Forchheim
Soziales

Gefangen in der Obdachlosigkeit: So leben die Menschen am Rande der Forchheimer Gesellschaft

In den Wohnblocks im äußersten Norden Forchheims leben Menschen am unteren Ende der Gesellschaft. Wer im Eggolsheimer Weg landet, kann den Teufelskreis nur schwer durchbrechen.
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Hilde Meier (Name geändert) im Gespräch mit Sozialarbeiterin Antje Kahnt (links). Meier ist seit 2011 obdachlos gemeldet und lebt in der Unterkunft im Eggolsheimer Weg. "Da muss ich durch, momentan kann ich mir keine andere Wohnung leisten." Foto: Ronald Heck
Hilde Meier (Name geändert) im Gespräch mit Sozialarbeiterin Antje Kahnt (links). Meier ist seit 2011 obdachlos gemeldet und lebt in der Unterkunft im Eggolsheimer Weg. "Da muss ich durch, momentan kann ich mir keine andere Wohnung leisten." Foto: Ronald Heck

Obdachlos, verwitwet, krank, arbeitsunfähig: Hilde Meier (Name von der Redaktion geändert) lebt seit acht Jahren in der Wohnungsnot-Unterkunft im Eggolsheimer Weg. "Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ich einmal hier lande", sagt Meier. Ihr Zimmer liegt in einem der vier grauen Wohnblocks weit oben im Forchheimer Norden. Dahinter erstreckt sich ein Acker, im Süden grenzt die Obdachlosenunterkunft an die Forchheimer Polizeiwache.

Der Abstieg nach unten

Hilde Meier lebt geografisch wie sozial am Ende der Forchheimer Gesellschaft. Sie zählt zu der Randgruppe, die sehr begrenzte Mittel, aber viele Hürden zu überwinden hat. Meiers Geschichte ist eine des Abstieges: Zuvor lebte sie mit ihrem Ehemann in einer Mietwohnung - bis dieser erkrankte. "Wir konnten uns die Miete nicht mehr leisten und landeten hier in der Obdachlosenunterkunft", erinnert sie sich. Vor fünf Jahren starb ihr Mann und sie blieb in der Unterkunft. Hilde Meier ist selbst körperlich erkrankt und arbeitsunfähig. "Aber da muss ich durch, momentan kann ich mir keine andere Wohnung leisten."

45 Menschen wohnen aktuell in den vier Wohnblocks. Seit die Anlage im Eggolsheimer Weg 2011 errichtet wurde, ist Sozialarbeiterin Antje Kahnt für die Obdachlosen da. Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) betreibt dort den Fachdienst Wohnungsnot. In der Unterkunft wohnen ausschließlich Einzelpersonen oder Paare - Familien werden woanders untergebracht.

Die Wohnanlage und die Zimmer seien baulich zwar gut, ein großes Problem sei unter anderem aber der Mangel an Privatsphäre. Wenn Menschen auf engem Raum zusammenleben, berge das viel Konfliktpotenzial. "Aus meiner Sicht wollen die Leute hier einfach ihre Ruhe haben und in Frieden leben. Sie wollen bloß eine eigene Wohnung, wo sie ihre Tür zumachen können", erklärt Kahnt.

Im September waren beim Liegenschaftsamt in Forchheim 69 Einzelpersonen und 13 Paare obdachlos gemeldet. Außerdem waren 13 Familien mit mehr als drei Kindern und zwölf Familien mit einem oder zwei Kindern obdachlos gemeldet.

Das beste sind 18 Quadratmeter

Im Eggolsheimer Weg kommen die in Wohnungsnot Geratenen zunächst in einem Mehrbettzimmer mit drei anderen unter. Wenn ein Einzelzimmer frei wird, können sie in Absprache mit der Stadtverwaltung umziehen. Für ein 18 Quadratmeter großes Einzelzimmer mit Kochnische und Dusche zahlen die Betroffenen 275 Euro Nutzungsentgelt. Die meisten beziehen Hartz IV, was "ohnehin schon zu wenig" sei, fügt Sozialpädagoge Michael Roth hinzu.

Der 35-Jährige ist seit eineinhalb Jahren im Eggolsheimer Weg im Einsatz und kennt die Sorgen, Nöte und Probleme der Forchheimer Obdachlosen: Streit, Ruhestörungen, Alkohol- und Drogensucht. Vor allem nach konfliktreichen Zeiten wollten viele gerne wieder aus der Obdachlosenunterkunft ausziehen. Das Ziel der Unterkunft bleibt, die Menschen wieder in den "normalen Wohnungsmarkt" zu integrieren.

Fast unüberwindbare Hürden

"Je länger jemand hier ist, desto härter ist es. Von hier herauszukommen, ist schon heftig", betont Kahnt. Schwierige Hürden sind unter anderem die Kreditauskunft der Schufa und fehlende günstige Wohnungen.

Roth erläutert: "Die Leute sind verschuldet, haben Schufa-Einträge und bekommen deshalb keine Wohnung auf dem freien Markt, wenn es überhaupt bezahlbare Wohnungen gibt." Der Forchheimer Sozialarbeiter will zudem mit einigen verallgemeinernden Falschannahmen über Obdachlose aufräumen. Zum Beispiel die Einschätzung der "Mietunfähigkeit": "Ein Großteil der Leute, die hier wohnen sind anständig und haben eine Zahlungsmoral, die völlig okay ist!" Roth wünscht sich, dass Obdachlose generell weniger stigmatisiert werden.

"Der Schritt in die Freiheit ist für viele jedoch sehr hart", weiß Alexander Dworschak, GWS-Geschäftsführer. Um Obdachlose in Forchheim erfolgreich zu integrieren, könnte eine ambulante Betreuung sinnvoll sein, wie sie bei dem Neubauprojekt in der Bammersdorfer Straße geplant ist: Ausgesuchte Obdachlose aus dem Eggolsheimer Weg könnten umziehen und Tür an Tür mit normalen Mietern wohnen. Gleichzeitig werden die Betroffenen weiter von Sozialpädagogen betreut.

Im Eggolsheimer Weg helfen die Sozialarbeiter Kahnt und Roth aktuell bei alltäglichen Problemen, Behördengängen und Formularen - und eine ihrer wichtigsten Aufgaben: Sie sind der "Kummerkasten" der Obdachlosen. "Mit den beiden hier im Büro, muss man ja zufrieden sein", lobt Hilde Meier die Awo-Mitarbeiter.

Angesichts der widrigen Umstände scheint sie sich mit ihrer Situation abgefunden zu haben. Ihr größter Wunsch ist Gesundheit. "Da würde ich auch auf Geld verzichten, hauptsache ich werde gesund und könnte auf Arbeit. Aber was soll's. Jetzt bin ich da und fühle mich hier daheim." In ihrer Obdachlosen-Wohnung am Rande der Stadt.

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