Eggolsheim
Nachruf

Der Akkordeon-Weltmeister Juri Kravets ist tot

Der Meister am Knopfakkordeon, Juri Kravets, ist am Heiligen Abend im Alter von 55 Jahren gestorben. Claus Schwarzmann stand mit ihm viele Jahre auf der Bühne. Der Sänger von "Les quatre Baguettes" spricht mit uns über den Mensch und Musiker.
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"Ich bin kein richtiger Musiker, sondern nur ein Laie, der das Glück hatte, mit Juri Kravets gemeinsam zu musizieren", sagt Claus Schwarzmann (links) über Juri Kravets (rechts), der an Weihnachten unerwartet im Alter von 55 Jahren gestorben ist.  Fotos: privat
"Ich bin kein richtiger Musiker, sondern nur ein Laie, der das Glück hatte, mit Juri Kravets gemeinsam zu musizieren", sagt Claus Schwarzmann (links) über Juri Kravets (rechts), der an Weihnachten unerwartet im Alter von 55 Jahren gestorben ist. Fotos: privat
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Zum Abschied haben sie immer "Ne me quitte pas" gespielt. Mit seinem Bajan hat Juri Kravets dann immer nicht nur die Melodie mit voller Seele für das Konzertpublikum gespielt, sondern die Worte mit magischen Tönen herausgebrüllt: Verlass mich nicht! Ne me quitte pas.

Nun hat Juri Kravets die Musikwelt verlassen. Und das viel zu früh. Das Genie, der Virtuose und Weltmeister auf dem russischen Knopfakkordeon hat in der Heiligen Nacht der Welt für immer Adieu gesagt. Wie ein Lauffeuer hat sich diese Nachricht an den Weihnachtsfeiertagen in der Kultur-Szene verbreitet. "Ich musste sofort an dieses Lied denken, das wir immer zum Abschluss unserer Konzerte gespielt haben: Ne me quitte pas", erzählt Claus Schwarzmann, der mit dem Ausnahmemusiker aus der Ukraine mit französischen Chansons gemeinsam auf der Bühne stand. "Musikalisch überhaupt nicht unser Niveau. Viel zu gut", gesteht Schwarzmann, der im Brotberuf Bürgermeister ist, ohne rot zu werden. "Bécaud, Brel oder die Piaf musste er nur einmal hören. Dann hat er es gekonnt und gespielt wie ein Berserker."

Göttliche Fügung bringt ihn nach Erlangen

1997 lernen sich beide in Forchheim kennen. Juri macht Musik auf dem Säumarkt. Schwarzmann wird alarmiert und ist sofort sprachlos. Schwarzmann kümmert sich um das musikalische Wunderkind, das die große Weltgeschichte ins kleine Franken geweht hat. Als die Sowjetunion zusammenbricht, leitet Juri das Rundfunkorchester in Moskau. Plötzlich ist er Ausländer. Als stolzer Ukrainer verlässt er Russland, weil man ihn nicht bittet, zu bleiben. Aber in Lemberg, seiner Heimat, gibt es für die Kunst kein Geld. Die göttliche Fügung bringt ihn nach Erlangen. Im Gepäck "nur" das sündhaftteure und höllenschwere Bajan. Ein alter Akkordeon-Fan verliebt sich sofort in Juri und gewährt ihm Unterschlupf. Dann bleibt er ganz. Und Frankens Musik-Liebhaber freuen sich, dass ihnen die Launen der Welt diesen Ausnahmekünstler geschenkt haben.

Mit Mitgliedern der Bamberger Symphoniker gründet er das Tango-Trio "Triciclo". In Italien kürt man ihn 2002 zum Knopfakkordeon-Weltmeister. Mit dem berühmten Norbert Nagel gründet er "JuNo" und gewinnt prompt den renommierten Nürnberger Kulturpreis. Den "Baguettes" hält er trotzdem die Stange. Insgesamt 15 Jahre verleiht sein Spiel der Band den Glanz. "Aus drei Tönen konnte der Juri eine ganze Sinfonie machen", sagt Claus Schwarzmann, der noch nicht weiß, wie und ob es mit den Baguettes weitergeht. Die Band hat glücklicherweise zwei Alben aufgenommen. Die Platten kann man im Netz unter www.quatrebaguettes.debestellen.

Leben zwischen Dur und Moll

Juris Musik imponierte nicht nur Tonkünstlern. Auch auf Frauen muss er eine magische Anziehungskraft ausgeübt haben. Sind fünf Ehen nicht Beweis genug? Manchmal tanzte wohl auch ein wenig Wahnsinn durch das Genie. Dann konnte Juri Kravets auch gefühlsmäßig schnell von Dur auf Moll umschalten. Niederlagen waren nicht nach seinem Gusto. Der Alkohol konnte sicher die Melancholie, aber nicht profane Geldsorgen vertreiben. Auf der Bühne merkten seine Fans von diesen Auf und Abs nichts. Denn sie gehörten ganz natürlich zu ihm, hielten zusammen wie Pech und Schwefel, wie Juri und sein Bajan.

"Der Juri und sein Instrument haben wirklich perfekt zusammengepasst." Einem Menschen ohne Ecken und Kanten fehlt für das Bajan die Tiefe. "Gefühl und Seele - die kann man nicht künstlich beim Spielen hineinlegen", sagt Schwarzmann, Und diese Seele, dieses Gefühl hat er neben der Tiefe und dem Wahnsinn wohl im Überfluss gehabt. Ein großer Musiker und grandioser Bohemien hat lautlos, friedlich und plötzlich am Weihnachtstag die Welt verlassen. Die ruft ihm nach: Verlass uns nicht!


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