Ebermannstadt
Rückblick

Ehemaliges Arbeitsdienstlager bei Ebermannstadt wird Begegnungsstätte

Am 19. Mai eröffnet Ebermannstadt im Familienzentrum Hasenberg eine neue Begegnungsstätte - der Gemeindeanger im Spiegel der Zeitgeschichte der Stadt.
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Vereidigung von 65 Polizeischülern der 2. Schutzpolizei-Hundertschaft aus Nürnberg-Fürth am 1. September 1938 Repro: Archiv Manfred Franze
Vereidigung von 65 Polizeischülern der 2. Schutzpolizei-Hundertschaft aus Nürnberg-Fürth am 1. September 1938 Repro: Archiv Manfred Franze
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Den Saal der neuen Begegnungsstätte im Familienzentrum Hasenberg hatte zuletzt die Landkreis-Schreinerei als Werkstatt genutzt. Er wurde aufwendig renoviert und kehrt nun wieder in seine alte Funktion als "Gesellschaftsraum" zurück. Die bauliche Anlage an der Feuersteinstraße spiegelt wie kein anderes Gebäude in Ebermannstadt die Zeitgeschichte seit 1933.

Am 18. Mai 1933 hatte der Bezirkstag (entspricht dem heutigen Kreistag) einstimmig beschlossen, sich um die "Errichtung eines Arbeitsdienstlagers in der leerstehenden Fabrik des Fritz Barthelmeß in Muggendorf" zu bewerben. Der Bezirksbaumeister veranschlagte für den Umbau 13 000 Reichsmark (RM), die der Bezirk voll übernehmen wollte. Doch Ebermannstadt unterlief die Bewerbung, nahm mit der Würzburger Arbeitsdienstgau-Führung eigenständige Verhandlungen auf und stellte den Gemeindeanger oberhalb des Bezirkskrankenhauses für die Errichtung eines "Stammlagers" mit 216 Mann Belegung zur Verfügung.

"Ertragsteigerung"

Der NSDAP-Kreisleiter Karl Schmidt unterstützte die Ebermannstädter Bewerbung als einzigartige Möglichkeit "zur Ertragsteigerung der gesamten Bodenbewirtschaftung für die Fränkische Schweiz" und fertigte selbst als Baumeister die Pläne für einen Steinbau zur Unterbringung des Stammlagers an.

Über die Finanzierung des gesamten Vorhabens machten sich Bürgermeister und Stadtrat zunächst keine großen Gedanken, weil sie auf Zuschüsse und günstige Kredite hofften. Allerdings überstiegen dann die konkret vorgelegten Kosten alles, was die Stadt bis dahin in ihrem Haushalt finanziell verkraftet hatte: Die Kultivierung des Gemeindeangers wurde mit 98 000 RM und die Baukosten für das Stammlager mit 158 000 RM veranschlagt.

Am 26. September 1933 wies Bezirksoberamtmann Ferdinand Waller den Ebermannstädter Bürgermeister darauf hin, dass die Stadt "im Verhältnis zu anderen vordringlicheren Anträgen" keine Aussicht auf Gewährung von Darlehen habe. Zudem warnte die Regierung, "zur Zeit für derartige Einrichtungen" größere Schulden aufzunehmen. Dem hielt Georg Wagner entgegen: "Die Stadt will das Projekt (...) durchführen und glaubt die Angelegenheit finanzieren zu können."

Am 2. Oktober 1933 begannen die Arbeitsdienstler mit den Erdarbeiten. Bevor es überhaupt mit dem Hausbau am 28. November losging, mussten über 25 000 cbm Erde ausgehoben und das Gelände mit 758 cbm Gestein aus dem städtischen Steinbruch befestigt werden. Beim Richtfest im März 1934 feierte die Gau-Arbeitsdienstführung den Bau wegen "seiner landschaftlich idealen Lage wohl [als] eines der schönsten, wenn nicht das schönste Arbeitslager Deutschlands".

Zu diesem Zeitpunkt aber kämpfte Ebermannstadt schon mit der Finanzierung. Im Juli, als der Bau bezogen wurde, hatte die Stadt über 50 000 RM Schulden, musste einen Kredit zu Lasten seines E-Werks aufnehmen und weigerte sich, den zweiten Bauabschnitt auszuführen. Ihr fehle sowohl für den zweiten Bauabschnitt als auch für die vom Arbeitsdienst geforderte Turnhalle das notwendige Geld.

Im Gasthaus des Bürgermeisters, in der "Blauen Traube", eskalierte im Juni 1934 der Streit. Der Lagerleiter Heinz Buchner drohte mit Abzug des gesamten Lagers, falls die Turnhalle nicht gebaut würde, worauf Bürgermeister Wagner erwiderte, dass er und die Ebermannstädter sowieso kein Interesse mehr an dem Lager hätten.

Um das ehrgeizige Projekt nicht scheitern zu lassen, griff nun Heinz Wirsching ein, der stellvertretende Bezirksamtsleiter und stramme Nationalsozialist. In mühevoller Kleinarbeit, vielen Schreiben und Gesprächen sorgte er für ein Kreditkonstrukt, das den Bau der Turnhalle in Holzbauweise und anstelle des linken Steinbaus die Anschaffung einer Holzbaracke ermöglichte. Basis der Finanzierung war die Herstellung der Bergstraße zum Feuerstein auf der Langen Meile. Ihr Bau zog sich vom November 1934 bis Ende des Jahres 1936 hin. Geplant war, im Anschluss daran in einem zweiten Bauabschnitt ab 1938 die Trasse bis nach Drügendorf zu verlängern und so den Verkehrsweg nach Bamberg um 18 km zu verkürzen. 78 000 RM waren dafür vom Kulturbauamt veranschlagt, aber die Finanzierung scheiterte. Die Ebermannstädter Arbeitsdienstabteilung wurde zur Kultivierung der Alten Reuth abkommandiert und nach Abschluss dieses Einsatzes im März 1938 nach Oberelsbach in die Rhön versetzt.

Stadt hat sich hoch verschuldet

Bitter enttäuscht beschwerte sich der Ebermannstädter Bürgermeister Adolf Münzinger beim Bezirksamt über den Abzug des Reichsarbeitsdienstes (RAD). 109 084,30 RM habe die Stadt für den Bau des Lagers und der Turnhalle ausgegeben und sich hoch verschuldet. Im "guten Glauben an die Aussagen" der Würzburger Arbeitsdienstführung habe Ebermannstadt "alles getan, um dem RAD ein schönes Heim zu bieten, und hat nun das Nachsehen. Andere notwendige Projekte der Stadt - bes. Kanalisation - können nicht verwirklicht werden und ist der Schaden deshalb doppelt fühlbar. Die Stadt wird durch den Abbau des Lagers schwer geschädigt."

Ein halbes Jahr stand die Anlage leer. Dann mietete sich das Polizeipräsidium Nürnberg-Fürth ein. Wegen Heinrich Himmlers Neuorganisation der Polizei wurden verstärkt Quartiere für die Reservisten-Ausbildung gesucht. Am 1. September 1938 wurde der erste Jahrgang auf dem Appellplatz des "Weißen Hauses" vereidigt.

Als "Unterrichtsleiter" fungierte der hiesige Oberlehrer Josef Mähringer, Stadtrat sowie NS-Kultur- und Propagandawart. Sicher hat auch er dazu beigetragen, dass die "Polizeischule", wie sie heute noch bei manchen Einheimischen heißt, einen guten Ruf genoss. Ihr "Gesellschaftssaal" wurde für Versammlungen und Feiern aller Art sowie als Kino genutzt.

Vier Jahrgänge wurden hier bis 1942 ausgebildet. Danach belegte die 5. Kompanie des Feuerschutzpolizei-Regiments Ostpreußen die Anlage. Sie war zuvor in Ostpreußen und in Warschau eingesetzt worden und hatte die Aufgabe, im Rücken der kämpfenden Truppe aufflammende Brände zu bekämpfen und wichtige Objekte vor Anschlägen zu schützen. Von Ebermannstadt aus rückte sie z.B. 1943 nach Bombenangriffen auf Nürnberg aus.

Flüchtlingsdurchgangslager

Kurzfristig beschlagnahmten die vorrückenden US-Truppen am 15. April 1945 die Polizeischule und quartierten sich hier ein. Aber schon zwei Wochen später wurde sie ab 1. Mai 1945 als Flüchtlingsdurchgangslager gebraucht. Ab 1947 diente sie als Flüchtlingslager, in dem bis 1950 etwa 170 Familien wohnten. Daneben wurde der ehemalige "Gesellschaftssaal" als Tonkino genutzt, in der "Reithalle" fand eine Kfz-Reparaturwerkstatt und in einer Baracke, die allerdings 1948 abbrannte, eine Schuhmacherei Unterkunft.

Anfänge der heutigen Schulstadt

1954 wurde die linke Baracke durch einen Steinbau ersetzt. In ihm bekam die neu gegründete Mittelschule (heute Realschule) bis 1969 zwei Klassenräume. Als sie auszog, fing hier das Gymnasium an und beheimatete bis 1973/74 hier ihre ersten Jahrgänge. Aber nicht nur das Gymnasium war hier zu Hause: "Nebenan, im gleichen Bau und drüben in der alten Polizeischule", schrieb Adolf Schön, der stellvertretende Schulleiter des Gymnasiums im Jahresbericht 1973/74, "waren Klassen der Volksschule wie der Sonderschule untergebracht." 1974 erhielt das Gymnasium sein neues Gebäude, die Sonderschule aber blieb. Wenn man will, kann man die drei Jahrzehnte, in denen das ehemalige Arbeitsdienstlager und die frühere Polizeischule schulisch genutzt wurden, als die Geburtsstunde der heutigen Schulstadt Ebermannstadt bezeichnen.

Nach 1988 begann eine neue Nutzungsphase. Nach- und miteinander zogen ein Kindergarten, die Jugendinitiative, die Stadtbücherei, die BRK-Kolonne, ein Hort und die Landkreis-Schreinerei ein. Und bis die "Reithalle", in der nie geritten wurde, 2015 abgebrochen wurde, fanden hier Musik- und Festveranstaltungen statt. So gesehen, hat sich die Kultivierung und Bebauung des ehemaligen Gemeindeangers gelohnt, auch wenn sich die Stadt 1933/34 bis zum Hals verschuldete.

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