Forchheim
Lesung

Hellmuth Karasak amüsiert das Forchheimer Publikum

Überraschend altersmilde und frei von Eitelkeiten beschert Hellmuth Karasek seinem Forchheimer Publikum einen vergnüglichen Abend. Nebenbei lehrt er die Zuschauer das Einmaleins der Literatur.
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Hellmuth Karasek unterhielt sein Forchheimer Publikum mit Anekdoten aus seinem Leben und dem Literaturbetrieb. Fotos: Stammler
Hellmuth Karasek unterhielt sein Forchheimer Publikum mit Anekdoten aus seinem Leben und dem Literaturbetrieb. Fotos: Stammler
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Für den Auftakt des Literaturfestivals "Blätterwald" hätten sich die Veranstalter wahrscheinlich wirklich keinen besseren Zeremonienmeister als Hellmuth Karasek aussuchen können. Der vor allem aus der TV-Sendung "Das literarische Quartett" bekannte Kritiker und Autor wärmte schon bei der Sprechprobe mit seiner ulkigen Performance die Lachmuskeln der Zuschauer.

In diesem Stil ging es weiter. Locker und unterhaltsam erzählt Karasek Anekdoten aus Urlaubsreisen nach Afrika oder zum Panamakanal und verführt die Zuhörer dazu, im Titel seiner damaligen Reiselektüre namens "Der Panamakanalskandal" genüsslich die "a"-Laute zu zählen.

Gelernt wird nebenbei

Das ist das heimliche Erfolgsrezept des Abends: Sonst eher schwer zugängliche Lyrik und Literaturanalyse wird von Witzen und lustigen Alltagsgeschichten derart umschlossen, dass das Publikum kaum merkt, wie
viel es nebenbei über Literatur lernt.

Das zart-wolkige Liebesgedicht Bertolt Brechts "Erinnerung an die Marie A.", das Karasek als "das schönste Liebesgedicht des 20. Jahrhunderts" vorstellt, reizt den Kritiker zu einer Anekdote über ein schönes junges Mädchen, das bei einer Signierstunde für eine verwirrend triviale Widmung sorgte.

Mühelos verband Karasek in Forchheim Gedanken über die Sucht nach Selfies mit Prominenten mit Überlegungen zu einem Gedicht von Wilhelm Busch ("1-2-3 im Sauseschritt"). Oder er machte sich zum Komplizen mit beschränkter Haftung, wenn er Kindern nach der Lesung Entschuldigungen für nicht gemachte Hausaufgaben schrieb.

Der Witz als Ventil

Zwischendurch erzählte Karasek immer aus seiner Biografie. Geboren in Brünn, verschlug es seine Familie zuerst in die damalige DDR. Später übersiedelte Karasek zum Studium nach Tübingen.

Bis heute beherrscht er den sächsischen und schwäbischen Zungenschlag, was er bei der Lesung für gekonnte Dialekteinlagen einsetzte. Vom Witz als Ventil für das von Erziehung unterdrückte Unterbewusstsein, wie es der Psychoanalytiker Sigmund Freud definiert, ist Karasek allemal überzeugt.
Gut gelaunt sinnierte der 80-Jährige auch über seine eigenen Altersbeschwerden und die kleinen Sünden der Eitelkeit. Da ging es dann um Fragen wie die folgende: Wie kann man trotz Kreislaufproblemen, steifem Rücken und hinderlichem Bauch noch würdevoll die Schuhe schnüren?

Verwechslung mit Günter Grass

Viele im Publikum wurden überrascht davon, wie viele Witze Karasek zum Besten gab. Vom harten Kritiker des "Literarisches Quartetts", das Karasek zusammen mit seinem Freund Marcel Reich-Ranicki 14 Jahre lang bestritten hat, war an diesem Abend wenig zu spüren.

Mit einer gewissen Altersmilde verzichtet der große Feuilletonist völlig auf scharfe Worte. Scharfe Worte sind fast ausschließlich auf sich selbst gemünzt. Als Hochstapler bezeichnet er sich, weil er eine Verwechslung mit dem Nobelpreisträger Günther Grass einmal nicht sofort aufgeklärt hat. Bei derart viel Bescheidenheit stellten sich viele Forchheimer sogar die Frage, ob sich hier nicht eher ein Schriftsteller als ein Kritiker präsentiert? Eher nein. Gelesen wurde an diesem Abend nämlich weit weniger als bei Autorenlesungen sonst üblich. Nur wenige Zeilen aus seinem Buch "Auf Reisen" und dem älteren Werk "Süßer Vogel Jugend" präsentierte Karasek seinem Publikum.

Zufriedene Gesichter

Nach der Veranstaltung machte Marion Schmidt von der Forchheimer Bücherstube, die den Bücherstand am Signiertisch betreute, trotzdem ein zufriedenes Gesicht.
Die Schlange am Büchertisch war lang an diesem Abend. Nicht zuletzt, weil die Karasek-Freunde längst wissen, dass der Autor immer mehr als nur seinen Namen auf die erste Seite schreibt. Der Autor unterhält die Wartenden mit Witzen, schreibt launige Worte für den Skatfreund ebenso wie für die Oma.
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