Hetzles
Leserwanderung

Leuchtturm-Projekt der fränkischen Kulturlandschaft: FT-Leser erleben die Hetzleser Kopfeichen hautnah

Was haben geköpfte Bäume mit der fränkischen Textilindustrie zu tun? Bei einer Wanderung erkundeten FT-Leser und -Leserinnen die einzigartigen Kopfeichen.
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Foto: Ronald Heck
Foto: Ronald Heck
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Dutzende von Menschen scharen sich um uralte, dicke, morsche Bäume und lauschen gespannt. Was ist da los am Fuße des Hetzleser Berges? Der Fränkische Tag Forchheim steckt dahinter: Zum Abschluss der Wanderserie haben wir unsere Leser und Leserinnen auf eine gemeinsame Tour eingeladen. Die fünf Kilometer lange Wanderung mit dem Landschaftspfleger Leonhard Anwander wurde zu einer spannenden Reise in die Geschichte der Textilherstellung, die die Region nachhaltig geprägt hat. Die Spur der einzigartigen Hetzleser Kopfeichen führt nicht nur nach Forchheim und Franken, sondern reicht bis nach Frankreich.

Auf die Erkundungstour starten die 35 Wanderer und Wanderinnen an der Pfarrkirche St. Laurentius. Nach kurzem Marsch durch das beschauliche Hetzles mit seinen Fachwerk-Fassaden und vielen ehemaligen Bauernhäusern stößt die Gruppe schon am Ortsrand auf die ersten der mehr als 1000 erhaltenen, mächtigen Kopfeichen. "So eine Kopfeichen-Landschaft wie am Hetzleser Berg gibt es nirgends sonst in Deutschland", betont Anwander.

Einzigartige Kulturlandschaft

Die markante Form mit dem "dicken Kopf" bekamen die Bäume, weil sie immer wieder auf derselben Höhe gestutzt wurden. Warum die Menschen rund um Hetzles ihre Eichen gerade auf einer Höhe von drei bis vier Metern zurückgeschnitten und dadurch diese einzigartige Kulturlandschaft geschaffen haben, dafür gibt es mehrere Gründe, erläutert der Mitarbeiter des Landschaftspflegeverbandes Forchheim. Die Hetzleser Landwirte haben früher die jungen Eichen-Äste abgeschnitten, da die gerbstoffreiche Rinde in den Gerbereien der Umgebung gebraucht wurde.

Geschält und fein zermahlen setzten die "Rotgerber" damit einen rötlichen Sud auf, in dem sie vor allem Rindshaut gerbten. Die heimischen Schuh- und Textilfirmen fertigten daraus reißfeste Lederprodukte wie Gürtel, Sättel, Schuhsohlen und Riemen. Auch in den fränkischen Webereien und Spinnereien - zum Beispiel im Forchheimer Traditionsunternehmen Weber und Ott oder den Stoffherstellern in Erlangen sowie Bamberg - war das Leder als Antriebsriemen der Webstühle unverzichtbar. Die Hetzleser pflanzten ihre kopfhohen Eichen entlang der Ackerwege, da sie die Flächen ringsum beweideten und bewirtschafteten. Wegen der zurückgeschnittenen Höhe konnten die Ziegen, Kühe und Schafe die Eichen nicht anfressen und die Bauern konnten die Äste einfach mit ihren Ladewagen einsammeln.

Frankreich in die "Fränkische"

Beim Wandern durch die alten Eichenalleen erklärt Anwander: "Die nächsten, die das auch so gemacht haben, lebten in Frankreich. In der Gegend um die alte Textilstadt Nantes an der Loire sieht es genauso aus wie hier." Wahrscheinlich haben diese Kopfeichen-Nutzung die Erlanger Hugenotten mit nach Franken gebracht. Es gebe hier eindeutige Verbindungen zwischen Frankreich und der Fränkischen Schweiz.

Ab den 1950er Jahren wurden zunehmend chemische Gerbstoffe genutzt. Nachdem Zweiten Weltkrieg gab es beispielsweise in Forchheim 18 Gerber, aktuell noch zwei. Die traditionelle Verwendung der Kopfeichen, von denen über 10 000 rund um Hetzles standen, fiel weg. Viele Bäume wurden fast 40 Jahre nicht mehr geschnitten und drohen durch ihr Eigengewicht auseinanderzubrechen.

Aber die alten Eichen sind heute bedeutender Lebensraum für viele Tiere und Insekten. Eine Vielfalt an Käfern bewohnen die Hölzer: 146 Arten sind nachgewiesen, darunter seltene und gefährdete Käfer wie der Eremit und der Kleine Eichenheldblock. "Jetzt haben wir diese tolle Naturlandschaft der Kopfeichen. Und indem wir die alte Kulturleistung des Zurückschneidens wieder machen, wollen wir diesen Spezial-Lebensraum schützen und die Arbeit der Großväter und ganzen Familien wieder in Erinnerung rufen", so der Landschaftspfleger.

Mit vielen spannenden Einblicken in die Kultur- und Natur der Region kehrten die FT-Leser und Leserinnen nach rund zwei Stunden Wanderung durch das "Kopfeichen-Land" wieder nach Hetzles zurück.

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