Forchheim
Alkohol

Auch an Silvester gibt's bei Fleischmanns nur Wasser

Früher hat Klaus Fleischmann aus Burk schon einmal einen kompletten Kasten Bier am Tag getrunken. Nach mehreren Warnschüssen ist er jetzt seit 18 Jahren trocken. Und das soll auch im neuen Jahr so bleiben.
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Klaus Fleischmann und seine Frau Sabine stoßen mit einem Glas Wasser an.  Foto: Groscurth
Klaus Fleischmann und seine Frau Sabine stoßen mit einem Glas Wasser an. Foto: Groscurth
Klaus Fleischmann fällt auf - wegen seines großen Rauschebarts. Der 53-Jährige lacht gern und fühlt sich am wohlsten neben seiner Frau Sabine. Doch so gut ging es ihm nicht immer, und an Silvester, wenn die meisten mit einem Glas Sekt aufs neue Jahr anstoßen, dann hat Fleischmann Wasser oder Saft in der Hand.

Er ist nämlich Alkoholiker, doch seit 18 Jahren ist er trocken. Im April 1996 hatte er seinen letzten Rausch, bevor er kurz danach komplett mit dem Trinken aufhörte.

Wie fühlt es sich für den Industrie-Mechaniker an, wenn um ihn herum alle trinken und nur er nüchtern bleibt? "Als ich noch frisch trocken war, ist so ein Tag wie Silvester alles andere als einfach", gesteht er. Und heute? "Jetzt wissen alle von meiner Sucht und ich stehe auch offen dazu.
Mein Umfeld respektiert das und viele achten auch auf mich und geben mir sogar Hinweise, wenn es etwa Kuchen oder Torten gibt, die Alkohol enthalten und die ich besser nicht essen sollte."

Klaus Fleischmann hat eine dunkle Zeit hinter sich, eine Zeit, die geprägt war vom Trinken, von Räuschen und von Konflikten mit der Polizei. "Ich habe regelmäßig getrunken. Ich denke so ab meinem 16. Lebensjahr." Dabei wollte er als Kind nie so enden: "Mein Vater war auch Alkoholiker, war sehr aggressiv. Deshalb versteckte ich mich oft vor ihm", erzählt Fleischmann.

Er selbst war kontaktscheu, nur mit Alkohol wurde er lockerer. "Wenn ich betrunken war, neigte ich nicht zur Gewalt, sondern zog mich eher zurück", fügt Fleischmann an. Und: "Wer süchtig ist, schleppt ein Problem in sich herum, das er nur schwer aufarbeiten kann."


Führerschein verloren

Tag für Tag schüttete der Forchheimer Unmengen von Bier in sich hinein: "Ein Kasten - also zehn Liter - war keine Seltenheit. Meistens saß ich in Kneipen und stillte dort meine Sucht nach Alkohol." Doch wegen der Sucht fuhr er auch häufig betrunken mit dem Auto, wurde 1993 von der Polizei mit 2,1 Promille erwischt und verlor seinen Führerschein.

"Danach war ich mit dem Mofa unterwegs, wurde aber in den folgenden Jahren erneut zwei Mal mit 1,8 und zwei Promille erwischt. Deshalb drohte mir Gefängnis. Erst da kapierte ich, dass etwas gewaltig bei mir schief läuft", erinnert sich Fleischmann. Er legte Einspruch gegen die Haftstrafe ein und unterzog sich einer Therapie. Und er schwor sich, nie mehr wieder einen Tropfen Alkohol anzurühren. "Sonst kann man sich die Rückkehr in die Sucht schönreden und man hängt wieder an der Flasche."


1,8 Millionen Abhängige

Deutschland hat bei Bier, Schnaps und Wein ein echtes Suchtproblem: 9,5 Millionen Menschen konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Durchschnittlich werden pro Kopf jährlich zehn Liter reinen Alkohols konsumiert. Nach neuesten Erhebungen gelten 1,8 Millionen Menschen als alkoholabhängig. Nur etwa zehn Prozent unterziehen sich einer Therapie - oft erst viel zu spät nach zehn bis 15 Jahren einer Abhängigkeit.

Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 74.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs, heißt es in der "Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland". Die volkswirtschaftlichen Kosten würden sich auf 26,7 Milliarden Euro belaufen. Klaus Fleischmann ging seinen Weg aus der Sucht konsequent, sogar die Scheidung von seiner ersten Frau trieb ihn nicht mehr zurück.

2003 kam er dann mit Sabine zusammen, sie ist sein großer Halt. Sie genießen ihr Glück und kümmern sich um ihre kleinen, gefiederten Lieblinge, zehn Nymphensittiche. Nur manchmal denkt Fleischmann noch an Alkohol: "Das passiert mir öfters. Vor allem, wenn es heiß ist. Aber meistens habe ich nur Durst und wenn ich eine Schorle trinke, ist alles wieder vorbei."

Seine Erfahrungen gibt Fleischmann weiter. Er organisiert den Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe Forchheim (Kontakt unter Telefon 09191/7336825, Internet: www.forchheim.freundeskreise-sucht-bayern.de). Hier treffen sich immer dienstags von 19 bis 21 Uhr Suchtkranke zu einer Gruppenstunde im Jugendheim (Meisenweg 3, Forchheim-Burk).


Schnelltest: Auf dem Weg in den Alkoholismus?

Zur schnellen Diagnose, ob ein Patient auf dem Weg in die Sucht ist, nutzen Ärzte den sogenannten "Cage-Test", der sich an vier (englischen) Stichwörtern orientiert:

C für cut down drinking (Trinken reduzieren): Haben Sie jemals daran gedacht, weniger zu trinken?

A wie annoyance (Verärgerung): Haben Sie sich jemals über andere Menschen geärgert, weil diese Ihr Trinkverhalten kritisiert haben?

G wie guilty (schuldig): Haben Sie sich jemals wegen Ihres Trinkens schuldig gefühlt?

E für eye opener (morgendlicher Muntermacher): Haben Sie jemals morgens Alkohol getrunken, um sich nervlich zu stabilisieren oder einen "Kater" loszuwerden?

Wer mindestens zwei dieser Fragen mit Ja beantwortet, hat mit großer Wahrscheinlichkeit ein Alkoholproblem. Wer drei oder alle vier Fragen bejaht, sollte dringend mit einem Suchttherapeuten reden.

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