Forchheim

Forchheimer singt ein Lied über die Ex

Andreas Liebert ist in Forchheim aufgewachsen. In Lübeck veröffentlichte er die Single "Tümmler". Er singt nicht über einen Delfin, sondern über die eine Taxifahrt und das Happy End ohne "happy".
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In seiner Studentenbude in Lübeck schreibt Andreas Liebert seine eigenen Songs.  Foto: privat
In seiner Studentenbude in Lübeck schreibt Andreas Liebert seine eigenen Songs. Foto: privat
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Wer schreibt Lieblingslieder? Das bestimmen nicht Musiker, nicht die großen Plattenlabels dieser Welt - die Entscheidung bleibt jedem selbst überlassen.

Andreas Liebert wohnte bis zu seinem 18. Lebensjahr in Forchheim, legte Zwischenstationen in Jena und Bochum ein, und ist "seit drei Jahren im Norden zu Hause". In Lübeck geschrieben, in einem kleinen Studio in Ebern produziert: Sein erster Song "Tümmler" steht seit einer Woche im Netz, kostenlos zum Herunterladen.
Musik begleitet den 26-Jährigen schon immer: Mit 15 Jahren brachte er seine Gedanken zur Musik zu Papier, besser ins Netz: "Ich war total begeistert im Homepages basteln und habe Konzerte von 'Jesus Christ Superstar' und anderen in Forchheim präsentiert." Er gestaltete Flyer, gründete sein eigenes Fanzine, ein Online-Magazin, in dem er über Musik, neue Alben und bevorstehende Konzerte schrieb und katapultierte sich von Forchheim aus ins Band-Geschehen.
Alles in seiner Freizeit, neben der Schule. An seine ersten Schritte im Musikgeschäft kann sich Liebert erinnern: "Da denkt man, krass, die werde ich nie kennenlernen und plötzlich steht man neben den Bands und stellt ihnen Fragen."

Er präsentierte Rockbands wie Jupiter Jones, No Use For A Name und NOFX: "Die Bands kamen auf mich zu und sagten, du machst das cool und ambitioniert, also mach es mal für uns mit Management und Booking und schreib ein paar Texte", sagt Liebert. Er reiste Backstage, sah das Schild "Vorsicht Aufnahme" erleuchten, plünderte das Buffet: "Es ist total unspektakulär. Man wartet, wartet, wartet." Verdient hat er nichts - zumindest kein Geld: "Es hat mir genug gegeben, wenn die Bands einen coolen Gig gespielt haben."

Mehr als Geld verdienen

Nach dem Schulabschluss lernte er Informatiker, konnte sich aber seiner Leidenschaft nicht entziehen: Praktika bei Sony in München und anderen Musikunternehmen folgten. Heute studiert er Produktmanagement. Ehrenamtlich moderiert er im "Offenen Kanal Lübeck" eine Radiosendung, alle zwei Wochen gehört ihm eine Stunde im "Musikfenster": "Was mich antreibt? Dass immer mehr Leute meine Lieblingsmusik, also Indie-Rock, hören", sagt er.

Ein bisschen Indie-Rock, mehr melancholischer Deutsch-Pop: Letzten Freitag veröffentlichte er seine Single "Tümmler". Ein gigantisches Meeressäugetier, aber vor allem das Lieblingstier seiner Ex-Freundin. Im stillen Kämmerlein schreibt Liebert viele Songs. Dieses Mal überzeugten ihn Freunde, "Tümmler" in das Meer unbekannter Künstler im Netz zu stürzen. Warum eine Ex-Freundin einen Song verdient: "Weil die Beziehung einfach cool war." Im Song hört sich das so an: "Danke sehr, dass du mir zeigst, wie man sein Leben, so betreibt."
In monotonem Klang erzählt Liebert, wie sich zwei Menschen auf einer Party begegnen, verstehen, sich verlieben - "Wiederhole deinen Namen, im Taxi gegenüber, will ihn morgen wissen, egal wie viel Bier". Es hat funktioniert: Liebert wacht auf, kann sich erinnern, sucht in Facebook nach der jungen Frau von der Party am Abend zuvor und schreibt ihr. Sie schreibt zurück, alles ist gut. In der zweiten Strophe folgt die Einsicht, dass es für die ganz große Liebe doch nicht reicht: "Es wird nicht mehr gut." Lieberts Song ist nichts Neues, drei Minuten und zwölf Sekunden über Sehen, Lieben, Verlassen. Es "blättern unsere Tage, unsere Wochen, schreiben die Geschichten, die wir so mochten." Womöglich liegt genau in diesen Geschichten, die "wir so mochten", das Geheimnis für immer noch ein neues Liebeslied.

Sébastien Angrand, Musiker und Produzent aus Weigelshofen, hörte sich "Tümmler" an: "Der Song stimmt die typisch deutsche Traurigkeit an. Das gefällt mir an sich gut. Im ersten Moment klingt das Stück nach Philipp Poisel, aber dann auch wieder nicht." Irritierende Kleinigkeiten fallen bei Lieberts Erstlingswerk noch auf. "Man muss dem Zuhörer, der nicht mit den Werkzeugen eines Musikers ausgestattet ist, mehr Informationen geben, damit er den Song annehmen kann", sagt der Produzent.

Wo ist der Refrain?

Lieberts Stimme dominiert den Song. Die Gitarrenspur und die mit einem Synthesizer elektronisch erzeugten Geräusche rahmen den Gesang, der einen in eine Lesestunde auf dem Sofa versetzt, während Liebert aus seinem Tagebuch vorliest. Gepresst, aber doch irgendwie natürlich, stimmig. "Tümmler" ist keine Liebe in den ersten drei Minuten. Aber der Song animiert zum öfter anhören. Vielleicht auch, weil der Zuhörer bei "Tümmler" nach dem Refrain sucht, "bis er weiß, wann er mitsingen kann. Am besten mehr Stopps und zusätzliche Arrangements im Lied verstecken, damit sich jeder Laie - also du und ich - im Aufbau des Songs wiederfinden kann", sagt Angrand.

Wann Liebert seinen nächsten Song produziert, lässt er offen. Er will in Kneipen singen, Kettcar Frontsänger Marcus Wiesbusch bei der Veröffentlichung seines Soloalbums unterstützen, seine Abschlussarbeit schreiben und die Reaktionen auf "Tümmler" abwarten. Das Größte für ihn wäre: "Wenn 'Tümmler' von irgendjemandem der Lieblingssong wird."

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