Forchheim
Literatur

Aus dem Leben eines Kaufmanns

Der gebürtige Forchheimer Tobias Kühnlein hat ein Buch über den täglichen Wahnsinn im Einzelhandel geschrieben.
Artikel drucken Artikel einbetten
Stolz auf  sein Buch: der gebürtige Forchheimer Tobias Kühnlein  Foto: Striegel
Stolz auf sein Buch: der gebürtige Forchheimer Tobias Kühnlein Foto: Striegel
"Es ist 11.57 Uhr, das Rolltor hält der Belastung der von außen drückenden Menschenmenge nicht mehr Stand und wird von Mr. Dent unter Einsatz seines eigenen Lebens vorzeitig hochgezogen" - wer nun eine Szene aus einem Action-Film vor sich sieht oder an Massenveranstaltungen größerer Rangordnung denkt, dem sei gesagt: im übertragenen Sinne haben sie soweit Recht.

Was aber, wenn ich Ihnen sage, dass es sich hier um eine nicht allzu seltene Szene an verkaufsoffenen Sonntagen in einem Elektro-Fachmarkt handelt? Ja, Sie haben richtig gehört. Oben genannte Worte sind eine wahre Geschichte aus Tobias Kühnleins neu erschienenem Buch "Der Wahnsinn hat Spätschicht!".

Der gebürtige Forchheimer, der in Effeltrich aufgewachsen ist und derzeit in Bayreuth lebt, schildert darin den scheinbar wahnsinnigen Berufsalltag eines Kaufmanns im Einzelhandel - sich selbst. Durch zahlreiche Anekdoten führt er den Leser an der Hand mit hinein in eine Welt, die vor Sarkasmus, Situationskomik und gekonnter Überlistung der Mitmenschen und seiner selbst nur so strotzt.

An der einen Stelle verrät er die Kriterien, nach denen der Rabatt für ein Produkt bestimmt wird, an einer anderen führt er dem Leser anhand eines Kalkulations-Beispiels vor Augen, wie wenig Spielraum für den Preis ein Fachverkäufer besonders für ein Elektro-Produkt tatsächlich hat. Auch wenn durch alle 19 Kapitel hindurch immer wieder kritische Mahnungen in Richtung der Kundschaft gehen, so überwiegt jedoch Tobias Kühnleins charmante Art mit den Eigenheiten seines Klientels umzugehen.

Schweißtreibende Gespräche


Analysen der verschiedenen Kontaktaufnahme - von zurückhaltendem Winken bis aggressivem Brüllen und in die Hände klatschen - gehören an dieser Stelle genauso dazu, wie die Mittel, um neu angekommene Kundschaft kurz vor Ladenschluss aus dem Markt zu locken.

Wie intensiv die Arbeit als Einzelhandelskaufmann sein kann, zeigen die immer wieder beschriebenen Schweißausbrüche in Kundengesprächen und erwähnten psychologischen und seelsorgerischen Betreuungen nach dem letzten verkaufsoffenen Sonntag.

Solche Verluste können durchaus - neben den Lager- und Mitarbeiterausgaben - in die Kostenspanne miteingerechnet werden und würden dort sicherlich keinen geringen Platz einnehmen. Und wenn der Autor seine Gedanken zum Einfluss des Smartphones - also des mobilen Internets - auf den Einzelhandel ausführt, dann kommt man selbst - als modernisierter, mobiler Mensch - zum Nachdenken. Ein Grübeln über das eigene Kaufverhalten, über die Einflüsse, die uns bei einer Kaufentscheidung bestimmen und die sicherlich nicht ganz unabhängig von lockenden Internetangeboten getroffen werden.

Selbst wenn die ersten Seiten des Buches noch auf brisante Neuigkeiten aus dem Leben der anderen Seite der Konsumwelt warten lassen, so macht Tobias Kühnlein diese Schwäche spätestens durch das grandiose Finale wett. In dem lässt er sämtliche Ausführungen in einer kriegsähnlichen Szene an einem verkaufsoffenen Sonntag zusammenfließen.

Packendes Sachbuch


Ein ungewohnt packendes und erheiterndes Sachbuch, das nicht nur als Geschenk für befreundete oder verwandte Kaufmänner- und frauen geeignet ist, sondern durchaus auch der eigenen Erheiterung und Aufklärung dienen wird.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren