LKR Forchheim
Stalking

Forchheimer Stalking-Opfer erzählt ihre Geschichte

Erst seit sieben Jahren ist das ständige Belästigen und Nachstellen eines Menschen eine Straftat. Wir haben mit einer Betroffenen gesprochen.
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Gertrud M. (Namen von der Redaktion geändert) hatte gute Gründe, sich nach zwölf Jahren von ihrem Ehemann zu trennen. Kurt E. hatte ihre Tochter geschlagen, war nach 16 Uhr immer betrunken und schreckte auch vor häuslicher Gewalt nicht zurück. Doch sie wollte ihren Mann nicht so einfach vor die Tür setzen.

Deswegen verließ sie selbst ihr eigenes Haus im Landkreis Forchheim und zog vorübergehend mit ihrer Tochter zu Kurt E.s Schwester. "Ich habe ihm vier Wochen Zeit gegeben, sich eine Wohnung zu suchen", erzählt die 59-Jährige. "Nachdem er selbst keine Anstalten gemacht hat, habe ich eine für ihn gesucht." Eine Szene, die symptomatisch war für diese Beziehung: Sie sorgte für den Lebensunterhalt, er setzte sich ins gemachte Nest und kümmerte sich um nichts. Mit der Trennung war das nun vorbei.

Doch im Grunde fing es damit erst an.

Monika Vieth, Leiterin Des Weißen Rings, Spricht Über Stalking by Infranken.de

40 Anrufe täglich
Rund 40 Anrufe pro Tag und zahllose SMS erhielt Gertrud M. von ihrem Ex: "Erst waren es Liebesschwüre, sehr schnell wurden es aber wüste Beschimpfungen. Am Anfang hab' ich auf die Nachrichten auch geantwortet und ihm gesagt, dass er mich in Ruhe lassen soll." Ein Fehler, wie Monika Vieth, die Leiterin des Weißen Rings in Forchheim weiß: "Wenn das Opfer auf den Stalker reagiert, wirkt das wie eine Einladung für den Täter, weiter zu machen."

Bei den Anrufen blieb es nicht. Kurt E. ging mit Fußtritten auf seine Exfrau los, bedrohte sie mit einem Messer.

"An meinem Auto waren die Scheibenwischer abgebrochen und Sekundenkleber im Schloss, ich hatte Zigarettenstummel im Briefkasten, sodass meine Post angekokelt ist", berichtet Gertrud M., "er hat Tag und Nacht mein Haus belagert, Sturm geklingelt und mich fotografiert, sobald ich das Haus verlassen hab. Ich konnte noch nicht mal alleine den Müll rausbringen."

Der Angriff mit dem Messer dann brachte für die resolute Frau das Fass zum überlaufen: Sie rief die Polizei. "Er hatte fast zwei Promille, als er festgenommen wurde.Und hat mich sogar noch aus der Arrestzelle heraus angerufen, als ich gerade meine Aussage gemacht habe."

Wohnortnahe Hilfe
Bei der Polizei bekam Gertrud M. auch den Tipp, sich Hilfe beim Weißen Ring in Forchheim zu holen. "Bei uns bekommen Opfer wohnortnahe Hilfe", erklärt Leiterin Monika Vieth.

"Die Betroffenen bekommen finanzielle Unterstützung, um sich von einem Rechtsanwalt beraten zu lassen und wir kommen auch dafür auf, dass das Opfer als Nebenkläger am Prozess teilnehmen kann." Nur so bekommen Betroffene nämlich Einsicht in die Prozessakten und können vor Gericht Anträge stellen. Gibt es keine Nebenklage, muss das Opfer vor Gericht aussagen, kann dann aber nichts weiter tun, um auf eine Verurteilung des Täters hinzuwirken.

"Beim Weißen Ring habe ich mich aufgehoben und gut betreut gefühlt", bekundet auch Gertrud M. Auch die Akteneinsicht hat ihr sehr geholfen: "Einmal, es war schon dämmrig, hat er angerufen und gesagt, schau aus dem Fenster, siehst du den Mann in der grauen Jacke? Das bin ich und in fünf Minuten bin ich drin. Er wollte mir Angst machen. Ohne die Akteneinsicht hätte ich nie erfahren, dass er bei diesem Anruf zuhause war." Insgesamt sechsmal hat Gertrud M.

ihre Telefon- und Handynummer geändert.

Nachdem Gertrud M. bei der Polizei war, dauerte es noch ein halbes Jahr, bis sie ihren Exmann wegen Stalkings anzeigen konnte. Bis dahin musste die heute 59-Jährige akribisch Tagebuch führen über all die Belästigungen und Demütigungen, die Kurt E. ihr zuteil werden ließ. SMS und Nachrichten auf dem Anrufbeantworter löschte sie nicht, um Beweise zu sammeln.

Rückhalt fand Gertrud M. bei Christian S. Ihn hatte sie kurz nach der Trennung kennen und lieben gelernt - und er bekam die Stalking-Attacken von Anfang an mit. Trotzdem hielt Christian S. zu ihr, die beiden haben schon nach kurzer Zeit geheiratet. Was Kurt E. offenbar alles andere als recht war: "Einmal hat er mich an der Supermarkt-Kasse angesprochen - Na, gut gefickt gestern?"

Da gelassen zu bleiben und nicht zu antworten, ist nicht leicht. Doch im Laufe der Zeit hat Gertrud M.

gelernt, die Angriffe einfach an sich abprallen zu lassen. "Ich bin jetzt Weltmeisterin im Ignorieren", sagt die 59-Jährige und lacht. "Und das ärgert ihn richtig, das merke ich an seinem Ausdruck."

Vier Monate auf Bewährung
Kurt E. wurde zu einer Haftstrafe von vier Monaten auf Bewährung verurteilt. Noch in der Bewährungszeit belästigte er Gertrud M. erneut. Aber anstatt das das Gericht die Bewährung wiederrufen hat, gab es einen neuen Prozess und die Bewährungsfrist wurde lediglich um zwei Jahre verlängert. Ein Urteil, dass Gertrud M. nicht verstehen kann. "Ich hatte den Eindruck, das Gericht war mit dem Fall überfordert. Die haben noch versucht, mich als die Irre dastehen zu lassen." Immerhin: Seit eineinhalb Jahren ist nun Ruhe. Gertrud M. hat mit dem Stalking abgeschlossen.

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