LKR Forchheim
Demografie

Demografischer Wandel stellt den Landkreis Forchheim vor extreme Herausforderungen

Wie dramatisch ist der Pflegenotstand im Landkreis Forchheim und was brauchen ältere Menschen wirklich?
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"Einsam ist das neue krank." Ein Lösungsansatz: Mit mehr Angeboten für Seniorinnen und Senioren soll die gesellschaftliche Teilhabe gestärkt werden. Foto: Josef Hofbauer/Archiv
"Einsam ist das neue krank." Ein Lösungsansatz: Mit mehr Angeboten für Seniorinnen und Senioren soll die gesellschaftliche Teilhabe gestärkt werden. Foto: Josef Hofbauer/Archiv

"Wir müssen zusammen daran arbeiten, dass es wieder besser wird", fordert Jochen Misof. In einer flammenden Rede berichtet der Leiter des Seniorenzentrums Jörg Creutzer von den Problemen in der Altenpflege - und erntet am Montagabend in der letzten Kreistagssitzung des Jahres viel Beifall. "Wenn Sie einer 90-jährigen Dame nur ein Lächeln am Tag herauslocken, haben Sie schon gewonnen", wirbt er für ein besseres Image des Pflegeberufes in der Öffentlichkeit.

In der Region fehlen Pflegeplätze - gleichzeitig wird die Bevölkerung immer älter. Doch was brauchen ältere Menschen, die in der Region leben, wirklich? Wie schlimm ist der Pflegenotstand im Landkreis Forchheim?

Den Wandel meistern

Diesen Fragen geht das seniorenpolitische Gesamtkonzept auf den Grund. Das oberste Ziel ist, den demografischen Wandel zu meistern, der in der Region deutliche Auswirkungen haben wird. Romy Eberlein ist beim Landratsamt für Senioren zuständig. Sie hat den Kreisseniorenring wiederbelebt und mit diesem gemeinsam das Konzept entwickelt.

Fest steht, dass es immer mehr Senioren gibt: Seit 2008 ist die Zahl der über 65-Jährigen deutlich gestiegen. Lebten damals 20 550 ältere Frauen und Männer im Landkreis, waren es im vergangenen Jahr 23 483.

Das Landesamt für Statistik prognostiziert, dass es bis 2031 noch einmal rund 9000 Personen mehr in der Altersgruppe 65-Plus werden. Auch ökonomisch betrachtet, verschärft sich der Wandel im Landkreis Forchheim. Aktuell kommen auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter 64 Personen im nicht-erwerbsfähigen Alter (Ältere und Jüngere). Dieser Gesamtquotient wird sich voraussichtlich bis 2031 auf 86,7 erhöhen.

Angesichts des großen Wandels soll das Senioren-Konzept im Kreis Forchheim mehrere Ziele verfolgen. Unter anderem soll die Pflegebedürftigkeit der Kreisbürgerinnen und -bürger verzögert und die gesellschaftliche Teilhabe der Senioren gefördert werden. "Einsam ist das neue krank", betont Eberlein. In zahlreichen Workshops und Analysen wurden drei besonders wichtige Handlungsfelder festgelegt: Wie kann das Wohnen im Alter zu Hause ermöglicht, das bürgerschaftliche Engagement gestärkt und die Betreuung und Pflege gewährleistet werden.

Denn es gibt im Landkreis immer mehr Pflegebedürftige. Die Fallzahlen an Angehörigenpflege zu Hause und in der stationären Pflege steigen deutlich - auch in der ambulanten Pflege. Der Landkreis Forchheim hat in seiner Pflegebedarfsplanung ermittelt, dass momentan vor allem Angebote bei der Kurzzeit- und der stationären Pflege fehlen.

Krise in der Kurzzeitpflege

"Die Menschen hier suchen eine Kurzzeitpflege schon in einem Radius von 70 Kilometern und schauen schon in Thüringen", verdeutlicht Misof. "Da werden die Leute mittlerweile auch zornig." Jeden Tag erreicht das Forchheimer Seniorenzentrum fünf Anrufe, weil Kurzzeitpflege-Plätze gesucht werden. Lediglich bei der Tagespflege ist der Bedarf im Landkreis auch längerfristig gedeckt.

Wohnen zu Hause ermöglichen

Ideen, um älteren Menschen das Wohnen vor Ort zu ermöglichen, sind zum Beispiel die weißen Flecken von "Essen auf Rädern" in der Fränkischen Schweiz zu schließen, oder den Senioren einen sogenannten mobilen Notrufknopf an die Hand zu geben. "Im Notfall kann man den drücken, aber dafür ist dann wieder eine gute Breitbandversorgung wichtig", verdeutlicht Eberlein. Auch die Themen altersgerechtes Wohnen, Barrierefreiheit, ÖPNV und Mietwohnungsbau gelte es zu verfolgen.

Und die Seniorinnen und Senioren bräuchten "Raum, sich selbst zu verwirklichen", erläutert die Expertin. Zum Beispiel mehr Angebote schaffen und besser koordinieren. Denn: "Je mehr kulturelle Angebote angenommen werden, desto mehr engagieren sich die Personen ehrenamtlich oder freiwillig", sagt Eberlein. Deshalb sei es für den Landkreis gesamtgesellschaftlich wichtig, eine Koordinierungsstelle Bürgerschaftliches Engagement zu entwickeln.

"Die meisten möchten zuhause bleiben und zum Beispiel weiter ihre Kirche sehen. Deshalb brauchen wir niedrigschwellige Angebote", appellierte Angelika Fuchs vom Kreisseniorenring. Die pflegenden Angehörigen und die ehrenamtlich Engagierten müssten besser unterstützt werden. Fuchs ist selbst ehrenamtlich tätig und weiß aus Erfahrung: "Sie haben keine Zeit mehr mit den Leuten zu reden, sie hetzen nur noch von einem zum anderen. Das ist unmenschlich. Und wir kommen langsam an die Grenze, wo es nicht mehr geht."

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