Forchheim
Innovation

Forchheim: Jungunternehmer bringen Bewegung in die Altenpflege

Forchheimer Start-up will die Altenpflege digital revolutionieren: Bewegungsspiele mit Lichtsensoren sollen pflegebedürftigen Senioren helfen.
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Fang das Licht! - Geschäftsführer und Software-Experte Achim Schmidt (Mitte) macht vor, wie eine der spielerischen Aufgaben aussehen könnte, mit denen das Forchheimer Start-up Exerlights Health älteren Pflegebedürftigen helfen will. Sein Kollege Stefan Deuerling (links) leitet diese Spielrunde. Wirtschaftsförderer Viktor Naumann hält das gemeinschaftliche Projekt für ein gutes Beispiel für die wirtschaftliche Zukunft Forchheims.  Foto: Ronald Heck
Fang das Licht! - Geschäftsführer und Software-Experte Achim Schmidt (Mitte) macht vor, wie eine der spielerischen Aufgaben aussehen könnte, mit denen das Forchheimer Start-up Exerlights Health älteren Pflegebedürftigen helfen will. Sein Kollege Stefan Deuerling (links) leitet diese Spielrunde. Wirtschaftsförderer Viktor Naumann hält das gemeinschaftliche Projekt für ein gutes Beispiel für die wirtschaftliche Zukunft Forchheims. Foto: Ronald Heck
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Plötzlich leuchtet zwischen den vielen roten Lichtern ein grünes. Achim Schmidt entdeckt das grüne Lichtband, streckt den Arm aus und tippt auf den Sensor. "Fang das Licht" ist eine der Spiel-Ideen, mit der die Forchheimer Jungunternehmer von Exerlights Health Bewegung in die Altenpflege bringen wollen. Das Start-up aus dem Medical Valley Center entwickelt derzeit eine digitale Anwendung inklusive farbiger Lichtsensoren, von denen bald pflegebedürftige Senioren und Seniorinnen profitieren sollen. Die Lichtstationen können im Raum verteilt und arrangiert werden. Dadurch würden sich die ältere Personen beim Spielen bewegen.

Die Idee dahinter: Die Pflegebedürftigen trainieren spielerisch ihre körperliche und geistige Gesundheit. Gleichzeitig sollen die dabei digital erfassten Bewegungsdaten den Dokumentationsaufwand der Altenpfleger erleichtern. Auch andere haben das Potenzial des Forchheimer Start-ups erkannt: Der Freistaat Bayern fördert Exerlights Health mit 140 000 Euro, damit die Produktinnovation weiter entwickelt wird.

Idee kam am Mittagstisch auf

Dabei entstand die Idee mehr oder weniger zufällig: Beim Mittagessen in der Medical-Valley-Küche kamen vor einem Jahr Achim Schmidt vom Software-Dienstleister waaf.net und Julien Denis vom Sporttechnik-Start-up Exerlights ins Gespräch. Weil Centermanager Marco Wendel die beiden auf das bayerische Förderprogramm "Modellregion für die digitale Gesundheitswirtschaft Franken" aufmerksam machte, entschlossen sie sich, gemeinsam das Projekt unter dem Arbeitstitel "Happy Aging" auf die Beine zu stellen.

Das Team von Exerlights hat die Sensoren, die eigentlich am Körper getragen werden, ursprünglich für den Sportbereich entwickelt. Trainer steuern die Lichter über eine digitale Anwendung auf einem Tablet. "Die Technik, die für Fußballer gedacht ist, bleibt die selbe. Doch wir wollen die Pflegebedürftigen mit Spielen erreichen, die sie aus ihrer Kindheit kennen", erläutert Schmidt. Welche Spiele das werden, daran tüfteln die Jungunternehmer noch.

Senioren könnten im therapeutischen Bereich von den vier Spielsituations-Phasen, die die Erfindung von Exerlights trainiert, profitieren: Wahrnehmen, Verstehen, Entscheiden und Ausführen. "Bei älteren Personen kommt das mentale Training hinzu. Sie bewegen sich nicht nur, sondern strengen auch ihren Kopf an", erklärt Technikchef Florian Junk. So würden auch demente Patienten von der Anwendung profitieren.

Denkbar seien Spiele wie Memory, "1, 2 oder 3", Brettspiele oder Quizshows, die im Raum stattfinden. Junk und sein Kollege Stefan Deuerling zeigen noch eine Spielvariante: Beim "Memory-Weg" werden die Lichter auf dem Boden verteilt. Über die Tablet-Steuerung lässt Spielleiter Junk die Stationen nacheinander aufleuchten. Nachdem alle Lichter wieder ausgehen, muss Deuerling den Weg in der richtigen Reihenfolge ablaufen.

Die Schritte und Bewegungen, die Spieler machen, sollen künftig über ein am Körper getragenes Gerät, aufgezeichnet werden. Die Pfleger könnten dann einfach die Daten auslesen und die Therapie entsprechend anpassen. "Hat ein Patient beispielsweise schon viele Schritte gemacht, können die Therapeuten ein einfacheres Spielprogramm machen. Oder andersherum eben das Level erhöhen", erläutert Schmidt. Der Software-Experte ist für die Informationstechnik hinter der Anwendung zuständig.

Kreativität in der Wirtschaft

Um die Hohe Förderung vom Freistaat zu bekommen, konnte das Forchheimer Start-up ein Expertengremium aus Professoren von ihrer Idee überzeugen. Rund 320 000 Euro kostet das Projekt unter dem neuen Namen Exerlights Health, bis kommenden Januar soll das Produkt stehen.

"Ohne das Medical Valley Center wäre das sicher nicht zustande gekommen. Die Leute hier sind greifbar und man hat kurze Amtswege, auch zur Stadt", meint Geschäftsführer Schmidt über den Standort Forchheim.

Das gemeinschaftliche Projekt sei ein gutes Beispiel für die wirtschaftliche Zukunft Forchheims, findet der städtische Wirtschaftsförderer Viktor Naumann. "Wir wollen langfristig auch mit der bisherigen Wirtschaftspolitik ein zweites Standbein aufmachen: Durch kreative Prozesse und Humankapital sollen neue Wertschöpfung und neue Dienstleistungen entstehen, die am Markt nachgefragt werden."

Die Forchheimer Jungunternehmer haben ihre Idee bereits mit dem Bayerischen Roten Kreuz getestet. In einem Altenheim wurden erste Bewegungsspiele gemeinsam mit Ergotherapeuten und Bewohnern ausprobiert. "Unser Ziel ist es, am Ende ein fertiges Produkt zu haben, mit dem wir zu großen Herstellern gehen können", sagt Schmidt. Die große Herausforderung sei, das Produkt für alle Beteiligten attraktiv zu machen. Auch die Pfleger müssen die digitale Anwendung einfach bedienen können.

Deshalb tüftelt das Team weiter an den Geräten und der Software. Damit es aus Forchheim bald heißt: Grünes Licht für mehr Bewegung in der Altenpflege.

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