Forchheim
Thema der Woche

"Ein Satz über Liebe muss sein"

Standesbeamte kümmern sich nicht nur um die Formalitäten einer Eheschließung. Sie geben, wie drei Standesbeamte aus Forchheim und Kirchehrenbach belegen, dem Paar immer auch Tiefsinniges mit auf den Weg.
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Ein junges Hochzeitspaar schaut sich während seiner Trauung vor der Standesbeamtin an.  Foto: Patrick Pleul, dpa
Ein junges Hochzeitspaar schaut sich während seiner Trauung vor der Standesbeamtin an. Foto: Patrick Pleul, dpa

Die meisten Paare, sagt Klemens Denzler, schätzen es, wenn der Standesbeamte über die Liebe spricht. Oder darüber, wie die Beziehung "in gesegneten Bahnen" verlaufen kann. "Wenn jemand aber zum zweiten oder dritten Mal heiratet, sollte der Standesbeamte etwas zurückhaltender sein, da kann man nur ins Fettnäpfchen treten", scherzt Denzler.

Er muss es wissen. Seit 30 Jahren ist er Standesbeamter. Hat ungezählte Fortbildungen absolviert. Erstaunlicherweise hat er in all den Jahren aber nur eine einzige Traurede gehalten. "99 Prozent der Trauungen machen die Bürgermeister", erklärt Klemens Denzler, der in der Verwaltungsgemeinschaft (VG) Kirchehrenbach arbeitet.

So ist das in kleinen Gemeinden: Da reißen sich die Bürgermeister darum, die Trauungen selbst zu halten. Und da es in der VG Kirchehrenbach drei Bürgermeister und drei Stellvertreter gibt, kommen die beiden hauptamtlichen Standesbeamte gar nicht in die Verlegenheit, wohlgeformte Sätze formulieren zu müssen. "Wir sind der Prellbock. Wir bereiten die Dokumente vor und machen die rechtlichen Sachen im Hintergrund", sagt Klemens Denzler.

Im Vordergrund stehen Leute wie Anja Gebhardt. Im Vorfeld einer Trauung befragt die Bürgermeisterin aus Kirchehrenbach das Brautpaar. Welche Vorlieben hat es? Gab es einen Heiratsantrag?

Dank solcher Informationen könne sie der Traurede "eine persönliche Note geben". Zudem schmücke sie die Rede mit Zitaten. Ihr liebstes ist von Leo Tolstoi: "Die wichtigste Stunde im Leben ist immer der Augenblick; der bedeutsamste Mensch im Leben ist immer der, welcher uns gerade gegenübersteht; das notwendigste in unserem Leben ist stets die Liebe." Anja Gebhardt sagt dann zu jeder Zeile etwas. Ihre Kernbotschaft lautet: "Jeder sollte jedem seinen Freiraum lassen. Gleichzeitig ist es wichtig, gemeinsame Ziele zu verfolgen. So wird man auch in schwierigen Zeiten das Vertrauen nicht verlieren."

Fünf bis zehn Minuten dauert so eine Rede, sagt die Bürgermeisterin: "Wenn es zu lange wird, schweifen die Paare ab."

Bei etwa 15 Trauungen pro Jahr ist Anja Gebhardt gefragt. Weil sie als Bürgermeisterin Ehrenstandesbeamtin ist, darf sie "nur den Trauakt vollziehen". Manchmal steht nur das Paar vor ihr, manchmal sind 40 Gäste im Zimmer. Eines sei aber immer gleich: Am Ende wünscht die Bürgermeisterin jedem Paar, dass es zusammen alt werden darf. "Weil es nichts schöneres gibt, als alte Ehepaare, die händchenhaltend rumlaufen." Wenn diese Worte gefallen sind, dann sind Brautpaar und Ehrenstandesbeamtin gleichermaßen gerührt - "meist zu Tränen".

Ganz so rührend geht es bei

Dieter Walda nicht zu. Seit 1995 ist er Standesbeamter bei der Stadt Forchheim. Anfangs nur vertretungsweise; seit neun Jahren an erster Stelle. Da es sich Oberbürgermeister größerer Städte zeitlich nicht leisten können, als Ehrenstandesbeamte zu agieren, ist Dieter Walda nicht nur für die Formalien der Eheschließungen zuständig; er hält auch die Traureden. Da spreche er über Treue, Respekt und Toleranz, sagt Walda. Aber natürlich sei so eine Rede ohne das Thema Liebe undenkbar. "Treue und Liebe sind immer die Grundlage. Mindestens ein Satz über Liebe muss sein." Letztlich liege das jedoch "im Ermessen des Standesbeamten", betont Dieter Walda. "Manche lesen nur ein Gedicht vor, oder einen einfachen Spruch."

Offenbar ist es aber für viele Standesbeamte gar nicht so leicht, für ihre Traureden Inspiration zu finden. Die liefert bei Bedarf ein Frankfurter "Fachverlag für Standesbeamte", sagt Dieter Walda: "Da gibt es einen dicken Wälzer voller Muster-Traureden." Ihm seien die aber etwas zu pathetisch. "Da habe ich noch keine einzige verwendet. Ich halte eine eigene, absolut weltliche Rede."

Nervöser Redner

Dass nicht jede Traurede die erhoffte Gefühlslage trifft, das hat Anja Gebhardt bei ihrer eigenen Eheschließung erfahren. Damals sei ihr Vater Bürgermeister von Kirchehrenbach gewesen.

Weil er seine eigene Tochter aus rechtlichen Gründen nicht verheiraten durfte, sprang der damalige Geschäftsstellenleiter ein, erinnert sich Anja Gebhardt. "Der war nervös, weil mein Vater hinten drin stand. Deshalb fiel die Rede dann ziemlich nüchtern aus."

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