Veilbronn
Diskriminierung

Familie mit behindertem Kind angepöbelt: Fränkischem Gastwirt platzt der Kragen und bekommt dafür viel Lob

Erst pöbelte ein Gast eine Familie mit einem behinderten Kind an. Als derjenige sich dann noch per Mail beschwert, bezieht ein oberfränkischer Küchenchef klar Stellung und bekommt dafür viel Lob von allen Seiten.
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Marcus Müller mit seiner Halbschwester Marianne. Als ein Gast sich wegen eines behinderten Kindes im Lokal beschwerte, fand der Küchenchef vom Landgasthof Lahner deutliche Worte. Foto: privat
Marcus Müller mit seiner Halbschwester Marianne. Als ein Gast sich wegen eines behinderten Kindes im Lokal beschwerte, fand der Küchenchef vom Landgasthof Lahner deutliche Worte. Foto: privat
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"In was für einer Welt leben wir denn? Ich bin wirklich geschockt", sagt Marcus Müller, Küchenchef im Landgasthof Lahner in Veilbronn. Denn am Tag der Deutschen Einheit (3. Oktober 2019) war in seinem Lokal eine Familie mit behindertem Kind angepöbelt worden. "Ich habe das erst gar nicht richtig mitbekommen, weil ich in der Küche gearbeitet habe", berichtet Müller und erzählt weiter, dass ihn seine Servicekräfte darauf aufmerksam machten, dass Gäste am Nebentisch laut darüber lästerten, dass ein behindertes Kind in einer Gaststätte nichts zu suchen habe.

Gast schreibt Beschwerdemail wegen behindertem Kind

Als Müller einschreiten wollte, waren die Gäste allerdings bereits gegangen. "Ich habe mich geärgert, hätte aber nichts weiter gemacht. Erst als ich dann eine Mail von ihnen erhalten habe, war ich richtig sauer", erzählt er, denn darin stand geschrieben: "Man solle doch bitte drauf achten, welche Klientel man sich ins Haus holt. Wenn sowas öfters da ist, kommen wir nicht wieder." Behinderte Menschen sollten sich laut dem Gast nur in Heimen aufhalten.

Oberfränkischer Küchenchef findet deutliche Worte

Der Küchenchef war entsetzt und antwortete per Mail, dass diese Leute bei ihm als Gäste nicht mehr willkommen seien. Er konnte sich gar nicht mehr beruhigen und beschrieb das Vorgefallene auf seiner Facebook-Seite.

"Wir haben ausländische Servicekräfte, lesbische und schwule Freunde und meine Halbschwester Marianne ist behindert. Für uns sind alle Menschen gleich und herzlich willkommen", sagt Müller und gibt zu bedenken, wer zukünftig wohl sonst noch diskriminiert werden könnte: "Alte? Dicke? Blonde?" Er möchte keine intoleranten Gäste haben, die sich dann auch noch laut am Nachbartisch äußern, damit es jeder hört. Etwas überrascht war der Küchenchef jedoch über die große Resonanz seines Posts. Viele Menschen fanden es gut, dass er so deutlich Stellung bezogen hatte. "Danach ging es los. Zeitungen, Radio- und Fernsehsender baten um Interviews. Und wir bekommen täglich hunderte von Nachrichten", erzählt der Küchenchef.

ASB Forchheim dankt für die klaren Worte

Auch der Forchheimer Arbeiter-Samariter Bund (ASB) äußerte sich in einem Post: "Danke an den Landgasthof Lahner und die Mehrheit der Menschen für die klaren Worte gegen Diskriminierung und Ausgrenzung jeglicher Art."

Verfasst hatte den Text Lukas Hänsch vom ASB-Wohnheim "Haus am Gründelbach" in Forchheim. Er sagt: "Es ist schade, dass es auch heute noch Vorurteile und Ablehnung gegenüber Menschen mit Handicap, Armen, Kranken, Menschen anderer Hautfarbe, anderer Nationalität oder Glaubensrichtung gibt." Im ASB-Wohnheim leben Menschen mit Behinderung und haben einen geregelten Tagesablauf. Einige gehen zur Arbeit und machen Unternehmungen. "Wir gehören zum Stadtbild einfach dazu", sagt Hänsch.

Erschüttert wegen Anfeindungen

Denn die Behinderten gehen mit Betreuern in der Stadt spazieren, besuchen Cafés oder Gaststätten, gehen schwimmen oder haben ihren Stammtisch am Glocken- oder Winterbauerkeller. Sie kochen im Heim füreinander, decken den Tisch oder machen zusammen Musik. "Solche Anfeindungen habe ich zum Glück noch nicht erlebt. Aber mich hat erschüttert, dass durch die sozialen Medien die Hemmschwelle immer niedriger wird und so etwas passieren kann", meint Lukas Hänsch und findet es schade, dass manche Leute ihre Mitmenschen einfach in Schubladen stecken und sich nicht genügend informieren: "Dabei lebt unsere Gesellschaft von der Vielfältigkeit."

Seine Kollegin Beate Schulz ist mit den Behinderten oft in Forchheim unterwegs: "Klar, wenn wir kommen, ist es ein wenig lauter und manche Leute schauen dann schon. Aber die Gastronomen heißen uns immer willkommen." Ihr macht die Arbeit mit behinderten Menschen großen Spaß. "Die sind klasse, gehen offen auf andere zu, sind liebevoll und wie eine zweite Familie für mich", sagt Beate Schulz und weist darauf hin, dass Behinderte ohne Vorurteile ins Leben gehen.

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