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Ebermannstadt
Vor hundert Jahren

Lieber Glocken als Geschosse

Während die Obrigkeit nichts unversucht ließ, den "Verteidigungskrieg" zu rechtfertigen, griffen allmählich Kriegsmüdigkeit und Friedenssehnsucht um sich.
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Die drei Ebermannstädter Kirchenglocken, die am 30. Juli 1917 abgenommen und für Kriegszwecke eingeschmolzen wurden.  Repro: Franze
Die drei Ebermannstädter Kirchenglocken, die am 30. Juli 1917 abgenommen und für Kriegszwecke eingeschmolzen wurden. Repro: Franze
Vor hundert Jahren befand sich Deutschland in einem Zweifrontenkrieg und hatte wegen des uneingeschränkten U-Boot-Krieges seit April 1917 zusätzlich auch noch die USA zum Feind. Auf dem Lande um Forchheim sei nach drei Jahren Krieg die "Stimmung der Bevölkerung ruhig, doch gedrückt", berichtete der Bezirksamtschef Josef Völker nach Bayreuth - und: "Allgemein wird ein baldiger Friede gewünscht."

In den drei örtlichen Zeitungen - dem "Forchheimer Tagblatt", der "Forchheimer Zeitung" und dem Ebermannstädter "Wiesent-Boten" - war wenig über den Wunsch nach "baldigem Frieden" zu lesen. Immerhin berichtete aber der "Wiesent-Bote" Mitte Juni 1917, dass auf dem internationalen Sozialistenkongress in Stockholm die deutschen Sozialdemokraten einen "Frieden ohne Annexionen" anstrebten und für die "Wiederherstellung eines unabhängigen Belgiens" einträten. Dem setzte das Blatt aber zwei Wochen später Generalfeldmarschall Hindenburgs Erklärung entgegen, dass "der Krieg für uns gewonnen ist, wenn wir den feindlichen Angriffen standhalten, bis der Unterseebootskrieg sein Werk getan hat. Unsere Boote machen gute Arbeit. Sie zerstören die feindlichen Lebensbedingungen stärker, als wir dachten. In nicht ferner Zeit werden unsere Feinde zum Frieden gezwungen sein."

Zwischen diesen beiden Positionen - "Verständigungsfrieden" und "Siegfrieden" - bewegten sich die Meinungen. Zu öffentlichen Kundgebungen in dieser Frage kam es aber in Forchheim und Umgebung nicht - im Unterschied zu Bamberg, Kulmbach, Naila und Hof, wo schon im Herbst 1916 sozialdemokratische Redner in Volksversammlungen Friedensresolutionen herbeigeführt hatten.


Als die Glocken verschwanden

Für mehr Aufregung sorgten die Glockenabnahmen, die zum Zwecke der Gewinnung von Edelmetallen Ende Juni 1917 stattfanden. In Forchheim mussten die Pfarrkirche St. Martin und die Gereonskapelle je zwei ihrer Glocken abgeben, in Ebermannstadt die Nikolauskirche und die Marienkapelle drei Glocken. In der Fränkischen Schweiz kamen die meisten Gemeinden der Ablieferungspflicht im Großen und Ganzen nach. Aber in Götzendorf, Niedermirsberg, Seibelsdorf, Kirchenbirkig und mehreren "anderen Kirchengemeinden" verschwanden die Glocken, als sie nach der Abnahme zwischengelagert werden mussten. In Kauernhofen verweigerte die Gemeinde sogar "die Herausgabe des einzigen Glöckchens", berichtete Josef Völker Anfang August an die Regierung, "weil es zur Brandverkündung diene", konnte dann aber "ohne Zwang zur Einsicht gebracht werden".

Der Bayreuther Regierungsdirektor Otto von Strößenreuther (1865-1958) musste nach München melden, dass die "Wegnahme der Glocken mehrfach die ländliche Bevölkerung" beunruhigte: "Teilweise scheinen die Leute, vor allem die Frauen, an den Glocken zu hängen, teilweise allerdings scheint man auch deshalb der Wegnahme der Glocken Schwierigkeiten entgegenzustellen, weil man andernfalls eine Verlängerung des Krieges fürchtet."
Das war tatsächlich die größte Sorge - die Furcht vor einem vierten Kriegswinter. Sie machte sich vor allem dort bemerkbar, wo sozialdemokratische Zeitungen gelesen wurden. In Oberfranken waren das die industrialisierte Region um Selb, Naila und Hof sowie der Landkreis Höchstadt, aus dem Arbeiter nach Erlangen und Nürnberg pendelten. "Geradezu gefährlich sind die Auslassungen sozialdemokratischer Zeitungen, welche durchblicken lassen, daß die Bevölkerung einen vierten Kriegswinter sich nicht mehr gefallen lasse und eine innere demokratische Neuorientierung auf dem Boden der jetzigen Regierungsform nicht erreichbar sei", fasste Strößenreuther die Stimmung in seinen Bezirken zusammen. "Diese und ähnliche Partei- und Zeitungstreibereien verwirren die Köpfe und richten einen unermeßlichen Schaden an."


Die Friedensresolution

Die Kritik Strößenreuthers bezog sich auch auf den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger (1875-1921), der sich vom anfänglichen Anhänger eines "Siegfriedens" zum Befürworter eines "Verständigungsfriedens" gewandelt hatte. Anfang Juli hatte er im Reichstag gefordert, sich daran zu erinnern, dass Deutschland im August 1914 in einen "Verteidigungskrieg" eingetreten sei und keinesfalls fremde Gebiete erobern wollte. Damit schwenkte er auf die Politik Philipp Scheidemanns (1865-1939) ein, der für die SPD schon im April 1917 ein Konzept für einen "Frieden ohne Annexionen" vorgelegt hatte. Zusammen mit der liberalen Fortschrittlichen Volkspartei verfügten SPD und Zentrum über eine Mehrheit im Reichstag und setzten am 19. Juli 1917 eine Friedensresolution durch, in der es hieß: "Der Reichstag erstrebt einen Frieden der Verständigung und der dauernden Versöhnung der Völker. Mit einem solchen Frieden sind erzwungene Gebietserwerbungen und politische, wirtschaftliche oder finanzielle Vergewaltigungen unvereinbar."

In den drei örtlichen Tageszeitungen wurde über die "Vorgänge in Berlin" berichtet, ohne dass große Freude darüber aufkam. Friede ja, möglichst schnell und bald, aber mehr auch nicht.
Schon vor der Verabschiedung der Friedensresolution hatte der "Wiesent-Bote" unter der Überschrift "Was erwarten wir vom Friedensschluß" einen Artikel veröffentlicht. Autor war der evangelische Theologe Reinhold Seeberg (1859-1935), der sich nach dem Krieg der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) anschloss.


Auf dem Land blieb es ruhig

Dem "deutschen Militarismus" sei es zu verdanken, dass der Zar in Russland gestürzt, Polen und Flamen befreit und die Vormacht der Engländer auf den Weltmeeren gebrochen worden sei. Man wolle gar nicht "Fremde zu Deutschen machen, sondern nur angliedern", um das deutsche Reich vor neuen Angriffen zu schützen. Dafür seien "ein paar Millionen unserer Besten doch für den Sieg gefallen oder für den Sieg zu Krüppeln geworden. Wollen wir ihnen die Treue nicht halten?"

Zwei Tage nach der Friedensresolution des Reichstag erklärte sich in München der Vorstand der bayerischen Zentrumsfraktion, der auch der Forchheimer Landtagsabgeordnete Hans Räbel angehörte, einstimmig für die "Herbeiführung eines ehrenvollen Friedens, der die dauernde Sicherung einer günstigen politischen und wirtschaftlichen Entwicklung unseres deutschen Vaterlandes gewährleistet."

Das war eine klare Absage an den Parteifreund Erzberger und insgesamt an die parlamentarische Reichstagsmehrheit.

Ein entschiedener Gegner der Friedensresolution wie auch der Parlamentarisierung war auch Luitpold Weilnböck (1865-1944), der als Abgeordneter der Deutschkonservativen Partei den Wahlkreis Forchheim-Kulmbach-Pegnitz-Ebermannstadt im Reichstag vertrat.

Argwöhnisch beobachtete der Bayreuther Regierungsdirektor Strößenreuther die Entwicklung in Oberfranken. Er berichtete nach München, dass seine Bezirksamtmänner allein nicht mehr in der Lage seien, sich gegen die "törichten Gerüchte und Schwätzereien", die "Hetzreden von Parteiführern und anderen schwer faßbaren Elementen" durchzusetzen: "Die unzufriedensten Elemente, jene Kreise, welche über alle staatlichen Maßnahmen losziehen, offen und geheim hetzen und Mißtrauen säen, sitzen vornehmlich in den größeren Städten."
Tatsächlich - während es in den größeren Städten zu brodeln anfing, die Arbeiterschaft auf Veränderung drängte, blieb auf dem Land alles beim Alten. Kritische Stimmen gegen die Monarchie und die Heeresführung waren so gut wie nicht zu hören.