Forchheim

Bambis brauchen einen Schutzengel

Jedes Jahr werden Rehkitze durch Mähmaschinen getötet. Vor dem Amtsgericht Forchheim musste sich am Donnerstag deshalb ein Angeklagter aus dem Landkreis Forchheim verantworten. Doch so weit muss es nicht kommen: Drohnen könnten helfen.
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Jessica Sebald päppelt auf dem Sternenhof gerettete Rehkitze auf. Foto: Barbara Herbst/Archiv
Jessica Sebald päppelt auf dem Sternenhof gerettete Rehkitze auf. Foto: Barbara Herbst/Archiv

Jessica Sebald hat schon viele Rehkitze gesehen, denen die Läufe fehlten, die Wunden am ganzen Körper hatten. Sebald betreibt in Gößweinstein den Sternenhof. Drei Rehkitze sind im vergangenen Jahr bei ihr gelandet, die bei der Mahd durch Mähmaschinen verletzt wurden. "Alle drei mussten eingeschläfert werden", sagt sie.

Um das zu verhindern, läuft sie selbst bei Absuch-Aktionen mit. Wichtig dabei: Es brauche genügend Helfer, die dicht beieinander übers Feld laufen. Andere Maßnahmen wie Vogelscheuchen oder bunte Bänder an der Wiese helfen nur bedingt: Die Geiß gewöhne sich schnell daran.

Dass das Thema ein schwieriges ist, weiß auch Kreisobmann Hermann Greif: "Vorkehrungen sollte jeder treffen." Wichtig sei, mit dem zuständigen Jagdpächter zu sprechen, der sich vor Ort auskennt und weiß, wo die Geiß ihre Kitze gesetzt hat. Dass etwas passiert, sei nie ganz auszuschließen.

Die Krux: Die Kitze sitzen unbeweglich im Gras, haben keinen Eigengeruch. Vor allem die Kosten und die Organisation mache vielen Landwirten zu schaffen: Erst brauche es einen festen Tag für die Mahd, der Jagdpächter muss Bescheid wissen, dann können weitere Vorkehrungen getroffen werden. "Niemand setzt sich auf den Schlepper und hat die Absicht, Tiere anzumähen."

Vorwurf der Tierquälerei

In Neunkirchen wurde im vergangenen Sommer ein Rehkitz während einer Mahd tödlich verletzt. Ein Zeuge hat das verletzte Tier gefunden und den Landwirt informiert, die Tierrechtsorganisation Peta wurde aufmerksam und erstattete Anzeige (siehe unten). Gestern musste sich der 40-jährige Angeklagte vor dem Amtsgericht Forchheim verantworten.

Der Vorwurf: Tierquälerei. Im Vorfeld der Mäharbeiten seien keine Vorkehrungen getroffen worden, um Rehkitze aufzuspüren, so die Anklage. "Wie zu erwarten", befand sich am Tatabend ein Rehkitz im hohen Gras. Dem Tier wurden drei Läufe verletzt, ein Bein fast vollständig abgetrennt. Der zuständige Jagdpächter war zu dem Zeitpunkt verhindert.

"Unfachmännisch" habe der Angeklagte dann versucht, das Tier zu betäuben und schnitt ihm schließlich die Kehle mit einem Teppichmesser durch.

"Sollte ich es noch länger leiden lassen?", erwidert der Angeklagte vor Gericht. Er mähe seine eigenen Wiesen und im Lohnauftrag die von Landwirten. Seit über 15 Jahren sei er für den Landwirt im Einsatz, auf dessen Wiese das Unglück passiert ist, seit drei Jahren sei er auf jener Wiese tätig. Er sei davon ausgegangen, dass sich der Landwirt "wie immer" selbst darum kümmere, die Wiesen abzusuchen. "Weil ich mich darauf verlasse, dass er das erledigt", so der Angeklagte.

Das Ganze sei nicht leicht für ihn gewesen. Richterin Silke Schneider stellte das Verfahren wegen geringfügiger Schuld ein. Der Angeklagte muss eine Geldstrafe in Höhe von 750 Euro an den Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Regionalverband Forchheim zahlen.

Hilfe aus der Luft

Um solche Fälle, wie vor dem Amtsgericht verhandelt, zu verhindern, sind Absuch-Aktionen unerlässlich. Eine weitere Methode ist die Kitzrettung per Drohne. Ein Pinzberger Verein sammelt seit Monaten Spenden, um ein Gerät zu kaufen. In Niedermirsberg und anderen Orten setzt man schon länger auf die Hilfe einer Drohne.

Die gehört Matthias Schuster, der mit dem Fluggerät sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Entscheidend dabei sei eine Drohne mit sehr guter Wärmebildkamera, sagt Schuster. Der unschlagbare Vorteil: die Schnelligkeit. Rund eine Stunde brauche er für zehn Hektar zusammenhängende Fläche. Für eine Stunde verlange er 100 Euro. "Es steckt sehr viel Arbeit dahinter. Aber es funktioniert immer." Über 100 Rehkitze habe er schon vor dem Mähtot gerettet.

Welche Methode nun die sicherste ist, ist strittig. Selbst im Mäh-Knigge, eine Handlungsempfehlung der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, steht "dass es keine perfekte Methode zur Wildtierrettung gibt." Verantwortlich ist aber stets der Landwirt: Er ist verpflichtet, den zuständigen Jäger zu informieren, damit dieser Vorkehrungen trifft.

Tierrechtsorganisation Peta bezieht Stellung

Ins Rollen gekommen ist die Verhandlung, weil die Tierrechtsorganisation Peta auf das getötete Rehkitz aufmerksam wurde. Dr. Edmund Haferbeck, Leiter der Wissenschafts- und Rechtsabteilung bei Peta, klärt auf.

Wie wird Peta auf solche Fälle aufmerksam? Edmund Haferbeck: In diesem Fall sind wir durch eine Presseberichterstattung, die uns ein aufmerksamer Bürger übermittelt hat, auf den Fall aufmerksam geworden. In den meisten Fällen werden wir jedoch durch Whistleblower aufmerksam gemacht, das sind vielfach Menschen, die von solchen Vorkommnissen erfahren haben, teilweise selbst alles miterlebt haben, jedoch selbst nicht die Sache weiterverfolgen wollen. Zum einen, weil sie im dörflichen Umfeld keinen Stress haben wollen, zum anderen weil sie nicht wissen, wie sie verfahren sollen, ohne selbst in die Zwickmühle zu geraten.

Wie oft klagt Peta wegen solcher Fälle? Wir haben in den letzten drei Jahren circa zehn Rehkitzfälle angezeigt, davon sind circa sieben zur Verurteilung beziehungsweise zur strafrechtlichen Sanktionierung gekommen.

Was fordert Peta in Bezug auf die Rehkitzrettung?

Wir fordern seit vielen Jahren, wie auch andere Organisationen, dass die Landwirte die zu mähenden Weiden vorher begehen, den Jagdpächter darüber informieren und mit ihm diese wichtige Aufgabe wahrnehmen. Gerade Bayern hat hierzu ein Merkblatt herausgegeben, wie zu verfahren ist. Und wir fordern grundsätzlich eine empfindliche Bestrafung derjenigen, die mal erwischt beziehungsweise überführt werden.

Wie bewerten Sie das Urteil? Der Straftatbestand ist erfüllt, es wurde bestätigt, dass die Rehkitz-Tötung eine schwere Straftat ist. Eigentlich hätte der Landwirt auf der Anklagebank sitzen müssen. Dieser ist auch Jäger - und muss somit umso mehr gewusst haben, dass vor der Mahd Vorkehrungen zum Schutz der Tiere zu treffen sind. Dass er nicht gehandelt hat, war verantwortungslos. fr

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