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Kirche in Forchheim: Pfarrer betroffen über Austritte

In Forchheim sind die Kirchenaustritte besonders hoch. Wie aber reagieren die Gemeindepfarrer vor Ort?
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"Niemand kann zwei Herren dienen", heißt es im Evangelium des Matthäus, Kapitel 6, Vers 24. "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." In Forchheim haben zahlreiche Mitglieder beider Kirchen im letzten Jahr eine Entscheidung getroffen: Die Kirchenaustritte hier haben sich nach einer Umfrage des BR in Städten mit mehr als 20 000 Einwohner vom Jahr 2017 zu 2018 um 67 Prozent erhöht - das sind 239 Personen in Forchheim. Laut der Website www.kirchenaustritt.de gab fast die Hälfte die Kirchensteuer als Grund für den Austritt an.

Doch sind die Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Denn zum einen gelten sie ebenso für die katholische wie die evangelische Kirche und zum anderen haben sich an der Statistik der Website nur etwa 57 000 Menschen beteiligt. Bei bayernweit über 8 Millionen Christen ist diese Zahl fast verschwindend gering. Da stellt sich die Frage, wie wirken sich diese abstrakten Zahlen konkret auf die Gemeinden in Forchheim aus?

Gründe bleiben oft unklar

Was dramatisch klingt - eine Steigerung um mehr als die Hälfte - wirkt für Martin Emge, Pfarrer der St. Martin-Gemeinde, weniger drastisch: "Im Gemeindeleben bekomme ich praktisch nichts mit", sagt er. "Der Austritt ist ein anonymer Vorgang."

Er bekomme bloß einen Brief vom Standesamt, das hier für die Austritte zuständig ist. Über die Gründe erfährt er allerdings nichts: "Wenn jemand austritt, muss er keinen Grund angeben." Nach Emges Beobachtungen jedoch treten in der Regel Leute mit einer geringen Gemeindebindung und vor allem Zugezogene aus. "Im Rahmen des Zuzugs scheint der Austritt leichter zu fallen", sagt er.

Pfarrer Enno Weidt der Gemeinde St. Johannis sieht das ähnlich. Aber beide betonen, dass sie nur spekulieren könnten. Denn auf die Briefe, die sie jedem Ausgetretenen schicken, erhalten sie oft keine Antwort und könnten so nicht in den gewünschten Dialog treten.

Beide vermuten aber, dass der Austritt tatsächlich vor allem finanzielle Gründe hat. Bei jüngeren Menschen, die gerade mit ihrer Ausbildung anfangen und bei denjenigen, die sehr viel verdienten, fielen die 8 Prozent Kirchensteuer schon ins Gewicht. Der Austritt hingegen kostet nur einmalig 31 Euro.

Hinzu kommen natürlich der Missbrauchsskandal, in den sich die katholische Kirche seit Jahren verstrickt und diverse Finanzskandale, etwa in Limburg oder Eichstätt.Interessant dabei ist die fehlende Differenzierung, wie Pfarrer Weidt sagt: "Viele Leute unterscheiden nicht mehr zwischen Katholisch oder Evangelisch." Die beiden Kirchen seien Geschwister, im Guten wie im Schlechten. Damit meint er, dass sich die Skandale der Katholischen Kirche auf die Schwesterkirche ebenso auswirken würden wie ein guter Papst.

Den Pfarrern sind die Austritte, auch wenn sie häufig Mitglieder betreffen, die sie nicht persönlich kennen, nicht gleichgültig. "Mir macht das große Sorge", sagt Pfarrer Weidt über die Austritte. "Nicht nur, weil es uns als Kirche schwächt, sondern weil die Menschen etwas aufgeben, was sie brauchen könnten."

Auch Pfarrer Emge meint, dass ihn jeder Austritt persönlich schon treffe, "denn ich sehe auch, was die Kirche bietet." Da geht es dann um eine Lebensbegleitung, die Gläubigen Halt bieten kann.

Wichtiger ist beiden die Arbeit zu betonen, die die Kirchen hier vor Ort leisten. Dazu zählen soziale und karitative Aufgaben, die von Caritas und Diakonie wahrgenommen werden. Die Kirchen betrieben Seniorenheime und Kindertagesstätten, engagierten sich für die Jugend oder bereicherten das kulturelle Angebot der Stadt.

Näher bei den Menschen sein

Dafür fehle ein wenig das Bewusstsein, sagt Pfarrer Emge: "Wenn ich das nicht nutze, habe ich auch nichts davon." Kontakt herstellen, offen sein, die Menschen einladen und stets erreichbar sein, das versuche man zu fördern. Etwa durch die "Sehnsuchtsmomente", die in der Adventszeit regelmäßig angeboten und gut angenommen worden seien. "Ich will meine Räume so einrichten, dass die Leute niedrigschwellig reinkommen."

Damit wird das Problem dann verlagert. Es geht den Pfarrern eben nicht alleine um das, was Kirche schon leistet, als um die Vermittlung dessen. "Wir müssen viel näher bei den Menschen sein", sagt Weidt und meint damit auch die Selbstdarstellung nach außen über die Homepage und den Gemeindebrief. Darunter fiele dann auch die Präventionsarbeit, von der Emge spricht, die die Diözese Bamberg seit 2010 mit unter anderem mehrtätigen Schulungen leistet.

Wichtig aber bleibt das eigentliche "Kerngeschäft" der Kirche, die Liturgie. Denn über die besonderen Gottesdienste zu Taufe, Kommunion, Konfirmation, Hochzeit oder Beerdigung könnten viele erreicht werden, die gewöhnlich nicht in die Kirche gingen.

Das Vertrauen, so Emge, müsse durch verlässliche Kleinarbeit wieder hergestellt werden. Ein Vertrauen, dass die Kirche auch durch Präsenz in der Öffentlichkeit wiedergewinnen könne, sagt Pfarrer Weidt. Die Kirche habe eine Verantwortung für die Gesellschaft, die sie in geführten Diskursen wahrnehmen müsse. Denn das eigentliche Geschäft sei nicht die Politik, sondern die Frohe Botschaft, die eben auch eine politische Wirkung habe.

Zumindest berichten beide Pfarrer von Eintritten, wenn auch mit etwa fünf Personen nur von geringen.

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