Forchheim
Historie

Der Kreis 1933: Mit Fackelzügen ins Verderben

Zwei Tage bevor der Reichstag vor 80 Jahren über die von Hitler angestrebte Ermächtigung entscheiden sollte, stimmte die nationalsozialistische Propaganda die Öffentlichkeit auf das kommende neue Reich ein. Auch die Menschen im Kreis Forchheim fielen auf die Nazis herein und feierten.
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Auch im Kreis Forchheim wurde 1933 das kommende neue Reich blindlings gefeiert: Gößweinstein mit Beflaggung  Repro: Franze
Auch im Kreis Forchheim wurde 1933 das kommende neue Reich blindlings gefeiert: Gößweinstein mit Beflaggung Repro: Franze
Bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933 hatten NSDAP und DNVP 51,9 Prozent der Stimmen und damit 340 von 566 Sitzen gewonnen. Mit dieser parlamentarischen Mehrheit wäre es jetzt möglich gewesen, eine stabile Regierung zu bilden. Hitler aber wollte mehr - die Ausschaltung des Reichstags und die alleinige Gesetzgebung.

Für diese "Ermächtigung" war verfassungsrechtlich eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig, die nur mit Zustimmung der bürgerlichen Parteien zu erreichen war. Zwei Tage bevor das Parlament darüber entscheiden sollte, stimmte die nationalsozialistische Propaganda die Öffentlichkeit auf das kommende neue Reich ein. Über Rundfunk wurde aus der Potsdamer Garnisonkirche die Zeremonie übertragen, mit der Hindenburg und Hitler den neu gewählte Reichstag am 21. März 1933 eröffneten - ganz in der Tradition des preußischen Kaiserreichs.


Der Berliner Festakt wurde auch in Forchheim und Umgebung mit großem Pomp gefeiert. In den Schulen versammelten sich Schüler und Lehrer zu Festakten, in denen "in ergreifenden Ansprachen" auf die Bedeutung des Tages hingewiesen wurde.

Stimmungsvoll schilderte der Wiesent-Bote, wie an einem Schulvormittag in Waischenfeld dem politischen Ereignis gedacht wurde: "In dem festlich mit Reichs-, Landes- und Hakenkreuzfahnen geschmückten Schulsaal ... versammelte sich die Jugend der Stadtschule und deren Lehrkräfte. An den beiden Schultafeln waren in Flaggenschmuck die Bilder unseres greisen Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg und des Herrn Reichskanzlers Hitler, umrahmt von künstlerisch ausgeführten Schmuckzeichnungen unseres Junglehrers Kaspar Kellermann, angebracht. Mit dem Liede: ‚Ich hab mich ergeben' begann die Feier, worauf Oberlehrer Spörlein, obwohl stockheiser, es sich nicht nehmen ließ, die Einstimmung durch einen Vortrag über die Entwicklung Deutschlands im Laufe der Jahrhunderte zu geben."

Forchheim schmückte sich

Nach einem weiteren Lied "verbreitete sich Junglehrer Kellermann in musterhaften Ausführungen über die Bedeutung des Tages und ließ seine Rede ausklingen in der Mahnung, das Vaterland als hohes irdisches Gut zu lieben und für dessen Aufbau und Ruhm jederzeit mit Gut und Blut einzustehen, worauf ‚Deutschland, Deutschland über alles' erscholl".

In ähnlicher Tonlage hielten sich die Ansprachen bei den abendlichen Fackelzügen die in Forchheim und Umgebung veranstaltet wurden. Auf "Anordnung der Reichsregierung" sollte der 21. März, ein Dienstag, als "Nationalfeiertag" begangen werden.

In Forchheim waren "alle Reichs-, Staats- und städt. Gebäude sowie die meisten Privathäuser" rund um Hauptstraße und Rathaus "reich mit Fahnen geschmückt" - mit deutlicher Vorliebe für die "weiß-blaue Bayernfahne". Abends zog ein Fackelzug vor das hell erleuchtete Rathaus. "An der Spitze sechs städt. Polizeibeamte in Galauniform mit der Hakenkreuzbinde am Arm", dahinter "die nationalen Verbände, die Krieger- und Militärvereine, Turn- und Sportverbände und andere Organisationen" - alles organisiert und dirigiert von der NSDAP-Ortsgruppe.

"Bengalische Feuer loderten in den Nachthimmel empor, was der Veranstaltung einen imposanten Rahmen verlieh", berichtete die Forchheimer Zeitung, die nach neuntägigem Verbot am 24. März erstmals wieder erscheinen durfte. Von einer Rednertribüne, "an der das Hakenkreuz prangte", rief der mittlerweile zum Zweiten Bürgermeister gewählte Hans Hofmann "alle national gesinnten Kräfte des deutschen Volkes zur Mitarbeit am Wiederaufbau eines neuen stolzen Reiches" auf. "Mit dem Deutschland- und Horst-Wessel-Lied fand die große Kundegebung auf dem Rathausplatz ihr Ende. ... Die Artillerievereinigung salutierte mit 9 Schüssen."

Fast zeitgleich zog in Ebermannstadt ein Fackelzug "unter den Klängen der hiesigen Jugendkapelle" vom Knabenschulhaus (heute Rathaus) zu den "Friedenslinden" im Ramstertal, wo auf der Anhöhe ein "Freudenfeuer" entzündet wurde. Nach der Ansprache des Kreisleiters Karl Schmidt sangen die Teilnehmer als "Treuegelöbnis zum neuen Deutschland mit erhobener Hand das Deutschlandlied. Zur Erinnerung an diesen denkwürdigen Tag der Erneuerung der deutschen Nation wurde an dem Platze eine Linde gepflanzt, die fortan den Namen ‚Hitlerlinde' führen soll." Die Pflanzung sollte einen Monat später noch für große Aufregung sorgen.

Das "erwachte" Deutschland

Auch in Muggendorf wurden am Pavillon und in Pottenstein auf der "Hohen Warte" "Freuden"- und "Freiheitsfeuer" entzündet, Fackelzüge veranstaltet und der "Geburtsstunde des erwachten nationalen Deutschlands" gedacht. "Fähnchen schwingende Schuljugend", "stahlhelm-geschmückte" SA-Männer, örtliche Vereine mit ihren Fahnen und Standarten, die Stadtkapelle, Bürgermeister und Stadträte gaben den von der NSDAP ausgerichteten Feiern die amtliche Würde.

In Pottenstein fasste der NSDAP-Ortsgruppenleiter und SA-Führer Max Näbe in seiner "kernigen Ansprache" zusammen, was "alle national gesinnte Deutsche" bewegte: Vor dem Krieg sei Deutschland ein Land "der Redlichkeit, der Pflichterfüllung und des Gottesglaubens" gewesen. In den 14 Jahren danach habe man das "Versagen aller Parteien" und eine "Zeit der Schande" erlebt und "den drohenden Untergang im Bolschewismus" befürchtet. "Dann kam die Rettung durch den schlichten feldgrauen Gefreiten des Weltkrieges, unseren heutigen Reichskanzler Adolf Hitler. Unter seiner Führung wollen wir ein reines, ehrliches Deutschland aufbauen, dem dann auch der Segen Gottes nicht fehlen wird." Das hohle Pathos der Sprache hatte Tradition, folgte dem Muster vaterländischer Ansprachen und kirchlich-religiöser Ergebenheit.

Als zwei Tage später der Reichstag gegen die Stimmen der SPD das "Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Staat" beschloss, "auch Zentrum und Bayerische Volkspartei für Hitlers Programm" stimmten, war das für die bürgerliche Mehrheit und die ländliche Bevölkerung eine Notwendigkeit für den nationalen Wiederaufstieg.

Unter der Überschrift "Ermächtigungsgesetz angenommen" berichtete die Forchheimer Zeitung über die Abstimmung im Reichstag und titelte: "Diktatorische Vollmachten für die Reichsregierung". Wenige Zeilen später hieß es dann, dass der SPD-Antrag "auf Haftentlassung der sozialdemokratischen Abgeordneten" mit der Begründung abgelehnt wurde, "daß es unzweckmäßig sei, diese Herren ihres Schutzes zu berauben, der ihnen durch die Schutzhaft widerfährt. (Beifall und Heiterkeit.)"

Wels' Warnung bleibt ungehört

Aus unserem Geschichtswissen heraus lesen wir heute die Überschrift und die Antwort auf den SPD-Antrag anders als der Leser von damals. Er kannte aktuell nur den "Bolschewismus" als Diktatur und die Gräuel, von denen ständig berichtet wurde und die als Gefahr nach Meinung der bürgerlichen Parteien auch Deutschland drohten. Insofern erkannten viele Zeitgenossen in der Verhaftung "marxistischer" Politiker nicht die ersten Schritte zur Ausschaltung des gesellschaftlichen Pluralismus, sondern hielten das für eine hinnehmbare Maßnahme im Rahmen des proklamierten staatlichen Neuaufbaus.

Die Warnung des SPD-Fraktionsvorsitzenden Otto Wels (1873-1939), dass "noch niemals ... die Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten durch die gewählten Vertreter des Volkes in solchem Maße ausgeschaltet worden" sei, wie es gerade geschehe, stieß auf taube Ohren. Heute lesen wir seine Sätze und die im Protokoll vermerkten Reaktionen der Nazis wie eine Prophezeiung: "Wir grüßen die Verfolgten und Bedrängten. Wir grüßen unsere Freunde im Reich. Ihre Standhaftigkeit und Treue verdienen Bewunderung. Ihr Bekennermut ihre ungebrochene Zuversicht - (Lachen bei den Nationalsozialisten.) (Bravo! Bei den Sozialdemokraten.) verbürgen eine hellere Zukunft. (Wiederholter Beifall bei den Sozialdemokraten.) (Lachen bei den Nationalsozialisten.)"



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