Gößweinstein
Tourismus

Als die Kurgäste in die Fränkische Schweiz strömten

Im 19. Jahrhundert boomte der Fremdenverkehr in der Fränkischen Schweiz. Kuren wurden immer beliebter. Orte wie Gößweinstein, Muggendorf und Streitberg richteten ihre Infrastruktur auf die Besucher aus.
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Postkarte von 1906, links das neue Gößweinsteiner Kurbad "Faust" mit aufwendiger Außenanlage Repro: löw
Postkarte von 1906, links das neue Gößweinsteiner Kurbad "Faust" mit aufwendiger Außenanlage Repro: löw
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Als direkte Folge des hohen Bekanntheitsgrades, ausgelöst Ende des 18. Jahrhunderts durch die neu entdeckten Höhlen und die romantische Burgenlandschaft darüber, boomte der Tourismus im 19. Jahrhundert regelrecht. Es entstanden sogar Einrichtungen nach Schweizer Vorbild wie das Kurhaus in Muggendorf mit flachem "Schweizer Dach" (heute das Rathaus der Gemeinde Wiesenttal) und Molkekuranstalten in Streitberg und Gößweinstein, die ebenfalls ihre baulichen Wurzeln in der Schweiz haben.

Die Industrialisierung ist voll im Gange, überall werden Eisenbahnen und Dampfmaschinen gebaut. Ein genialer Schachzug gelingt den Streitbergern: Ab dem Jahre 1839 wurde gekurt im Wiesenttal, wie Johann von Plänkner in seinem Reiseführer schreibt, und damit zusätzlich zu den höhlenforschenden Wissenschaftlern und ihren Studenten vermögende Reisende angelockt: "In Streitberg ist neuerdings durch Herrn Dr. Gustav Briegleb eine Molkekuranstalt errichtet worden, die schon in diesem Jahre sehr gut besucht war. Das milde Klima, die gesunde Luft, lassen den besten Fortgang hoffen", schreibt er weiter. Die Kuranstalt befand sich im Gasthaus "Zum Goldenen Kreuz" (später altes Kurhaus).

Aus dem Schweizer Jura

Wer aus dem Schweizer Jura hierher kommt, bemerkt Georg Zimmermann in seiner Reisebeschreibung von 1843, könnte in Streitberg "leicht an den herrlichen Weißenstein und seine Molkenanstalt erinnert werden. Freilich die Naturherrlichkeit, die man dort mit einem Blick überschaut, wird er hier vermissen, aber auch mit dem gegenwärtigen Schönen zufrieden sein". Hier ist er wieder, der Vergleich mit der Schweiz, der zur Umbenennung des Gebietes führte.

20 Jahre später war schon reger Kurbetrieb, wie in einem weiteren Reiseführer jener Zeit zu lesen ist: "Der Zuzug der Gäste wird von Jahr zu Jahr stärker. Im Jahre 1857 mussten die Wohnungen schon lange im Voraus gemiethet werden, um Unterkunft zu finden. Es sollen zuweilen bis und sogar über 400 Kurgäste hier versammelt gewesen sein."

Quartiere in Bauernhöfen

Diese enorme Steigerung des Fremdenverkehrs führte zu ersten Quartieren in Privathäusern und auf Bauernhöfen. Den Erfolg bekamen auch die Muggendorfer Bürger mit. 1857, 18 Jahre nach Streitberg, verfügte dieser Ort ebenfalls über ein "Kurhaus". Adalbert Küttlinger schreibt darüber im gleichen Jahr euphorisch: Das Kurhaus Muggendorf "wird 100 Meter lang, 40 Meter tief, hat 39 Zimmer, einen großen Speisesaal und einen fein dekorierten Salon mit Balkon".

Bereits 1862 stellt Muggendorfs Pfarrer Johannes Scheuerlein fest: "Mittlerweile ist Muggendorf ein Kurort geworden und wird von vielen Fremden besucht. Es gibt eine Menge Schankhäuser in dem kleinen Markt, und fast jedes Haus wird eingerichtet zur Vermietung an Gäste."

Hochbetrieb für Fuhrwerke

Das junge Gewerbe Tourismus entwickelte sich stetig weiter. Fuhrwerksbesitzer hatten Hochbetrieb wegen der zahlreichen Ausflugsfahrten in die Umgebung. Die Bauern in den Dörfern ringsum versorgten die Kurhäuser mit frischer Ziegenmilch und Lebensmitteln. 1883 schrieb der damals schon bekannte Schriftsteller Victor von Scheffel an seinen Freund, den Maler Anton von Werner: "Willst Du einmal andere Menschen, andere Landschaft, kühle Bergluft, groteske Felsen um dich haben, so empfehle ich Dir Streitberg, wo ich im Kurhaus bei Dr. Weber wohnte."

Auf dem Streitberger Friedhof befindet sich noch eine massive Grabplatte, welche die Gebeine des Adalbert Viktor von Chamisso enthält. Jener war der Sohn des bekannten Schriftstellers und Philosophen Charles Louis Adalbert von Chamisso (Peter Schlehenmihl). Der Sohn verbrachte hier in Streitberg einige Zeit wegen einer Molkekur, um sein Lungenleiden zu bessern. Chamisso Junior starb hier trotz Kur, laut Inschrift auf der Grabplatte am 29. Juni 1856.

Einschlägige Molkekurliteratur

In einschlägiger Molkekurliteratur damaliger Zeit ist nachzulesen, dass "nach etwa vierwöchigem Kurgebrauch bei den meisten Patienten eine Gewichtszunahme von 6 bis 8 Pfund festzustellen ist, die bei Fortsetzung der Kur bis etwa ein Vierteljahr bis auf 20 Pfund ansteigen konnten. Ferner ergab sich durch Messungen, dass die Kranken nach abgeschlossener Behandlung um 300 bis 1000 Kubikzentimeter Luft mehr in ihre Lunge aufzunehmen vermochten, als zuvor".

Gesunde Ernährung und viel frische Luft waren das Erfolgsgeheimnis der Molke- und Badekuren. Dem Beispiel im Wiesenttal folgend kam es bald auch zu Kuraktivitäten in Gößweinstein. Laut Ortschronist Ludwig Helldörfer baute Andreas Belzer 1863 eine Badeanstalt mit drei Badstuben, in der es verschiedenste Bäder sowie "täglich frisch bereitete Molken und frisch ausgepresste Kräutersäfte" gab.

Im erlauchten Kreis

Damit stieg Gößweinstein ebenso in den erlauchten touristischen Kreis der "Kurorte" auf, von denen es in Oberfranken 1865 nur wenige gab: Alexanderbad, Berneck, Gößweinstein, Muggendorf, Steben und Streitberg.

1905 errichtete Heinrich Faust aus Bamberg ebenfalls ein großes Kurhaus in Gößweinstein, das über 65 Betten verfügte und viele Jahre lang "Bäder aller Art" anbot. Die Einrichtung von Kuren in der Region führte dazu, dass Orte wie Muggendorf, Streitberg und Gößweinstein eine enorme Steigerung des Bekanntheitsgrades erfuhren und daher eine Zeitlang in der touristischen Bundesliga spielen konnten.

Laut statistischen Erhebungen des Verkehrsverband Nordbayern, heute Tourismusverband Franken, verzeichnete die Fränkische Schweiz 1928 rund 217.000 Übernachtungen. "Mit seinen 73.416 Übernachtungen im Sommerhalbjahr wird Gößweinstein nur noch von München, Nürnberg, Altötting, Würzburg und Regensburg übertroffen. Auf 100 Einwohner kommen in Gößweinstein 198 Fremdenbetten, womit Gößweinstein an Platz 2 in ganz Bayern steht. An 55 Tagen waren die 1345 Betten belegt" - schrieb die Lokalzeitung.

War der Erste Weltkrieg aus touristischer Sicht glimpflich für die Region verlaufen, sorgte der Zweite Weltkrieg für den Zusammenbruch aller touristischen Infrastruktur. In den Hotels und Pensionen wurden Flüchtlinge aus den Ostgebieten untergebracht und viele Kinder aus den zerbombten Großstädten, die im Zuge der Kinderlandverschickung hierherkamen, bevölkerten jedes freie Zimmer.

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