Kinder orientieren sich am Handeln der Erwachsenen. "Sie haben die Vorbildfunktion", erklärt Lisa Meier, die Leiterin der Hiltpoltsteiner Kindertageseinrichtung.

"Wenn ein Kind nicht lügen soll, muss die Wahrheit positiv bestärkt werden", sagt Schlebe. "Der Erwachsene muss dann auch akzeptieren, wenn das Kind die Wahrheit sagt, auch wenn das Kind sagt, es wisse das nicht mehr. Sonst besteht die Gefahr, das Kind zum Lügen zu erziehen", erklärt Meier. Das Kind erzählt dann einfach etwas, um die Eltern nicht zu enttäuschen, die offensichtlich eine Antwort erwarten.

Gründe fürs Lügen

Die Gründe, warum Kinder lügen, liegen damit schon auf der Hand. "Ein Kind lügt, wenn es sich in die Enge getrieben fühlt, auch von Spielkameraden, wenn das Kind nicht mehr weiter weiß, wenn es ständig kontrolliert wird, aus Angst vor Strafe, aus Scham und Schuldgefühlen heraus. Oder um Anerkennung zu erhalten", zählen Meier und Schlebe auf.

Trotzdem hat auch das Lügen einen wichtigen Vorteil: "Lügen ist wichtig für die Entwicklung", sagen die Erzieherinnen. Denn um plausibel zu lügen, braucht es einen komplexen Denkvorgang. "Das Kind muss wissen, was die Wahrheit ist, und die Lügen dann so anlegen, dass es ihm zugutekommt. Das Kind muss sich auch in den anderen hineinversetzen können, um zu wissen, ob der andere die Lüge erkennt", erklärt Schlebe. Mimik, Sprache und Stimme müssen also der Lüge angepasst werden. Je besser die Gehirnentwicklung, desto besser die Lüge. Und manchmal ist eine Lüge einfacher zu ertragen als die Wahrheit.

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