Forchheim
Heimatgeschichte

Kathie Zeillers Aufzeichnungen geben Einblick in das Leben jüdischer Familien in Forchheim

Aufzeichnungen von Kathie Zeiller (geb. 1832) geben authentischen Einblick in das Leben jüdischer Familien in Forchheim. Nachfahren Zeillers besuchten die Stadt.
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Peter Bernhardt (rechts)  und andere Besucher aus Potsdam zeigen Rolf Kießling (Mitte) den "Familienschatz", die Jugenderinnerungen von Kathie Zeiller. Foto: privat
Peter Bernhardt (rechts) und andere Besucher aus Potsdam zeigen Rolf Kießling (Mitte) den "Familienschatz", die Jugenderinnerungen von Kathie Zeiller. Foto: privat
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von Rolf Kießling Die Geschwister Peter, Wolfgang, Stefan und Eva Bernhardt aus Potsdam besuchten die Stadt Forchheim. Hier wurde 1832 Kathie Zeiller geboren, die Ururgroßmutter der Geschwister. Zu den Zeillers zählten damals vier Familienväter, die in der jüdischen Gemeinde großen Einfluss hatten. Kathie Zeiller hat in reifem Alter für ihre eigenen Kinder niedergeschrieben, was sie in ihrer Jugend erlebt hat. Ihre Aufzeichnungen sind glücklicherweise bis heute erhalten geblieben und befinden sich im Besitz der Familie Bernhardt.

Kathies Vater war der Schnittwarenhändler Moses Moritz Zeiller, 1802 geboren. Dieser war mit Sara Schmidt verheiratet, einer Tochter des Forchheimer Viehhändlers Joseph Isaak Schmidt. 1834 konnte Moses Moritz Zeiller das Haus Hornschuchallee 11 kaufen und darin seinen Stoffladen einrichten. Kathie war die dritte von elf Schwestern, von denen zwei im Kleinkindalter starben. Ein männlicher Nachkomme blieb dem Ehepaar versagt.

Offiziere als Mieter

Da das zweistöckige Haus der Zeillers relativ geräumig war, konnte der Besitzer "ein Logis vermieten". Als Mieter zogen adelige Offiziere der in Forchheim stationierten Kavallerie-Einheit ein. Darunter waren ein Baron von Stetten, ein Freiherr von Rellingen samt seiner Ehefrau, einer Baronesse Imhof sowie ein Graf Zech. Auch wenn diese Mieter meist nur für kurze Zeit bleiben konnten, so wurde die jüdische Familie "dadurch zu feinsten Bällen und Tanzveranstaltungen eingeladen". Insbesondere Kathie, die für ihr Leben gern tanzte, wusste dies zu schätzen.

Wie die anderen Forchheimer besuchten die Zeillers oft die Kellerwirtschaften. Rosa Lederer, eine Tante Kathies, betrieb während des Annafests sogar eine Schießbude. Beim Annafest 1844 ereignete sich allerdings ein tragischer Unfall, in den Moses Moritz Zeiller verwickelt war. Darüber wird in einem eigenen Artikel zu berichten sein.

Enge Familienbande

Für die jüdische Gemeinschaft waren die Familienbande von großer Bedeutung. Nicht selten wurde innerhalb der Verwandtschaft geheiratet. Bei den Eheschließungen handelte es sich in der Regel nicht um Liebesheiraten, sondern um arrangierte Verbindungen, die durch die Väter der Brautleute ausgehandelt wurden. Wenn man sich wegen der Mitgift, die der Brautvater zu zahlen hatte, nicht einigen konnte, so konnte die geplante Verlobung auch wieder in die Brüche gehen.

Wurden sich die Eltern der Brautleute aber einig, so wurde "am ersten Verlobungssamstag" groß gefeiert. Kathie Zeiller erinnert sich: "Da kamen alle - Verwandte und Nichtverwandte - zum Gratulieren und wurden tüchtig mit Kuchen, Wein und Süßigkeiten regaliert" - das heißt beschenkt - namentlich durften "gesalzene Erbsen" nicht fehlen. Über eine andere Verlobungsfeier weiß Kathie zu berichten: "Da ging es hoch und lustig her, nicht nur alle Verwandten, auch alle guten Bekannten waren eingeladen. Da gab es Glühwein und Punsch und Torten in Hülle und Fülle. Jeder machte sich ein Vergnügen daraus, tüchtig zuzulangen."

Unterstützung der Verwandten

Es wurde in der jüdischen Gemeinschaft aber nicht nur gemeinsam gefeiert, es war auch selbstverständlich, die Verwandten zu unterstützen, wenn sie Hilfe brauchten. So musste Kathie sehr oft ihrer Tante Rosa helfen, die mit dem Zinngießermeister Jondorf Lederer verheiratet war, der ganz in der Nähe (im heutigen Haus Hornschuchallee 4) wohnte. Kathie passte auf die kleinen Kinder des Ehepaares auf und versorgte sie. Oft musste Kathie "Arbeiten verrichten, die sie zu Hause nicht getan hätte", zum Beispiel Windeln waschen.

Als Rosa Lederer nach der Geburt eines weiteren Kindes im Juli 1845 im Alter von nur 36 Jahren starb, blieb Kathie für längere Zeit ganz in Lederers Haus und konnte sogar "den Laden versorgen, auch wenn Lederer verreiste, was häufig vorkam". Auch Moses Moritz Zeiller und andere jüdische Geschäftsleute waren häufig unterwegs. Es handelte sich wohl zumeist um Geschäftsreisen, aber auch private Ausflüge und Verwandtenbesuche waren nicht selten.

Dass Moses Moritz Zeiller in der Stadt hohes Ansehen genoss, zeigt folgende von Kathie überlieferte Episode: "Zu meinem Vater kamen einige sehr angesehene Bürger und riefen: Auf, Zeiller, Du wirst jetzt zum Magistratsrat gewählt! Und als einer sagte: Aber eine schöne Weste musst du mir geben! erwiderte Zeiller: Zwei will ich dir geben, wenn ich nicht gewählt werde!" Man schrieb das Jahr 1848, König Ludwig I. hatte zugunsten seines Sohnes Maximilian als König abgedankt. Eine neue Zeit schien angebrochen zu sein. Die Emanzipation der Juden schritt voran.

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