Muggendorf
Geschichte

"Hitlereiche" schockt Touristen in Muggendorf

Adolf Hitler machte am 23. Juli 1933 Rast in Muggendorf. Die Geschichte vom Baum, unter dem der Diktator damals saß, will heute aber nicht mehr jeder hören.
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Dieses Bild der "Hitler-Eiche" ist in Erwin Neubauers 1998 erschienenen Bildband über Muggendorf und die Fränkische Schweiz zu sehen. Herausgegeben wurde der längst vergriffene Band vom Fränkische-Schweiz-Verein Muggendorf. Foto: Repro/FT
Dieses Bild der "Hitler-Eiche" ist in Erwin Neubauers 1998 erschienenen Bildband über Muggendorf und die Fränkische Schweiz zu sehen. Herausgegeben wurde der längst vergriffene Band vom Fränkische-Schweiz-Verein Muggendorf. Foto: Repro/FT
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Die gemauerte Bank gibt es bis heute. "Da hat er Rast gemacht", erzählt Gerhard Wolf. Und auch die Eiche, unter der Adolf Hitler gesessen hatte, gibt es noch.

Gerhard Wolf ist Wanderwart und manchmal führt er Besucher durch die Fränkische Schweiz und erzählt ihnen die Geschichte der Landschaft und der Orte. Wenn er am Hotel Goldener Stern und an besagter Eiche vorbeikommt, erinnert der 71-Jährige an die Begebenheit vom 23. Juli 1933.

Sie ist auch in dem Buch "Muggendorf Fränkische Schweiz - in alten Fotoalben geblättert" von Erwin Neubauer dokumentiert. Während eines Aufenthaltes bei den Bayreuther Wagner-Festspielen im Sommer 1933 waren Hitler und Goebbels in Begleitung von 15 Personen in die Fränkische Schweiz aufgebrochen. Kurz vor Muggendorf, im sogenannten Zwecklersgraben, machte die braune Truppe Pause an einer Eiche. Eine Abordnung holte Kaffee im nahen Gasthaus Stern.
Es sprach sich herum, dass Nazi-Prominenz vor Ort war und "viele Muggendorfer liefen dorthin", wie es in dem Buch von Erwin Neubauer heißt.

Auf seinen Führungen hat Gerhard Wolf diese Geschichte bislang immer auch durch eine Episode über seine Schwiegermutter ergänzt. Sie war eine von drei Mädchen, die der Diktator unter der Eiche begrüßt hatte. Hitler soll ihr bei der Begrüßung über das Haar gestrichen haben.


Sprachloser Gast

Als Wolf die Geschichte von der "Hitler-Eiche" jüngst einer Touristengruppe aus Ostdeutschland erzählte, da reagierte Dennis Bochow, einer der Besucher, schockiert. In einer Mail an Bürgermeister Helmut Taut, schreibt der empörte Gast: "Am Scheitelpunkt der Führung wurde uns die Hitler-Eiche präsentiert. Wir waren sprachlos."
Der Fremdenführer habe "einen Bildband mit mehreren Fotos vom Hitlerbesuch" gezeigt, wundert sich Dennis Buchow. Er ordnet das Buch als "entsprechend alt" ein und empfindet es als unpassend, die Geschichte und die Bilder heute noch zu präsentieren.

Gerhard Wolf kann diese Reaktion nicht nachvollziehen. Warum sollte er Teile der Gemeinde-Historie aussparen? Er weise auch darauf hin, dass jener Platz neben dem Rathaus in Muggendorf, wo heute Mini-Golf gespielt werde, einst nach Adolf Hitler benannt gewesen sei. Selbstverständlich spreche er bei seinen Führungen über all das, sagt der 71-Jährige: "Es geht um die Information, wir singen doch keine Lieder oder heben die Hand." Im übrigen habe sich Dennis Buchow während der Führung "zu der Geschichte nicht geäußert" .


Taut warnt vor "Überreaktion"

Bürgermeister Helmut Taut hat Buchow vor einer "Überreaktion" gewarnt und hat versucht, die Wogen in einem Schreiben zu glätten: "Es ist richtig, dass dieser Baum seit dem Besuch Adolf Hitlers diesen Namen trägt." Doch Taut betont, dass es heute weder ein Schild gebe noch einen "Hinweis vor Ort". Und Ex-Bürgermeister Paul Pöhlmann warnt vor einem Irrtum: Von der "Hitler-Eiche" werde in Muggendorf lediglich im historischen Zusammenhang gesprochen. "Den Begriff verwendet heute niemand mehr."

Es sei wichtig, schreibt Helmut Taut an Dennis Buchow, die Geschichte nicht zu ignorieren: "Wir müssen mit unserer Vergangenheit leben. Es ist richtig, dass wir nicht Schuld sind an diesen Gräueltaten, aber in der Verantwortung stehen wir immer noch. Dessen sind wir uns bewusst, auch Herr Wolf."

Der Wanderwart aus Wohlmannsgesees ist jedoch vorsichtig geworden. Führungen zum Hotel Goldener Stern und zu der geschichtsträchtigen Eiche veranstaltet er immer noch. Doch wenn er an jener gemauerten Bank vorbeikommt, auf der Hitler am 23. Juli 1933 gesessen hatte, dann sagt Gerhard Wolf: "Wenn es gewünscht wird, würde ich die Geschichte erzählen und die Bilder zeigen." Bisher, sagt Wolf, wurde es immer gewünscht.
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