Forchheim

In Forchheim: Erschütterndes über den Dreißigjährigen Krieg aus Tagebüchern

Über den Dreißigjährigen Krieg berichtete Christian Pantle bei den Literaturtagen in Forchheim. Die wenigsten Soldaten fielen in den Schlachten.
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Christian Pantle vor einer Beamerpräsentation seines Buches Foto: Pauline Lindner
Christian Pantle vor einer Beamerpräsentation seines Buches Foto: Pauline Lindner

"Die Apokalypse von unten" zu zeigen, war das Anliegen von Christian Pantle, als er zeitgenössische Tagebücher zum schrecklichsten Krieg in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg auswertete und zu einem Buch mit dem Untertitel "Als Deutschland in Flammen stand" kompilierte. In der schwedischen Übersetzung, so ließ er gleich zu Beginn wissen, ist noch angefügt "... und als Schweden eine Großmacht wurde." Einen Abriss daraus mit vielen Originaltextpassagen trug er beim Forchheimer Literaturfestival "Blätterwald" im Keller der Pfalz vor. Der Historiker und Journalist leitet die Redaktion der populärwissenschaftlichen Monatszeitung G/Geschichte.

Perspektive der Leidenden

Die Perspektive der den Krieg Erleidenden konnte Pantle dank der beträchtlichen Zahl von Aufzeichnungen belegen, die von Bürgern, Bauern, Pfarrern und auch Söldnern auf uns gekommen sind. Seine erste Quelle war das Tagebuch des Peter Hagendorf(f). Der Mann aus der Gegend von Zerbst in Sachsen-Anhalt zog nach Italien, zuerst in venezianische Kriegsdienste; mit dem Jahr 1625 beginnen seine Aufzeichnungen vom Söldnerleben.

Er hat offenbar 1649/50 in Memmingen eine Reinschrift seiner Notizen von unterwegs angefertigt, die er selbst grob zu einem Buch band. Dieses Tagebuch mit 176 erhaltenen Blättern gelangte im 19. Jahrhundert in die Preußische Staatsbibliothek und wurde um 1980 dort vom Historiker Jan Peters entdeckt. Erst in diesem Sommer - nach der jüngsten Neuauflage von Pantles Buch - identifizierte eine Hobbyforscherin vor allem nach Kirchenbucheinträgen den Bürgermeister und Richter von Görzke, einem Städtchen im brandenburgischen Fläming, als den Tagebuch schreibenden Söldner. 77 Jahre alt verstarb er dort.

Als Fußsoldat durch Europa

22.000 Kilometer ist der Fußsoldat durch halb Europa gezogen. Meist im Regiment des Grafen Heinrich von Pappenheim, der in bayerisch-katholischen Diensten stand, kämpfte der Protestant Hagendorf bei vielen großen Schlachten des Dreißigjährigen Kriegs mit. Er war verheiratet - eine Ehefrau Anna Maria Stadlerin erwähnte Pantle - und hatte zehn Kinder, von denen nur zwei das Erwachsenenalter erreichten. 23 Jahre Söldner-Dasein überlebt zu haben, ist ungewöhnlich. Pantle schätzt die durchschnittliche Söldnerzeit nur auf drei Jahre, wobei die wenigsten Soldaten in den Schlachten fielen; die Mehrzahl starb an den Folgen von Verletzungen und vor allem in der kalten Jahreszeit an Infektionen durch Kälte und mangelnde Hygiene.

Mönch und Abt

Die zweite zeitgenössische Quelle, auf die sich Pantle stützt, ist ebenfalls ein Tagebuch, das des Maurus Friesenegger, eines Mönchs und späteren Abts des Klosters Andechs in Oberbayern. Anschaulich schildert der Verfasser die Schrecknisse der Wochen, als 1633 spanisch-katholische Truppen zu Füßen des Klosters Winterquartier bezogen. Sowohl die ins Kloster evakuierten Bauern der Dörfer in der Umgebung als auch die Soldaten litten Hunger und Not. Sie verbrannten alles aus Holz, was sie im Ort Erling vorfanden. Sie wie die Menschen in der Enge des Klosters erkrankten an diversen Infektionskrankheiten, nicht wenige starben. "... und das alles machte uns den Tod fürchten oder erhoffen", zitierte Pantle aus dem Tagebuch.

Hexenwahn

1631 marschierten die schwedischen Truppen unter König Gustav Adolf nach dem Sieg bei Breitenfeld (Leipzig) Richtung Süddeutschland. Das Fürstbistum Würzburg kapitulierte und damit fand eine der übelsten Wellen des Hexenwahns ihr Ende. Allein in den späten 20ern des 17. Jahrhunderts mussten dort 900 Personen, darunter viele Kinder, ihr Leben lassen, weil man ihnen einen Bund mit dem Satan andichtete. Allein in Gerolzhofen wurden 261 Menschen verbrannt; nicht mehr auf dem Scheiterhaufen, sondern in einem eigens erbauten Verbrennungsofen, wie Pantle vortrug.

Kirchliche "Anstifter" lässt er als Auslöser nicht so gelten. Die spanische Inquisition, die gegen Ketzer und Andersgläubige wütete, verdammte nämlich den "Hexenhammer", eine Legitimationsschrift zur Hexenverfolgung von 1486. Pantle nannte das Phänomen insgesamt "irrationale Abläufe, die eine Eigendynamik entwickelten".

Näher an Forchheim, das 1634 von den Schweden belagert wurde, kommt Pantle mit seinen Quellen nicht. Denn das Regiment Pappenheim war nicht dabei, als der bayerische Feldherr Tilly 1632 über Forchheim nach Bamberg zog, um dem schwedischen Heer entgegenzuziehen.

Hintergrund: vier Kriege in einem

1618 bis 1623 böhmisch-pfälzischer Krieg; Pantle stuft ihn als "religiös getriebenen Bürgerkrieg" ein, da sein Auslöser der Widerstreit der böhmisch-protestantischen Adeligen gegen den katholischen Kaiser aus dem Hause Habsburg war.

1625 bis 1629 der dänisch-niedersächsische Krieg; Pantle nannte ihn ein Zwischenspiel. Der Friede von Kiel stellt die Machtverhältnisse nach dem dänischen Griff nach Niedersachsen und der Eroberung dänischer Kernlande durch katholische Reichstruppen wieder her.

1630 bis 1635 der schwedische Krieg; zumindest offiziell eilt der schwedische König seinen "unterdrückten Religionsverwandten" im Deutschen Reich zu Hilfe. Er wird durch den Prager Frieden beendet.

1635 bis 1648 der schwedisch-französische Krieg; Kardinal Richelieu tritt für seinen König auf schwedischer Seite in den Krieg ein, weil er Frankreich von Habsburg umzingelt sieht, das auch den spanischen Thron innehat. Er endet durch den über Jahre ausgehandelten Frieden von Münster und Osnabrück.

Kriegsfolgen

Deutschlands Bevölkerung schrumpft von rund 17 Millionen auf zehn Millionen Einwohner; am stärksten von der Entvölkerung betroffen ist ein Band von Südwesten noch Nordosten quer durch Deutschland. Die territorialen Veränderungen bei Friedensschluss sind im Vergleich zum Niedergang der Mitte Europas gering; gut 100 Jahre dauerte es, bis die Bevölkerung wieder den Stand vor 1618 erreichte.

Hexenverbrennungen

Um den Beginn des großen Mordens setzte vor allem in geistlichen Reichsterritorien eine Welle von Hexenverfolgungen ein. Unrühmliche Beispiele sind in Franken die Bistümer Würzburg und Bamberg. Mit dem Einmarsch der Schweden kam diese von mehreren Seiten befeuerte mörderische Hysterie zum Stillstand.

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