LKR Forchheim
Pogromnacht

Kreis Forchheim: Als Nazi-Trupps Hetzjagden veranstalteten

Am 9. November 1938 kam es auch in Forchheim und der Region zu "spontanen" Ausschreitungen, Brandstiftungen und Misshandlungen der jüdischen Bevölkerung.
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Zuschauer auf der Hundsbrücke bei der Sprengung der Synagoge in Forchheim  Foto: Julius Brunner, Archiv Franze
Zuschauer auf der Hundsbrücke bei der Sprengung der Synagoge in Forchheim Foto: Julius Brunner, Archiv Franze
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Am 7. November 1938 verübte der 17-jährige Herschel Grynszpan aus Protest gegen die Abschiebung seiner Eltern aus Deutschland in Paris ein Attentat auf den Legationssekretär Ernst vom Rath. Als vom Rath zwei Tage später an seiner Schussverletzung starb, gedachten in München die Nazis gerade ihres 1923 gescheiterten Putschversuchs. In einer Hetzrede forderte nun Joseph Goebbels nach Absprache mit Hitler die anwesenden Gauleiter auf, in ihren Bezirken dem "Volkszorn" gegen die Juden in "spontanen" Aktionen freien Lauf zu lassen. Fritz Wächtler, der Gauleiter der Bayerischen Ostmark, ordnete daraufhin gegen 22.30 Uhr per Telefon in Bayreuth an, mit Hilfe der SA noch in der Nacht eine Kundgebung vor der Synagoge zu organisieren und weitere Kreisleiter zu verständigen.

Die Organisation der Hetzjagd

In Bayreuth nahm der Gauamtsleiter Heinrich Horlbeck den Anruf entgegen und gab Wächtlers Anweisung an den Bayreuther NSDAP-Kreisleiter Heinrich Hager weiter. Hager verständigte dann die NSDAP-Kreisleiter in der Bayerischen Ostmark. Die "spontanen" Ausschreitungen, Brandstiftungen und Misshandlungen in Oberfranken gingen wie in Bayreuth von der Gauleitung aus.

Bis über Mitternacht hinaus liefen die Telefonanrufe in die Provinz hinaus. In Forchheim ging der Anruf kurz vor Mitternacht bei Kreisleiter Carl Ittameier ein, der - wie es im Urteil des Landgerichts Bamberg vom 6. Mai 1949 heißt - "nach der üblichen Parteikundgebung (...) mit einem Teil der Parteiführer und dem Oberarbeitsführer Dietmansperger samt seinem engeren Stab" im Hotel National tagte.

Das Pogrom in Forchheim

Nach dem Landgerichtsurteil wurde vom Hotel National aus "die Polizeiwache im Rathaus angerufen und ihr die Weisung gegeben, die politischen Leiter zu wecken und davon zu verständigen, dass sie sich ins Hotel National begeben sollten. Von hier aus zog dann die Gruppe unter der Devise ,Kreisleiter befiehl! Wir folgen Dir!' in die bis dahin ruhige Stadt".

Der Zug schwoll durch noch in der Stadt zechende Parteigenossen und neugierig gewordene "Zivilpersonen" an. In der Hauptstraße wurden das Kaufhaus Wertheim und die beiden Geschäfte Gröschel gestürmt, geplündert und zerstört. Nach den Feststellungen des Gerichts zog der "Hauptzug" von da weiter in die Vogel-, die Kloster-, die Eisenbahnstraße und anschließend in die Zweibrückenstraße und zum Paradeplatz.

Wörtlich heißt es im Urteil: "Mehrfach wurden die gleichen Wohnungen von verschiedenen Trupps nacheinander aufgesucht. Durch den Lärm und die Zerstörungen (...) wurde ein großer Teil der Bevölkerung wach und strömte auf die Straße, die nach den Schilderungen von Angeklagten und Zeugen belebter als am Tage wirkte. Von den Teilnehmern des Hauptzuges, der einzelnen Abspaltungen und Einzeltrupps sowie der sich an allen Brennpunkten, wo es zu Zerstörungen kam, rasch sammelnden und teilweise mit weiterziehenden Menge wurden die Türen, Schaufenster und Fenster der jüdischen Geschäfte und Wohnungen teilweise durch Rammen mit mitgeführten Leitern oder mit Holzprügeln eingeschlagen, die Inneneinrichtungen zertrümmert, die aus dem Schlaf herausgerissenen Juden misshandelt und trotz der kalten Nacht in notdürftigstem Kleidungszustand auf die Polizeiwache geschleppt."

Nach Feststellung des Landgerichts wurden in dieser Nacht "alle jüdischen Einwohner" einschließlich "Frauen und Kinder" verhaftet sowie "Geld, Schmuckwaren und Ladenbestände" gestohlen. "Kriminelle Elemente nützten die Situation aus und durchzogen die Stadt mit Handwagen, die mit Beutegut angefüllt waren. Die Polizei sah diesem Tun tatenlos zu." Einer von ihr "beteiligte sich sogar als einer der Haupträdelsführer persönlich an den Ausschreitungen".

In Adelsdorf und Mühlhausen

"Von Forchheim aus wurde dann die Aktion in die Dörfer Adelsdorf und Mühlhausen hinausgetragen", stellte die Bamberger Strafkammer 1949 fest und nennt konkret fünf Beteiligte, die mit mehreren Autos nach Adelsdorf gefahren waren. Hier weckten sie den Ortsgruppenleiter Wilhelm Koch, drangen zusammen mit 14 vom nahe gelegenen Arbeitsdienstlager (RAD) herbeigeholten Männern und einem SA-Mann "in die insgesamt zwölf jüdischen Wohnungen ein und zerstörten die Inneneinrichtung".

Weil sie wegen der Brandgefahr die Synagoge nicht anzünden konnten, demolierten sie das Mobiliar und verbrannten "Gebetsbücher, Gebetsrollen und Gewänder auf einem freien Platz".

Das Gleiche passierte wenig später in Mühlhausen. Auch hier setzte sich die Forchheimer Gruppe mit dem zuständigen Ortsgruppenleiter und den örtlichen SA-Führern "ins Benehmen", brach in die Synagoge ein, zerstörte die Inneneinrichtung und verbrannte "auf dem Marktplatz in Anwesenheit einer größeren Menschenmenge" Bücher und Gebetsrollen. Anschließend zerstörten und plünderten "verschiedene Trupps" - so das Gericht - die "insgesamt fünfzehn jüdischen Wohnungen".

Die Frage, warum die Forchheimer Clique über das eigene Kreisgebiet hinaus in Adelsdorf und Mühlhausen tätig wurde, bleibt offen, weil die Prozessakten nicht mehr auffindbar sind. Handelte sie aus eigenem Antrieb oder in Absprache mit anderen Parteigliederungen?

Forchheimer Synagoge gesprengt

In der Nacht vom 9. auf den 10. November fielen Nazis auch in die Synagoge in der Wiesentstraße in Forchheim ein. "Mitten in der Nacht wurden wir durch splitterndes Glas aufgeschreckt", erinnerte sich 2012 der damals zwölfjährige Ludwig Bauer, "wir hörten, wie das große Fenster unter unserer Wohnung in der Synagoge unter einem Steinhagel zerbarst."

Voller Angst kroch das Kind mit seinen Eltern in eine Luke unter dem Dach. "In panischer Angst saßen wir da und konnten nur noch auf unser Ende warten."

Wenig später holte sie ein Polizist - ein Schulkamerad seines Vaters - aus dem Verschlag gegen die Zusicherung, Misshandlungen nicht zuzulassen. Die Familie wurde verhaftet und ins Amtsgerichtsgefängnis gebracht. Ludwig berichtet, dass er mit seinem Vater und zwölf Männern getrennt von den Frauen festgehalten wurde.

In der Nacht wurde die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört und ausgeplündert und versucht, sie in Brand zu stecken. Wer tags darauf von der Stadt aus in Nürnberg bei der Technischen Nothilfe ein Sprengkommando anforderte, konnte im Prozess nach dem Krieg nicht voll geklärt werden. Jedenfalls wurde das Gebäude gegen Mittag von zwei Sprengmeistern "in Anwesenheit einer großen Menschenmenge zum Einsturz" gebracht. Der angerichtete Schaden betrug nach einem Gutachten von 1958 insgesamt 166.901 DM.

Gegen 14 Uhr mussten alle jüdischen Männer und Ludwig Bauer vom Gefängnis aus zur Synagoge marschieren. "Die Bevölkerung war darüber informiert", erinnert er sich, "und stand dicht gedrängt und johlend am Straßenrand. Es war schrecklich. Ich wollte auf der Stelle sterben. Mir war so elend, dass ich niemanden am Straßenrand erkannte. Es war, als würden wir wie im alten Rom als Opfer ins Kolosseum geschleppt!"

Bei der Synagoge wurden sie gezwungen, den Schutt auf einen Leiterwagen zu laden. Adam Hübner, einer der Bewacher und SS-Unterstürmführer, hielt "eine gehässige Rede" und sagte unter anderem.: "Zum Zeichen, dass Ihr auch arbeiten könnt, arbeitet an Eurem eigenen Dreck."

Nach der wörtlich zitierten Aussage, vermerkt das Urteil von 1949: "Während dieser Rede weinte der zwölfjährige kleine Bauer, der auch mitgeführt wurde." Danach wurden die Männer ins Gefängnis zurückgeführt und am nächsten Tag mit dem Zug ins KZ Dachau gebracht. Ende des Jahres kamen sie aus der "Schutzhaft" frei und kehrten nach Forchheim zurück.

Die Ahndung des Unrechts

Das NS-Führungspersonal aus SA, SS, Reichsarbeitsdienst und der NSDAP (Kreisleiter, Ortsgruppenleiter und deren Stellvertreter), aber auch Staatsbeamte (zum Beispiel Landräte, Oberbürgermeister) wurde nach Kriegsende in den drei Westzonen nach dem sogenannten "Arrest Categories Handbook" ohne nähere Prüfung "automatisch" festgenommen. Es kam in Internierungslager, wo die Inhaftierten allerdings - wie sich bald herausstellte - ihre Aussagen absprechen und so leugnen konnten, dass die Ermittler verzweifelten.

Zum Beispiel erklärte der am Pogrom in Aufseß beteiligte SS-Mann Hans Neuner 1947 im Internierungslager Regensburg an Eides statt: "An einem nicht mehr bekannten Tage erhielt ich zusammen mit noch einigen SS-Kameraden den Auftrag, mit nach Aufseß zu fahren, da dort Unruhen oder dergleichen ausgebrochen waren. Dort angekommen, ging ich mit in einen Saal einer Wirtschaft.Wir gingen dann in die Wirtsstube, tranken ein Glas Bier und fuhren kurz darauf wieder zurück nach Bayreuth. Ich weiß heute noch nicht, warum damals die SS von Bayreuth nach Aufseß aufgeboten wurde. Wer der Führer des Kommandos war, weiß ich nicht mehr, kann mich auch an keinen der übrigen SS-Kameraden erinnern."

Im November 1948 lehnte die Generalstaatsanwaltschaft Bamberg die Haftbeschwerde von Kreisleiter Karl Schmidt mit der Begründung ab: "Es ist in letzter Zeit in einigen großen politischen Prozessen immer wieder die Wahrnehmung gemacht worden, dass die auf freien Fuß gesetzten schwer belasteten Angeschuldigten sich untereinander verabredet und auch auf Zeugen dahin einzuwirken versucht haben, ihre belastenden Aussagen zurückzunehmen oder abzuschwächen. Es besteht daher in Prozessen dieser Art in höchstem Maße Verdunkelungsgefahr."

Im Prozess vor dem Amtsgericht Forchheim und in drei vor den Landgerichten in Bamberg und Bayreuth wurden insgesamt 56 Personen angeklagt, die in Forchheim, Adelsdorf, Mühlhausen, Hagenbach, Wannbach, Pretzfeld und Aufseß an dem Reichspogrom vom 9./10. November beteiligt waren. 53 von ihnen wurden verurteilt zu insgesamt acht Jahren und drei Monaten Zuchthaus sowie 15 Jahren und 137 Monaten Gefängnis. Die Haftstrafen wurden teilweise mit befristetem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verbunden.

Härter bestraft

Vergleicht man die Urteile, fällt auf, dass die Forchheimer Straftäter weit härter bestraft wurden als die im Falle von Aufseß. Bei den Gerichtsverfahren ging es um die Sprengung einer sowie die Zerstörung der Inneneinrichtung von vier Synagogen, der Plünderung von vier Geschäften und der Verwüstung von insgesamt 45 Privatwohnungen und der Freiheitsberaubung und Misshandlung von mindestens 50 Personen.

In seinem Monatsbericht teilte Hans Dippold, der Regierungspräsident von Ober- und Mittelfranken, am 7. Dezember 1938 mit, dass in seinem Bezirk im "Zuge der Protestaktion gegen das jüdische Mördergesindel 772 Juden festgenommen", 17 Synagogen ausgebrannt und 25 demoliert, 115 jüdische Geschäfte zerstört und 594 jüdische Wohnungen verwüstet worden seien. Mit erkennbarer Genugtuung vermeldet er, dass bereits vier Städte und sechs Bezirke "judenfrei" seien.

Insgesamt - so Edith Raim in ihrer Untersuchung über die Ahndung von NS-Verbrechen - gab es in Westdeutschland 2468 Ermittlungsverfahren zum November-Pogrom mit 17.700 Beschuldigten und Angeklagten. Die meisten davon wurden mit 262 Prozessen und 1854 Angeklagten in Bayern geführt.

Fortsetzung

Im zweiten Teil der Abhandlung befasst sich Manfred Franze mit den Geschehnissen in Hagenbach, Wannbach, Pretzfeld und Aufseß. Alle Aussagen sind belegt. In der Originalfassung hat Manfred Franze in 35 Fußnoten seine Belege auch angeführt.

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