"In unserer Gesellschaft sind nicht die Intelligentesten und Kreativsten am erfolgreichsten, sondern diejenigen, die verschiedenste Privilegien genießen." Dieser Ansicht sind Kristina Lunz und Moritz Herde und sie haben beschlosse, das nicht einfach so hinzunehmen, sondern etwas dagegen zu tun.

Warum sie das wissen ist schnell erklärt: Die ehemaligen Schüler des Gymnasiums Fränkische Schweiz stammen aus einfachen Familien, in denen niemand studiert hatte. Dementsprechend schwer war es für die beiden, die beiden "Welten" zu verknüpfen.

Heute können die 28-Jährigen mit Erfolg zurückblicken. Nach Masterstudium Psychologie in Oxford von Kristina Lunz und Moritz Herdes Aufenthalten in Schanghai und Schweden sowie seinem BWL-Studium arbeiten beide in den verschiedensten Berufen.

Lunz ist für die Vereinten Nationen in Myanmar tätig und Herde ist nach den langen Auslandsaufenthalten nach Erlangen zurückgekehrt und arbeitet in der Firma seiner Familie. Nach einem Rückblick auf diesen beschwerlichen Aufstieg war den beiden klar: Gegen diese Bedingungen wollen wir etwas unternehmen.

So entstand ihr Mentorenprogramm "Auf Augenhöhe". Dabei sollen Schüler die Chance bekommen, sich mit Menschen aus dem weitgefächerten Netzwerk der beiden zu unterhalten und für sich lohnenswerte Erfahrungen aus den Gesprächen zu ziehen. Einer der Mentoren, die sich freiwillig für das Projekt engagieren, ist David Müller. Er studierte europäische Studien in Maastricht und Internationale Beziehungen in Genf und arbeitete zuletzt bei der "National Geographic Organisation International Alert" in Yangon in Myanmar. Mit der gesammelten Erfahrung in diesen Bereichen möchte er den Interessenten helfen, ihren eigenen Weg zu finden.

Warum das wichtig ist, erklärte Kristina Lunz: "Ich war in genau derselben Position wie ihr heute. Ich kam aus Reckendorf an das Gymnasium Fränkische Schweiz und hatte stets das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Zumal ich als Tochter einer Arbeiterfamilie diese Gesellschaftsklasse nicht kannte. Das hat sich auch während meinem Studium nicht geändert. Erst als ich von einer außenstehenden Person ermutigt wurde, mich mit meinem sehr guten Psychologie-Bachelor in Oxford zu bewerben, konnte ich immer mehr Selbstvertrauen fassen. Und genau so einen Anstoß sollt auch ihr bekommen."

Laut Lunz und Herde ist die soziale Herkunft primär entscheidend für Erfolg. Diese These belegten sie auch mit Zahlen. Laut einer Studie von 2014, einer Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, haben von 100 Kindern aus Haushalten, in denen mindestens ein Elternteil studierte, 74 ein Studium begonnen. Von 100 Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund schafften dagegen 21 den Sprung an eine Hochschule.

Der Harvard-Professor Robert Putnam beschrieb dieses Problem in der amerikanischen Gesellschaft so: "Es ist wahrscheinlicher, dass weniger schlaue, reiche Kinder einen Universitätsabschluss erreichen als schlaue, arme Kinder." Das möchten Kristina und Moritz ändern.

Sie wollen die Menschen herausholen und ihnen neue Menschen und vielleicht auch Vorbilder vorstellen. Denn die beiden Initiatoren sind sich einig: "Vorbilder sind wegweisend."

"Wir wollen mit unserem Mentorenprogramm das soziale Gefüge stärken, dem gesellschaftlichen Auseinanderdriften entgegenwirken. Ebenso sehr möchten wir, dass sich Menschen aus unterschiedlichen Lebensrealitäten begegnen." Gemeinsam mit den Schülern wollen die von Kristina Lunz und Moritz Herde ausgewählten Mentoren diesen Strukturen etwas entgegensetzen.

Beide sollen voneinander und den jeweils anderen Realitäten profitieren. Gleichzeitig wissen die Mentoren auch, worauf sie sich eingelassen haben.

Das ganze Projekt entstand vollkommen unentgeltlich und entsteht allein durch das Bestreben, Strukturen aufzubrechen und dafür auch etwas Verantwortung zu übernehmen. Daher bezeichnen die Initiatoren die Helfer nicht nur als Mentoren, sondern auch als Aktivisten.

Sie möchten andere Lebensrealitäten kennenlernen und sind an einem Austausch auf Augenhöhe interessiert. Das Idealziel dabei ist, Kinder aus weniger privilegierten Verhältnissen mit Menschen in regelmäßigen Kontakt bringen, die für sie über die eigene Familie hinaus Vorbild und Inspiration sein können. Frei nach dem amerikanischen Sprichwort: You can't be, what you can't see (Du kannst nur das sein, was du auch siehst).
Ob dieses Programm erweitert wird, liegt am Erfolg in der Pilotphase, "die jetzt circa ein Jahr dauert", wie Moritz Herde erklärte. "Das Ziel ist aber ganz klar, so viele Menschen wie möglich, gern auch an Mittel- und Realschulen, zu erreichen."