Forchheim

Deutsche aus Russland sind längst wieder integriert

Die Ausstellung "Deutsche aus Russland" erklärt die Herkunft auch vieler Forchheimer Bürger. Bis 30. Januar ist die Schau in den Rathaushallen werktags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.
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Projektleiter Jakob Fischer trägt mit dem Forchheimer Chor deutsche und russische Lieder vor. Foto: Pauline Lindner
Projektleiter Jakob Fischer trägt mit dem Forchheimer Chor deutsche und russische Lieder vor. Foto: Pauline Lindner
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Johannes Moosmann arbeitet als Maschinenbauingenieur bei Schaeffler. Geboren ist er in Krasnojarsk in Sibirien, der Stadt aus der auch Helene Fischer stammt. "Ich begann mein Studium noch in Russland und konnte es dann 1993 in Sachsen fortsetzen", stellt sich Moosmann, der örtliche Vorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, bei der Eröffnung der Wanderausstellung "Deutsche aus Russland. Geschichte und Gegenwart" in den Rathaushallen vor.

Anlass für diese Wanderausstellung, die vom Innenministerium gefördert wird, ist ein Jubiläum: Vor 250 Jahren rief die russische Zarin Katharina die Große Deutsche zur Besiedlung leerer Landstriche, die ehemals zum osmanischen und zum mongolischen Reich gehörten, in ihr Reich. 200 Jahre im Schnitt lebten dort vor allem an der Wolga bei Saratow und im Süden der Ukraine am Schwarzen Meer Deutsche in geschlossenen Siedlungsgebieten.
"1913 hatten sie so viel Land unter dem Pflug, wie die Fläche der neuen Bundesländer ausmacht; sie produzierten mehr Weizen als das damalige deutsche Reich", erläuterte Jakob Fischer, der Projektleiter der Ausstellung, zu den Jahrzehnten des Aufstrebens.


Verheerende Folgen

Der deutsche Überfall 1941 auf die Sowjetunion wirkte sich verheerend auf die dort lebenden Deutschen aus. Die Folgen hat die Großmutter von Lilli Fröscher erlebt, besser: durchlitten. Seit ungefähr 200 Jahren lebte die Familie im Schwarzmeergebiet, wohin sie aus Schwaben eingewandert war. Die Familie wie viele andere (350 000) wurde in deutsches Reichsgebiet umgesiedelt, das nach 1945 von der Sowjetarmee besetzt war. Nur rund 80 000 hatten Glück und lebten in den anderen Besatzungszonen. Sie gründeten 1950 ihre Landsmannschaft.

Fröscher und viele andere wurden nach Sibirien deportiert. "Die Großmutter hat mich Deutsch gelehrt", erinnert sich die 1960 geborene Lilli Fröscher. 1966 durfte die Großmutter als Rentnerin wieder nach Deutschland ausreisen.


In Viehwaggons deportiert

Der militärische Einmarsch traf aber auch die Deutschen hart, die jenseits der Fronten ihre Heimat hatten. Wie Moosmanns Großeltern. Stalin ließ an die zwei Millionen Menschen in Viehwaggons deportieren. Nach Westsibirien, nach Kasachstan und in andere mittelasiatische Staaten.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion bekam eine Vielzahl der Russlanddeutschen die Chance, nach Deutschland auszuwandern. Von Rückkehr zu sprechen, ist bei einer zeitlichen Distanz von über 200 Jahren wohl nicht mehr zutreffend. Obwohl zum älteren Liedgut der Russlanddeutschen eine Heimatlied gehört, das sich auf die deutschen Herkunftsgebiete bezieht. Jakob Fischer und der Forchheimer Chor trugen es mit Begeisterung vor. Genauso viel Schwung gaben sie auch einem russischen Lied, zu dem später ein deutscher Text geschaffen wurde.


Ein wertvoller Erfahrungsschatz

Denn so nehmen sie sich auch selber wahr: als bilingual und bikulturell. So verwies denn auch Oberbürgermeister Franz Stumpf (CSU/WUO) in seiner Grußrede auf diesen wertvollen Erfahrungsschatz, auf den man beim aktuellen Thema Einwanderung und Integration zurückgreifen solle. Hier wie dort sei das Bedürfnis, die Sprache und die kulturelle Identität zu bewahren, zu respektieren.

Um die fünf Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung, also rund 4,1 Millionen Menschen (inklusive der Nachkommen), haben russlanddeutsche Wurzeln. Im Landkreis dürften es 4500 Menschen sein, in der Stadt Forchheim rund 1300. Da die allermeisten die deutsche Staatsangehörigkeit haben, werden sie statistisch nicht eigens erfasst.

Bei der Eröffnung der Ausstellung nannte MdB Hartmut Koschyk (CSU), der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, die Integration der Russlandeutschen eine Erfolgsgeschichte. Heute würden viele von ihnen in Brückenfunktionen zwischen beiden Staaten tätig sind, besonders im Auftrag großer Firmen.

"Wir sind unauffällig im positiven Sinn", betonte Waldemar Eisenbraun, der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft. Als deren heutige Aufgabe nannte er die Identitätsfindung der jungen Leute und das Bewahren des vielfältigen kulturellen Erbes.
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