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Forchheim
Pandemie

Coronavirus: Brenner aus der Fränkischen Schweiz helfen mit ihrem Alkohol

Nicht nur bei Schutzanzügen und Masken drohen Engpässe, auch Desinfektionsmittel wird knapp. Die Brennereien im Landkreis Forchheim sollen im Notfall ihren hochprozentigen Alkohol zur Verfügung stellen.
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Falls Desinfektionsmittel knapp wird: In seiner Edelbrennerei hat Johannes Haas noch hochprozentigen Alkohol auf Lager.  Foto: Barbara Herbst
Falls Desinfektionsmittel knapp wird: In seiner Edelbrennerei hat Johannes Haas noch hochprozentigen Alkohol auf Lager. Foto: Barbara Herbst

Desinfektionsmittel ist in der Corona-Krise zum kostbaren Wunderwasser geworden. Die Regale in den Drogerien sind seit Wochen leer. Kommt es zu Engpässen bei Desinfektionsmitteln, könnten die Brenner im Landkreis Forchheim mit hochprozentigem Alkohol aushelfen, der bei der Herstellung von Desinfektionsmitteln verwendet wird.

"Wir wollen sicherstellen, dass Alkohol für den Notfall zur Verfügung steht", sagt Johannes Haas, der in Pretzfeld die Edelbrennerei Haas führt. Haas bekommt für seinen Alkohol viele Anfragen, von Krankenhäusern und Apotheken. Sogar die Berliner Charité habe sich bei ihm gemeldet. Er betont jedoch: "Wir wollen das für die Region vorhalten." Erst vor einigen Tagen habe er rund 100 Liter Reinalkohol an das Forchheimer Klinikum geliefert.

Reinalkohol auf Lager

Von diesem Reinalkohol, auch Neutralalkohol genannt, hat er noch Vorräte auf Lager. Der ist wegen seines hohen Prozentgehalts (rund 96 Prozent) industriell hergestellt, die Brennereien kaufen ihn beispielsweise für die Herstellung von Geistern zu.

An rund 80 Brenner im Landkreis Forchheim hat das Landratsamt einen Aufruf gestartet. "Die Brenner wurden gebeten sich zu melden, ob sie über nennenswerte Alkoholbestände verfügen, die sie im Notfall zur Verfügung stellen könnten", teilt die Pressestelle des Landratsamtes mit. Dabei gehe es in erster Linie nicht um den normalen Schnaps, sondern vielmehr um hochprozentigen Alkohol. Es hätten sich bereits mehrere Brenner gemeldet, die unterstützen. Auch Industriebetriebe hätten Alkohol angeboten.

Nicht nur in Krankenhäusern, auch in Apotheken werden Desinfektionsmittel knapp. In der Forchheimer Regnitz-Apotheke stellt Christina Utzmann nach dem Rezept der Weltgesundheitsorganisation selbst Desinfektionsmittel her - solange das noch möglich ist. "Wir haben noch begrenzte Mengen da. Das Problem ist, Ausgangsstoffe zu bekommen", sagt sie.

Ethanol wird knapp

Der Alkohol der heimischen Brennereien sei für das Klinikum bestimmt. Sie habe zwar noch Ethanol bei der Firma Brüggemann - einem großen Ethanol-Anbiete - bestellt, ob und wann dieser kommt, sei aber fraglich. Zum Ethanol kommen außerdem Glycerin und Wasserstoffperoxid, bevor die Mischung in Flaschen gefüllt wird. Doch auch die sind knapp.

Nicht für medizinische, aber zumindest für Reinigungszwecke verkauft Jürgen Ackermann von der Kreuzberg Quelle in Hallerndorf 75-prozentigen Alkohol. "Wir gehen an unsere Reserven, die wir gebunkert haben." Hefen, Schimmel und Viren sollen mit dem Alkohol abgetötet, Flächen und Gegenstände gereinigt werden.

Interview: "Der Verbrauch ist massiv gestiegen"

Sven Oelkers, Geschäftsführer des Klinikums Forchheim-Fränkische Schweiz, und Professor Jürgen Gschossmann, Ärztlicher Direktor des Klinikums, beantworten im Interview, wie das Klinikum mit Engpässen umgeht und ob Desinfektionsmittel im häuslichen Umfeld überhaupt notwendig sind. Wie steht es um die Desinfektionsmittel-Vorräte im Klinikum Forchheim-Fränkische Schweiz?

Sven Oelkers: Unter normalen Umständen würde man zwei Wochen mit dem Bestand zurechtkommen. Allerdings haben wir aktuell keine normalen Umstände und der Verbrauch ist natürlich massiv gestiegen. Auch ist leider nicht abzusehen, welche bestellten Lieferungen tatsächlich kommen oder wann sie kommen.

Woher bezieht das Klinikum die Desinfektionsmittel?

Hauptsächlich von Herstellern, welche das Klinikum als Bestandskunde schon lange beliefern. Aber auch dort gibt es nicht den Nachschub in der Menge, den man sich wünschen würde.

Welche Möglichkeiten gibt es für die Kliniken noch, um an Desinfektionsmittel zu kommen?

Im Notfall könnten möglicherweise die Kliniken gegenseitig etwas aushelfen, ansonsten müsste man auf entsprechend hochprozentigen Alkohol zurückgreifen, wenn dieser verfügbar ist. Wie bewerten Sie die Desinfektionsmittel, die selbst hergestellt werden?

Prof. Jürgen Gschossmann: Prinzipiell können selbst hergestellte, also nicht industriell produzierte Desinfektionsmittel genauso wirksam sein wie fertige Präparate. Hier kommt es primär auf die Zusammensetzung der Desinfektionsprodukte an.

Braucht der "Normalbürger" Zuhause überhaupt Desinfektionsmittel, um sich vor dem Coronavirus zu schützen?

Sicherlich ist es auch für "Frau und Herrn Normalbürger" sinnvoll, auch im häuslichen Bereich Desinfektionsmittel zur Verfügung zu haben. Dies gilt aber nicht nur für die aktuelle Corona-Problematik. Wie genau und wie oft soll Desinfektionsmittel angewendet werden?

Hier gilt es einen gesunden Mittelweg zwischen "immer" und "nie" zu beschreiten. Generell sollte man sich an allgemeingültige Zeitpunkte des Händewaschens orientieren. Auch diese gelten ja nicht nur in Corona Zeiten. Die Fragen stellte Franziska Rieger.