Manche Schwangerschaft dauert nur drei Wochen. So zumindest haben es Monika und Herbert Hofmann erlebt (Namen von der Redaktion geändert). Das kinderlose Paar hatte sich jahrelange mit dem Gedanken getragen, ein Kind zu adoptieren oder in Pflege zu nehmen. "Als die Entscheidung gefallen war, dass Klara zu uns kommt, haben wir in drei Wochen vorbereitet, was andere in neun Monaten machen", erinnert sich der 49-jährige Familienvater.

Das Gericht entscheidet


Klara war das dritte Kind einer alleinstehenden Mutter. Nachdem das Jugendamt die Frau wegen ihrer beiden "erheblich verhaltensauffälligen" Kinder schon im Blick hatte, entschied das Gericht, dass das dritte Kind "in Obhut genommen" werden müsse. "Wie haben sie kennen gelernt, da war Klara drei Monate alt", erzählt Herbert Hofmann. Und es dauerte noch einmal drei Monate, bis das Paar das Mädchen mit nach Hause nahm in ein kleines Dorf im Landkreis Forchheim.
"Matching" nennen die Experten vom Jugendamt den Prozess, der so einer "Familiengründung" vorangeht. Dabei werde geklärt, "ob dieses Kind zu diesen Eltern passt", erläutert Martina Schulz.
Die 41-Jährige ist eine von vier Fachkräften beim Pflegekinderdienst des Landkreises. Nach zwölf Jahren Berufserfahrung weiß die Sozialpädagogin und Familientherapeutin, wie oft hinter dem Wunsch nach einem Pflegekind "eine blauäugige Bewerbung steht".
Daher müssen sich die Bewerber einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Jugendamt stellen. Auch Monika und Herber Hofmann waren in Klausur gegangen, bevor sie Pflegeeltern wurden. Bei Seminaren erprobten sie "wie es sein könnte". Dazu gehören Rollenspiele und Familienaufstellungen.
Erwartungen von Eltern erfüllen sich ja nie, sagt Martina Schulz. Pflegeeltern hätten es da noch viel schwerer, denn: "Pflegekinder bringen immer einen Rucksack an Problemen mit."
Diese Erfahrung hat auch das Ehepaar Hofmann gemacht. Obwohl das Paar Klara in der "Anbahnungsphase" alle zwei Tage gesehen hatte und in der letzten Woche sogar täglich, war Herbert Hofmann dann überrascht: "Klara hat Dinge mitgebracht, auf die wir nicht vorbereitet waren. Ich hätte mir etwa nie vorgestellt, dass ein Baby im Kontakt so spröde wirken kann."

Welten prallen aufeinander


Solche Erfahrungen von Pflegeeltern sind leider keine Ausnahme, weiß Martina Schulz. Pflegekinder seien "eigentlich immer traumatisiert". In der Regel sind es Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft rauchen oder trinken; und nicht selten müssen die Kinder schon vor der Geburt Gewalt erleben (Tritte in den Bauch der Mutter). "Und wenn sie dann in die neue Familie kommen, kann man nicht einfach die Reset-Taste drücken", sagt Martina Schulz: "Da prallen Welten aufeinander. Die heilende Erfahrung in der neuen Familie ist bei den Säuglingen oft gar nicht willkommen. Sich auf Beziehungen einzulassen, ist für solche Kinder lange schwierig, oft ihr Leben lang."

Dramatische Vorfälle


Klara kam in einem Oktober, erinnert sich Herbert Hofmann. "Und erst im Januar hatten wir das Gefühl, dass sie Wurzeln in unserem Herzen schlägt." Doch irgendwann beginne man zu vergessen, dass das Kind über das Jugendamt kam, sagt der Pflegevater.
Diese beglückende Erfahrung wiederholte sich für das Elternpaar, denn nach Klara kam Anton. Die leibliche Mutter von Klara war erneut schwanger geworden. Und das Jugendamt hatte sich an die Pflegeeltern gewandt: Ob sie bereit wären, auch das vierte Kind der alleinstehenden Mutter aufzunehmen? Solche Anfragen, sagt Martina Schulz, "kommen nur, wenn sich dramatische Vorfälle ereignen".
So haben Monika und Herbert Hofmann heute zwei Kinder, acht und zehn Jahre alt. Das Zusammenleben fühle sich an "wie mit eigenen Kindern". Gleichzeitig wissen Klara und Anton, wer ihre leiblichen Eltern sind. "Intuitiv wussten sie schon als Säuglinge, dass da noch jemand ist", sagt Herbert Hofmann.

Leben in zwei Systemen


Pflegekinder lernen, mit zwei Familiensystemen umzugehen. Im Idealfall funktioniere das wie bei den Hofmanns, freut sich Martina Schulz über dieses "Beispiel gelungener Familienhilfe". Gelingen konnte sie auch wegen "der regelmäßigen Gespräche" mit den professionellen Helfern, sagt Herbert Hofmann. Diese Zuwendung hätten ihn und seine Frau gestärkt. Der 49-Jährige schwärmt von der "Kontaktqualität im Forchheimer Jugendamt": Die Aufmerksamkeit habe ihm geholfen "Krisen zu überwinden". Denn Pflegeeltern seien ja immer auch mit den Themen beschäftigt, die sie selbst mitbringen - "und die können existenziell für den Familienverband sein", weiß Herbert Hofmann.
Von außen betrachtet leben die Hofmanns wie eine normale Familie. Die Eltern freuen sich über die sehr guten Mathe-Noten und "es wird gelacht und geweint wie in allen Familien", erzählt der Familienvater.
Andererseits ist es eben doch kein normales Familienleben: Sobald es ums Impfen geht, um Auslandsreisen oder um das Eröffnen eines Bankkontos, können Pflegeeltern nicht mehr alleine entscheiden. Die leiblichen Eltern müssen es tun, oder der Vormund.
Und das erinnert die Pflegeeltern daran, dass es jederzeit eine Rückkehr der Kinder zur Ursprungsfamilie geben kann. "Vielleicht bleiben sie, vielleicht gehen sie, im Herz bleiben sie das ganze Leben", sagt Herbert Hofmann. "Es ist wie es ist," sagt er. Er habe gelernt, "keine Vergleiche" zu ziehen.
Als Pflegevater sei ihm klar geworden, "wie stark in der Gesellschaft die Forderung nach Konzepten" sei. "Ich plädiere dafür, sich von Konzepten und Planungen zu lösen und die Kinder wahrzunehmen ohne sie zu bewerten".
Im Beruf sei es jeher seine Devise gewesen, dem Leistungsprinzip abzuschwören. Als Vater habe er dieses Prinzip nun auch in der Familie verwirklicht: "Das habe ich von meinen Kindern gelernt".
Und andere Pflegeeltern können etwas von Herbert Hofmann lernen: Wer nur ein Kind haben wolle, etwa deshalb, weil er selbst kein biologischer Vater oder eine biologische Mutter sein kann, der sollte es sein lassen. "Oder sich besser ein Kuscheltier zulegen."
Und sein Motiv? "Ich möchte", sagt der 49-Jährige, "dass es in unserer Gesellschaft Menschen gibt, die Werte weitertragen, die mir wichtig sind. Ich möchte, dass Klara und Anton die Perspektive für ein glückliches Leben haben."
Ob er sich demnach vorstellen könnte, ein drittes Pflegekind aufzunehmen? "Warum nicht!", sagt Herbert Hofmann.