LKR Forchheim
Nostalgie

"Es hat sich nicht viel geändert"

Zwischen Erzählungen von früher und Kindern von heute scheinen Welten zu liegen. Doch war es früher wirklich anders oder besser?
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Heute: Der sechsjährige Leon will einmal Landwirt werden. Fotos: privat
Heute: Der sechsjährige Leon will einmal Landwirt werden. Fotos: privat
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Mit "Weißt du noch?" oder "Das waren Zeiten" beginnen oft Erzählungen über die Vergangenheit, einschneidende Erlebnisse oder Erinnerungen an die eigene Kindheit, die sich als oft ganz alltägliche Dinge wie ins Gehirn gebrannt haben. Ob das die Pril-Werbung samt Blumenaufkleber für die Fliesen ist oder die Lockenwickler mit Trockenhaube und großblumigen Tapeten für die 70er Jahre, das Telefon mit Wählscheibe, der Kaugummiautomat, Pumuckl oder das typische "Draußen spielen bis es dunkel wird" für die 80er Jahre.

Dieser Blick auf die eigene Kindheit, die vermeintlich bessere Zeit, ist zugleich ein kritischer Seitenhieb auf die heutige junge Generation, die angeblich nichts anderes tut, als vor dem Computer oder der Konsole zu sitzen und Sozialkontakte ausschließlich über Social Media zu pflegen. Mit jeder weiteren technischen Errungenschaft verfestigt sich das Bild. Es stimmt, und es stimmt eben auch nicht. Wie früher auch.

Unterschiedliche Wahrnehmung

"Es hat sich nicht viel geändert. Wenn wir früher ,Colt Seavers' oder ,Spaß am Dienstag' geschaut haben, hieß es auch: ,Ihr bekommt bald viereckige Augen'", erinnert sich Christian Schönfelder. Der Forchheimer Pädagoge ist selbst Vater und zugleich Jugendbeauftragter in Gräfenberg, Weißenohe und Hiltpoltstein und kennt deshalb die Vorlieben und die Entwicklung mehrerer Generationen. Die unterschiedliche Wahrnehmung, die andere Freizeitbeschäftigung, sei einfach durch den Fortschritt bedingt.

"Man kann sich dem Fortschritt nicht verweigern", findet auch Sonja Schrüfer aus Wimmelbach. Sie ist mit vier Geschwistern aufgewachsen, in einer Zeit, in der es den heutigen Luxus und Wohlstand nicht gab. Gummihüpfen und Spiele wie "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann" waren die Beschäftigungen am Nachmittag draußen im Freien. Auch der Puppenwagen wurde durch die Gegend geschoben.

20 Jahre später war Gummihüpfen auf dem Pausenhof modern - die Mädchen heute schieben immer noch Puppenwagen durch die Gegend. Trotz Computer oder Handyspielen, trotz Nintendo und Playstation.

"Ich will einmal Bauer werden"

"Der Sandhaufen vor dem neu gebauten Haus ist für alle Dreijährigen das Liebste. Das ist bis heute so geblieben und daran kann kein Computer etwas ändern. Das kann kein Landwirtschaftssimulator auffangen", erklärt Schönfelder. Das stimmt. Der sechsjährige Leon und seine Freunde lieben die echten Baustellen.

Im Garten hat er einen Platz Erde bekommen. Seine Spielzeuglaster sind dort täglich unterwegs, transportieren Sand. Dort wird mit Wasser gemischt, im Matsch gespielt. Aber am liebsten spielen er und sein Namensvetter Landwirtschaft. Komplett detailgetreu, in Arbeitshose und - schuhen, wurde schon im Kindergarten Getreide angebaut, zu Hause mit dem Mähdrescher geerntet und mit dem Traktor über die Felder gefahren.

In der Wohnung geht es weiter. "Ich will einmal Bauer werden", sagt Leon. Seine Freunde nicken. Auch ihnen würde das gefallen. An Regentagen oder vor dem Schlafengehen spielen sie deshalb manchmal auch eine Runde Landwirtschaftssimulator. "Das machen alle. Und wenn er nicht darf, ist er ausgeschlossen", erklärt seine Mutter. Sie hat im Blick, was er spielt.

Leons Mutter, aber auch der Rettungsdienst-Mitarbeiter Christian Kawala gehören zur Generation Nintendo und Playstation. Da kam diese Art der Freizeitbeschäftigung so richtig auf und hat - wie Telefon und Fernseher 45 Jahre zuvor - Einzug in die Wohnzimmer gehalten. "Es hat alles Vorteile", sagt Kawala.

Vorteile der Moderne

Natürlich hat auch er sich mit Freunden getroffen, um Playstation zu spielen. "Es gab keine große Auswahl", erklärt der 26-Jährige. Nicht nur, dass die elektronischen Spiele schnell langweilig wurden, galt den meisten der Bolzplatz als Treffpunkt schlechthin. Auch ohne Verabredung. "Es war immer einer dort", erinnert sich der 26-Jährige. Trotz Playstation war er gerne bei der Feuerwehr. Seit er mit acht Jahren zur Kinderfeuerwehr ging, blieb er dem Verein treu und betreut heute die Jugendlichen.

Die Vorteile der Moderne möchte niemand der vorherigen Generationen missen. Gerade für die Älteren hat der Computer Erleichterungen gebracht, ob durchs Onlinebanking oder das Einkaufen im Internet. Vor allem bleibt man mit anderen in Kontakt. Das tun die Jugendlichen und Kinder heute auch. Nur haben die Eltern heute mehr Kontrolle über ihre Sprösslinge als früher. Und es gibt auch die Vorbildfunktion. Wenn die Eltern am Essenstisch immer das Display im Blick haben statt den Augenkontakt, werden es die Kinder nicht anders handhaben.

Selbst früher, als die Elterngeneration die gleichen Sprüche losließ, haben sie sich an der modernen Technik erfreut. Sie haben Freunde angerufen und Fernsehen geschaut. In der früheren Zeit leben will kaum jemand mehr. "Es war ein mühseliges Arbeiten", erinnert sich Sonja Schrüfer.

Was steht also hinter dem nostalgischen "Weißt du noch..."? "Es ist die schöne Erinnerung an die Unbeschwertheit der Kindheit, als man noch einfach so in den Tag hineinleben konnte", bringt es Christian Kawala auf den Punkt.

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