Forchheim
Stadtentwicklung

Medical Valley Center in Forchheim: Das Medizintal öffnet sich weit

Den Ausbau des Forchheimer Medical Valley Center hat die Stadtpolitik schon lange im Blick. Jetzt bringen neue Forschungsergebnisse zum Thema Mikroplastik eine ungeahnte Dynamik in das Projekt.
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Wirtschaftsförderer Viktor Naumann auf dem Dach des Medical Valley Centers in Forchheim. Naumann hat die Vision, in den nächsten fünf bis zehn Jahren die Gesundheitswirtschaft mit zwei weiteren Gebäuden südlich und nördlich des Centers voranzutreiben. Neben einem Innovationsinstitut soll ein Business-Center entstehen.  Fotos: Ekkehard Roepert
Wirtschaftsförderer Viktor Naumann auf dem Dach des Medical Valley Centers in Forchheim. Naumann hat die Vision, in den nächsten fünf bis zehn Jahren die Gesundheitswirtschaft mit zwei weiteren Gebäuden südlich und nördlich des Centers voranzutreiben. Neben einem Innovationsinstitut soll ein Business-Center entstehen. Fotos: Ekkehard Roepert
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Die Funde von Mikroplastik in der Arktis könnten den Bau eines Forschungszentrums in Forchheim rasant beschleunigen. Die ehrgeizigen Pläne, das Medical Valley Center (MVC) auszubauen, hatte bereits der vormalige Oberbürgermeister Franz Stumpf ins Spiel gebracht. Und Wirtschaftsförderer Viktor Naumann hat die Grobplanung eines Medizin-Campus der Öffentlichkeit auch schon vorgestellt. 2022 sollten die ersten Erweiterungsbauten stehen.

Doch jetzt könnte alles viel schneller gehen. Als Katalysator wirken die Forschungen der Berliner Physik-Professorin Silke Christiansen. Wie berichtet, richtet die Expertin für Nanostrukturen seit Mai 2018 in Forchheim eine Außenstelle des Helmholtz-Institutes ein. Mittlerweile hat sich das zehnköpfige Forscher-Team rund um Silke Christiansen im MVC auf rund 230 Quadratmetern etabliert. Viktor Naumann spricht von der "Keimzelle des künftigen Forschungszentrums".

Doch Silke Christiansen kann es kaum erwarten, bis sie in optimal ausgestatteten Chemielaboren arbeiten kann. "Nicht nur, weil Wissenschaftler grundsätzlich ungeduldig sind", erklärte sie am Dienstag dem FT. Hauptgrund der Ungeduld: Die Mikroplastikfunde im Schnee zwischen Arktis und Alpen - und die Frage nach der Schädlichkeit des Mikroplastiks halten die Fachwelt in Atem.

Silke Christiansen öffnet eine Schachtel und zeigt Fundproben aus Helgoland: "Das mit dem Mikroplastik ist unheimlich. Wir untersuchen das in Forchheim, weil wir hier gute Mikroskope haben."

Zudem macht das Forscherteam bei einer entsprechenden EU-Projekt-Studie mit. Das heißt, es fließen Fördergelder. Allerdings nicht für das Labor- Gebäude, betont Christiansen. "Wenn ich eine Million Euro hätte, dann könnte das Labor in drei Monaten stehen", sagt die Wissenschaftlerin, die auch gemeinsam mit den Forchheimer Stadtwerken über Nanoplastik im Grundwasser forscht.

Um das besser zu können, wurde bereits der Bau eines Container-Labors erwogen. Wegen der hohen Sicherheitsanforderungen würde die Container-Lösung aber teuer werden. "Das wäre ein schmerzhafter Kompromiss", sagt Christiansen, die am liebsten ein Labor in Modulbauweise realisieren würde.

Eine gewisse Eile ist aber auch beim MVC-Erweiterungsbau angesagt. Wirtschaftsförderer Naumann hat angeregt, ein Business-Center zu bauen. Denn die Start-up Unternehmen, die im Januar 2017 in das neu eröffnete Medical Valley-Center gezogen waren, müssen nach fünf Jahren wieder ausziehen. "Es wäre schade, wenn die Unternehmen, die wir hier hochgepäppelt haben, hinterher Forchheim verlassen", sagt Naumann. Daher soll neuer Business-Raum nördlich des MVC entstehen. Langfristig setzt der Wirtschaftsförderer auf die sogenannte "Blue Ocean Strategie ". Der Begriff steht für ein Geschäftsmodell, das in Kooperation mit der Forschung Produkte hervorbringt, die konkurrenzlos sind.

Kommentar von Ekkehard Roepert: Selten wäre eine Million so gut angelegt

Als die Physikerin Silke Christiansen im Juni ihre Forschungspläne vorstellte, reagierte der Stadtrat euphorisch. Die Wissenschaftlerin bat um eine 150 000-Euro-Unterstützung - und erhielt sie prompt. "Sie hätten noch mehr Geld verlangen können", hatte Manfred Hümmer (FW) damals gesagt.

Und jetzt ist der Moment gekommen, in dem die Forchheimer Politik solch eine großzügige Offerte in die Tat umsetzten könnte. Eigentlich sogar umsetzen müsste. Denn die Stadt lebt in einer Phase explodierender Gewerbesteuer-Einnahmen; unverhoffte Millionenüberschüsse stehen zur Verfügung. Wahrscheinlich war es selten so leicht, Gewerbesteuer-Gewinne genau dort zu investieren, wo weitere Prosperität absehbar ist: Das Wissenschaftsteam rund um die Physikerin Silke Christiansen benötigt eine Million Euro. Damit könnten die Forscher neben dem Medical Valley Center ein leistungsstarkes Labor aufbauen, das es ihnen erlaubt, an der Spitze des nanotechnischen Wettbewerbs mitzumischen.

Von Forchheim würde dadurch nicht nur ein entscheidender Forschungsimpuls ausgehen. Auch der Eigennutz der Stadt dürfte beträchtlich sein. Denn der Campus im Süden Forchheims, der spätestens in zehn Jahren voll entwickelt sein soll, steht für eine neue Ära: Schließlich hat sich Forchheim bereits zu einer der führenden bayerischen Städte in der Medizintechnik entwickelt - und will künftig einen Großteil der Gewinne in der Gesundheitswirtschaft erzielen.

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