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Waischenfeld
Lokalgeschichte

Bewegte Historie: das Armenhaus in Waischenfeld

Das Armenhaus in Waischenfeld wurde im 17. Jahrhundert erwähnt und 1955 nach einer bewegten Geschichte abgerissen. Am südlichen Ende der Stadt wohnten meist Besitzlose - "Strolche" sagte man früher.
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Das Haus der "Langs-Vevi" am südlichen Ende von Waischenfeld Richtung Hammermühle. Das einstöckige Gebäude links davon war das Armenhaus, das 1955 abgebrochen wurde. Heute steht an gleicher Stelle ein Mehrfamilienhaus, in dem  die Familie Otte in Holte wohnt. Repro: Reinhard Löwisch
Das Haus der "Langs-Vevi" am südlichen Ende von Waischenfeld Richtung Hammermühle. Das einstöckige Gebäude links davon war das Armenhaus, das 1955 abgebrochen wurde. Heute steht an gleicher Stelle ein Mehrfamilienhaus, in dem die Familie Otte in Holte wohnt. Repro: Reinhard Löwisch

Wie alle "Städte" hatte auch die Stadt Waischenfeld früher ein Armenhaus, nicht zu verwechseln mit dem Spital in der Sutte, in dem auch Arme wohnen durften. Der wahrscheinlich augenfälligste Unterschied: Das Armenhaus hat die Stadt unterhalten, das Spital die Kirche beziehungsweise eine kirchliche Stiftung, die 1514 gegründet wurde.

Aus alten Zeitungsberichten und den Notizenbüchern jener Zeit weiß man, dass im Waischenfelder Armenhaus am südlichen Ende der Stadt, neben dem Haus der "Langs-Vevi", meist Besitzlose - "Strolche" sagte man früher - und dergleichen wohnten. Wahrscheinlich aus dem Grund befand sich Anfang des 20. Jahrhunderts auch die Waischenfelder Polizeistation im "Langs-Vevi"-Haus, das direkt neben dem Armenhaus steht. Das Gebäude wird laut Flurnamenforscher Paul Rattler schon Mitte des 17. Jahrhunderts erwähnt und soll an gleicher Stelle gestanden haben wie vorher das mittelalterliche Siechenhaus, das Menschen mit gefürchteten Krankheiten beherbergte. Erst 1839 hat man unterhalb des Armenhauses "sumpfiges Land mit Stein und Erde ausgefüllt und entwässert, zu einer Wiese umgeschaffen und mit einer Weidenallee angelegt", steht im Notizenbuch geschrieben.

Aus der Weidenallee, die man noch auf alten Postkarten sehen kann, wurde die Kastanienallee, die es teilweise heute noch zwischen dem Langs-Haus und der Hammermühle gibt. Das Armenhaus hat die Stadt Waischenfeld 1955 abreißen lassen. Heute steht an gleicher Stelle (Hausnummer 35) ein Mehrfamilienhaus.

Vom Armenhaus gibt es eine lustige Geschichte, die der verstorbene Waischenfelder Journalist und Historiker Anton Sterzl des Öfteren erzählt hat. Der "Löwischen-Schorsch" war eine offizielle Respektsperson, weil er für die Stadt Dienste leistete - auch als Sargschreiner. Eines Tages war im Armenhaus ein Insasse gestorben. Der Tote lag etwas länger als üblich in seinem Bett und müffelte daher schon etwas.

Der "Schorsch" ging mutig ins Zimmer, nachdem er sich beim "Fläschners-Adam" eine Volksgasmaske, wie sie im Krieg üblich war, ausgeliehen hatte. Er bettete den Toten in den Sarg und schlug gelassen die letzten Nägel ein. Draußen nahm er die Gasmaske ab und bedankte sich: "Adam, ohne das Ding hätte ich das nicht geschafft." Dass die Volksgasmaske keine Augengläser und keinen Filter mehr hatte, war ihm gar nicht aufgefallen. Er fühlte sich jedenfalls gut mit der Maske auf dem Kopf.

Der Sohn Anton Kenntemich

Auch im "Langs-Vevi"-Haus wohnte ein Journalist, den noch die älteren Waischenfelder kennen dürften. Anton Kenntemich war der Sohn der verstorbenen "Langs-Vevi", Vevi Kenntemich. Er wurde 1944 in Waischenfeld geboren. Nach dem Studium der katholischen Theologie und Germanistik in München arbeitete er als Spieler und Autor in einem Münchner Kellertheater. 1972 begann Kenntemich beim Bayerischen Rundfunk eine Karriere. Zuerst arbeitete er für den Jugendfunk, dann für verschiedene andere Redaktionen.

Für den Kirchenfunk war er vermehrt ab 1992 tätig, meist mit Berichten für die "Katholische Welt". Am 1. Januar 1996 übernahm Kenntemich die Leitung der Redaktion "Kirche" im Hörfunk. Im gleichen Jahr starb er; auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Zehn Jahre später starb auch seine Mutter, die "Langs-Vevi", und das Haus ging an die Kirche.

Inneneinrichtung verkauft

Bei einer Verkaufsaktion im Spitalgebäude wurden Teile der Inneneinrichtung verkauft. Dieses Bild vom "Vevi"-Haus mit Armenhaus und einige andere mehr kaufte Antje Otte in Holte, die zusammen mit ihrem Mann Adolf an der Stelle wohnt, an dem früher das Armenhaus stand. So schließt sich ein Kreis.

Der Familienstamm der Lang, eine richtige Metzgerdynastie, ist in Waischenfeld seit 1514 nachweisbar und ist damit genauso alt wie die Spitalstiftung. Aus dieser Zeit stammt das älteste Geburtenbuch der Waischenfelder Pfarrei.