Forchheim
Krise

Berg wächst, Talfahrt droht

Die Straßenbauer des Landkreises ignorieren recycelten Schutt als Baumaterial. Das bereitet nicht nur den Recycling-Firmen Probleme. Auch ökologisch betrachtet, zeichnet sich eine Fehlentwicklung ab.
Artikel drucken Artikel einbetten
Das Bauschutt-Recycling steckt in der Krise, daher türmen sich landkreisweit die Berge mit Bauschutt. Unser Foto entstand auf der Deponie in Gosberg .  Foto: Johannes Höllein
Das Bauschutt-Recycling steckt in der Krise, daher türmen sich landkreisweit die Berge mit Bauschutt. Unser Foto entstand auf der Deponie in Gosberg . Foto: Johannes Höllein

Ein Bauherr aus der Nussbaumstraße wendet sich an die Firma Plail: Er will 80 Tonnen Bauschutt in die Recyclinganlage nach Eggolsheim bringen. Doch Firmeninhaber Hermann Plail winkt ab: "Ich habe den Platz nicht."

Der Bauherr aus Forchheim ist kein Einzelfall. Reihenweise muss Hermann Plail Privatleute, aber vor allem Unternehmer aus der Baubranche enttäuschen; denn auf seinem 3,5 Hektar großen Firmengelände gegenüber dem Gewerbegebiet In der Büg werden die Bauschuttberge immer höher. Neue Lieferungen nimmt Plail nicht mehr an.

Das Geschäft mit dem Recyclingmaterial ist zur Talfahrt geworden. Das trifft Plail genauso wie Dormann und Barthelme oder Seubert und Mehl, um nur einige Beispiele aus dem Landkreis Forchheim zu nennen. Hermann Plail, der auch im Vorstand des bayerischen Baustoff-Recycling-Verbandes sitzt, weiß, dass die Not mit dem wiederaufbereiteten Bauschutt eine landesweite ist.

Baunebenkosten explodieren

Das alarmiert auch Walter Hofmann und Heinz Marquart vom CSU-Arbeitskreis Umwelt, Kreisentwicklung und Energie. Er fahre regelmäßig an der Firma Plail vorbei und ihm sei aufgefallen, dass sich dort die Bauschuttberge türmen, sagt Hofmann. Und Marquart, der selbst aus der Baubranche kommt und ebenfalls in Eggolsheim zu Hause ist, sieht in den Schuttbergen vor seiner Haustür ein grundsätzliches Problem: Wenn im Landkreis die Verwertung von Bauschutt und Erdaushub nicht geklärt werde, dann sei die Wohnbaupolitik zum Scheitern verurteilt. "Wegen fehlender Deponien sind die Baunebenkosten am Explodieren", warnt Marquart und spricht von einer Steigerung von drei auf bis zu zehn Prozent.

Dabei gäbe es eine einfache Lösung, meint Hermann Plail: "Die Kommunen und der Landkreis müssen mitdenken und ihre Vorbildfunktion wahrnehmen." Der Unternehmer versteht nicht, dass nicht schon längst Usus ist, was auch des Umwelt-Arbeitskreis vorschlägt: Recycelter Bauschutt sollte landkreisweit im Straßen- und Wegebau verwendet werden.

"Es ist einfach eine Frage der regionalen Verwertung", sagt Landtagsabgeordneter Michael Hofmann (CSU) "Wir werden ökologischer, wenn wir das Material in die Ausschreibungen kommunaler Projekte mit reinnehmen."

Hermann Plail betont, dass unabhängige Gutachter drei Mal im Jahr den recycelten Bauschutt testen. 24 Jahre lang sei

das umweltverträgliche Material gefragt gewesen, doch in den vergangenen drei Jahren war es kaum noch absetzbar. Ein Grund mag sein, dass in dieser Zeit ein halbes Dutzend Baufirmen in der Region Forchheim ihren Betrieb einstellten.

Gleichzeitig würden im Landkreis hochwertige Rohstoffe wie Sand und Kies im Wegebau benutzt - eine "Ressourcenverschwendung", sagt Heinz Marquart und fordert eine "Abnahme der aufbereiteten Materialien". Das Bewusstsein dafür müsse bei der öffentlichen Hand, in der Wirtschaft und bei privaten Kunden geweckt werden, sagen unisono Michael Hofmann und Heinz Marquart. "Abbruchmaterial gibt es reichlich, aber es wird zu wenig Recycling abgenommen", das sei ein bayernweites Problem, betont Marquart. Er kritisiert diesen blinden Fleck in der Kreislaufwirtschaft und fordert eine "Weiterentwicklung des Bauschuttrecycling vom Schotterersatzbaustoffen hin zum Sandkorn-Recycling."

Experten beraten wochenlang

Ob Kreis und Kommunen ihren Umgang mit dem recycelten Bauschutt kurzfristig ändern werden? Bei der Kreisverwaltung ist das Thema zumindest angekommen. Wie Pressesprecherin Kathrin Schürr dem FT sagte, setzten sich aktuell verschiedene Abteilungen der Kreisbehörde mit einer Anfrage des bayerischen Recycling-Verbandes auseinander. Eine Antwort, ob aufbereiteter Bauschutt eine Alternative zu Kies und Sand im Straßenbau werden kann, werde das Tiefbauamt aktuell aber nicht geben.

Während der CSU-Arbeitskreis für Umwelt und Kreisentwicklung das Bauschutt-Recycling kurzfristig forcieren will, um "nachhaltiger zu wirtschaften"; und während auch Landtagsabgeordneter Michael Hofmann in der Verwendung von recycelten Bauschutt einen "Beitrag zur Nachhaltigkeit" sieht, nehmen die Experten in der Kreisverwaltung Tempo aus dem Thema: Stellung beziehen wollen sie erst Ende August. Bis dahin werden sich nicht nur die Tiefbau-Ingenieure Gedanken machen; wie Pressesprecherin Kathrin Schürr betont, würden auch umweltschutztechnische und speziell wasserrechtliche Fragen geklärt.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren