LKR Forchheim

Erster Weltkrieg: Mit der Post kam das Grauen nach Hause

Regelmäßig schilderten Soldaten daheimgebliebenen Freunden und Verwandten ihre Erlebnisse an der Front. Die Heeresleitung befürwortete dies aus psychologischen Gründen.
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Diese Karte, die deutsche Soldaten in die Heimat geschickt haben, zeigt ein Massengrab. Repro: Franze
Diese Karte, die deutsche Soldaten in die Heimat geschickt haben, zeigt ein Massengrab. Repro: Franze
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Über 8000 Soldaten sorgten in den Jahren des Ersten Weltkriegs täglich dafür, ihren Kameraden im Kriegsgebiet durchschnittlich 9,9 Millionen Sendungen aus der Heimat zuzustellen und umgekehrt von ihnen 6,8 Millionen Briefe, Karten und Pakete nach Hause zu überbringen.

Insgesamt sollen es während des Ersten Weltkriegs 28,7 Milliarden Sendungen gewesen sein, die transportiert wurden. Dieser großen Menge verdanken Nachgeborene, dass auch heute noch dokumentiert werden kann, was aus dem Schützengraben berichtet und geschrieben wurde. Die Oberste Heeresleitung legte großen Wert darauf, dass die an der Front stehenden Soldaten sich mit ihren Angehörigen in der Heimat austauschen und so in Verbindung bleiben konnten.

Regelmäßige Kontaktsperren

Der Kontakt nach Hause trug wohl in der Tat oft dazu bei, das Gefühl des Alleinseins und die Trennung von der Familie psychisch zu verkraften. Fronturlaub gab es in der Regel frühesten nach zwölf Monaten Kriegseinsatz.
Allerdings war der Militärführung auch das Risiko eines unkontrollierten Schriftverkehrs bewusst.

Informationen über Angriffspläne, Rückzugsbewegungen oder auch über eigene Verluste sollten keinesfalls öffentlich werden und damit dem Feind Vorteile verschaffen. Deswegen wurden in solchen Situationen immer wieder Postsperren erlassen. In diesen Phasen war es nur erlaubt, Mitteilungen nach Hause der Kompanieführung vorzulegen und sie zensieren zu lassen.

Während des über vier Jahre dauernden Kriegs wurden über 600 solcher Sperren verhängt, die bis zu sieben Wochen dauern konnten. Nicht nur das löste Kritik aus. Bei Kriegsbeginn hatte die Feldpost enorme organisatorische Schwierigkeiten. Innerhalb von zehn Tagen musste das kaiserliche Heer mit sieben Armeen in Stellung gehen.

Dazu waren pro Tag 550 Züge für den Transport an die französische und belgische Grenze notwendig. In dieser Phase ständiger Bewegung und Veränderung war es schwierig den Überblick zu behalten und die Post sachgemäß zuzustellen. Dementsprechend gab es Beschwerden.

"Wenn die Feldpost in den nächsten Tagen nur spärliche Nachrichten bringen sollte", beruhigte das Forchheimer Tagblatt am 12. August seine Leser, "so braucht das die Angehörigen der braven Krieger nicht zu beunruhigen. Der Dienst läßt zunächst kaum Zeit zum Schreiben. Auch muß man bedenken, daß jeder Brief und jede Feldpostkarte jetzt nicht den direkten Weg durch die Post macht, sondern erst die militärische Prüfstelle passieren muß."
In den Briefen und Postkarten dürfe keinerlei Nachricht von militärischen Dingen stehen. Es dürfen weder der Aufgabeort noch das Datum verzeichnet sein. "Solange sich die Truppen im Aufmarsche befinden, wird eine Bestellung durch die Feldpost sehr erschwert, wenn nicht gänzlich unmöglich sein", schreibt die Zeitung weiter.

Tatsächlich veröffentlichte aber das Forchheimer Tagblatt schon zwei Wochen später die ersten drei Feldpostbriefe, die bei der Redaktion eingegangen waren. Ein Artillerie-Wachtmeister aus Eggolsheim berichtete, dass er zwei Tage und zwei Nächte mit der Bahn unterwegs gewesen sei.
"Am 3. Tage wurden wir nahe der französischen Grenze einquartiert. Schlechtes Quartier. Bier habe ich, seit ich aus E. fort bin, auf der Durchfahrt durch eine Ortschaft 2 Halbe getrunken. Es gibt nur Rot- oder Weißwein."

Mit gespaltenem Schädel

Er sei am nächsten Tag mit seinem Oberleutnant über die Grenze geritten und dabei gleich beschossen worden. Nach einer mehrtägigen Ruhepause sei es zu ersten schweren Gefechten gekommen.
Unter starkem Artilleriefeuer habe er seine Batterie in die zugewiesene Stellung geführt: Da "lag vor mir ein toter Infanterist mit auseinander gespaltenem Schädel. Da gruselte es mir doch. Aber als wir selber von Artillerie beschossen wurden, war mir alles gleich, ich richtete auf den dichtesten Haufen und wir erschossen hunderte Franzosen. Sie flohen, Kanonen und alles zurücklassend. Auf manchem Platz lagen 80-100 tote Franzosen", heißt es in der Post. Briefe in dieser Länge waren eher die Ausnahme.

Weit häufiger wurden vorgedruckte Ansichtskarten verwendet. Sie findet man heute noch in vielen Fotoalben, die als Erinnerung an den Kriegsdienst angelegt wurden - mit Städteansichten aus den besetzten Gebieten, Aufnahmen von der Front oder auch in Form von Grußkarten aller Art. Der Versand war kostenfrei, was unter anderem auch die ungeheurere Menge an Post erklärt. Die Zustellung an die Front und in die Heimat erfolgte aber nur, wenn Truppenteil, Division und Kompanie peinlichst genau angegeben waren.

Häufig beschränkte sich der Briefverkehr nur auf die knappe Mitteilung der persönlichen Situation, wie es der Familie oder den Bekannten gehe und was an der Front dringend gebraucht werde.

Bitte um Liebesgaben

Größter Wunsch war dabei fast immer die Bitte um Lebens- oder Genussmittel. Liest man heute das heute, entsteht der Eindruck, dass die Versorgungslage unzureichend war.

Vor allem, weil ja auch in der Heimat ständig Liebesgaben gesammelt, "Reichswollwochen" zur Versorgung mit Unterwäsche und warmen Decken ausgerufen und sonstige Spenden erbettelt wurden. Im Gegensatz zu anderen Zeitungen verzichteten das Forchheimer Tagblatt und auch der Wiesent-Bote auf jegliche Kommentierung und veröffentlichten die Feldpostbriefe nur mit einem knappen Hinweis auf den Absender. Auch sprachlich griffen sie nicht in die Texte ein.

Das zeigen sowohl stilistische Ungeschicklichkeiten als auch grammatikalische Fehler. Wie etwa sollte man einen Satz wie diesen verstehen: " Es sieht der Krieg draußen vor Begeisterung die Sache harmloser als herin."

Mit Leichen übersät

Ungewollt standen manche Feldpostbriefe im direkten Gegensatz zu den Erfolgsmeldungen der Obersten Heeresleitung auf der Titelseite. "Bis jetzt habe ich 4 Gefechte mitgemacht", heißt es in einem am 27. August 1914 an der Westfront abgefassten Brief.

Und weiter: "Es lagen die Franzosen wie niedergemäht da, an toten Bayern fehlte es aber auch nicht. Der Wald bei R. war mit Toten nur so übersät. Es ist schrecklich, was der Krieg für Menschenleben fordert. Wir haben viel Dienst und die letzte Zeit angestrengte Märsche. Bin jetzt schon 3 Tage nicht mehr aus den Stiefeln gekommen. Seid nur froh, daß zu Euch der Feind nicht kommt. Die armen Leute dürfen das Dorf nicht verlassen und haben nichts zu essen, ihre Männer sind im Kriege. Alles ist zusammengeschossen."

Autor dieses Briefes war vermutlich der "Magistratsfunktionär Georg Wagner" aus Forchheim, der wenig später am 10. Oktober 1914 gefallen ist. Das Forchheimer Tagblatt meldete seinen Tod mit dem Vermerk, dass er "Mitarbeiter" der Zeitung gewesen sein und "so manchen Beitrag aus dem Felde überschickt" habe.

"Eine ganz faule Bande"

Wagner gehörte dem in Erlangen beheimateten 19. Infanterie-Regiment an, das an der Westfront besonders hohe Verluste zu erleiden hatte. Allein auf der Forchheimer Gefallenentafel sind neben Georg Wagner weitere 33 Soldaten verzeichnet, die in diesem Regiment dienten.

Derart viel Mitgefühl wie Georg Wagner zeigten nicht alle in ihren Feldpostbriefen. In einem im Wiesent-Boten veröffentlichtem Schreiben bezeichnet ein aus Breitenbach stammender Soldat die Franzosen als "eine ganz faule Bande". Diese Einschätzung begründete er wie folgt: "Vor uns hatte sich unlängst eine Abteilung das Vergnügen gemacht, einen Schützengraben auszuheben, wir haben uns dabei nicht gerührt; abends hat aber eine Kompagnie von uns den Herren einen Besuch abgestattet, haben sich vorsichtig hingeschlichen, so daß sie direkt an den Schützengraben kamen, wo sie bemerkten, daß alles schnarchte. Wir haben mit dem Bajonett die ganze Bande abgemurkst und gleich im Schützengraben bestattet. Es ist oft unheimlich, was man mitmachen und was man ansehen muß, aber wenn es gilt gegen den Feind, hat alle Barmherzigkeit aufgehört."

Dass der Krieg menschenverachtend ist und zur Verrohung führt, ist nichts Neues. Was aber ein Forchheimer im Oktober 1914 von der Front nach Hause schrieb und im Forchheimer Tagblatt veröffentlichte, löst mehr als nur ein Kopfschütteln aus: "Lieber Sohn H. und E.! Euere Briefe habe ich erhalten und werde Euch belgische Soldatenmützen und, wenn ich einige Franzosen erschlagen habe, auch Säbel und Patronen mitbringen. Bei uns schießen sie den ganzen Tag mit den Kanonen und wenn uns eine solche große Kugel trifft, fällt uns immer der Helm vom Kopf und wir müssen ihn dann immer wieder aufheben."


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