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Forchheim
Integration

Als die Fremde zur Heimat wurde

Vor exakt 50 Jahren kam Omer Bajric als Gastarbeiter nach Forchheim - und blieb für immer. Am Mittwoch begeht der gebürtige Bosnier den 80. Geburtstag.
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Am Grab seines Bruders Husein im muslimischen Teil des Forchheimer Friedhofes beten Omer Bajric und Gattin Ajisa. Fotos: privat
Am Grab seines Bruders Husein im muslimischen Teil des Forchheimer Friedhofes beten Omer Bajric und Gattin Ajisa. Fotos: privat
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Wenn die Begriffe "Migration" und "Integration" durch die Nachrichten geistern, dann werden sie oft unterschiedlich interpretiert, je nach geistiger oder politischer Haltung. Dabei gibt es vor allem im Landkreis Forchheim viele Beispiele von Menschen, die aus den verschiedensten Gründen nach Deutschland kamen und hier mehr als eine zweite Heimat fanden.

Omer Bajric erblickte am 19. Februar 1940 das Licht der Welt und wuchs nahe der bosnischen Stadt Tuzla im winzigen Dörfchen Gornja Lukavica auf. Als eines von acht Geschwistern, von denen noch je ein Bruder und eine Schwester dort leben, blickt der Jubilar auf ein ereignisreiches Leben zurück: "Freilich wird Bosnien immer unsere Heimat bleiben, dort liegen unsere Wurzeln. Aber inzwischen sind wir und unsere Kinder mit Leib und Seele Forchheimer geworden. Unsere Enkel und Urenkel sind ohnehin in Forchheim geboren, wir haben allesamt deutsche Pässe und fühlen uns hier zu Hause." Dennoch war der Weg der Familie bis heute nicht einfach.

Die Angebetete "entführt"

Der Jubilar erzählt verschmitzt wie er seine Gattin in spe vor 58 Jahren quasi entführte, um sie zu heiraten: "Bei uns Muslimen in Bosnien war es zu jener Zeit so, dass die Eltern des Bräutigams erst ihren Segen für die potenzielle Schwiegertochter geben mussten, bevor sie in die Hochzeit einwilligten. Also habe ich Ajisa einfach mit nach Hause genommen, und anderntags, am 15. März 1962, fand bereits die Trauung statt." Die Familie wuchs zügig. Im Folgejahr wurde Töchterchen Fatima geboren, zwei Jahre später folgte Jasmina, und mit Stammhalter Ramo kam 1967 der erste von drei Söhnen, neben Huso (1971) und Nachzügler Senad (1987) zur Welt.

Bosnien war damals noch Teil des Vielvölkerstaates Jugoslawien unter dem diktatorischen Machthaber Josip Tito, der durch den erfolgreichen Partisanen-Befreiungskampf gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg zwar von weiten Teilen der Bevölkerung verehrt wurde, diese aber auch auf Kosten jenes kommunistisch-föderalen Staates unterjochte. Auch Omer spürte dies. Er arbeitete als Minenarbeiter in einem Kohlebergwerk etwa 15 Kilometer vom Heimatort entfernt. Zwar sei dies ein sicherer Arbeitsplatz gewesen, der Broterwerb erwies sich durch die körperlichen Anstrengungen und die fehlende Mobilität jedoch als überaus hart: "Wir wurden für die Knochenarbeit nicht gut bezahlt. Täglich musste ich den Weg jeweils früh hin und abends wieder zurück in etwa eineinhalb Stunden zu Fuß laufen." In dieser Phase begann der Jungvermählte für seine Familie ein Haus zu bauen. Zwischen Job samt Arbeitsweg, häuslicher Bauarbeit und bitter nötigem Schlaf blieb für Frau und Kinder nahezu keine Zeit mehr übrig.

Ein ungewisses Wagnis

Motiviert durch jene Umstände, vor allem jedoch dem Lockruf seines Bruders Husein folgend, ging Omer Bajric am Ende des Jahrzehnts ein ungewisses Wagnis ein, um seine Familie besser versorgen zu können. Der älteste Bruder Omers (Jahrgang 1921) siedelte bereits 1941 nach Franken und fungierte hier als Dolmetscher für seine Landsleute. Zudem war Husein einer der Mitgründer des VdK in Forchheim und hier bereits bestens vernetzt. Er überredete Omer 1970, als Gastarbeiter nach Deutschland zu kommen, besorgte die nötigen Papiere und sagte zu ihm: "Jugoslawien geht sowieso bald den Bach hinunter. Verschaffe dir hier für ein paar Jahre mit gut verdientem Geld ein Polster, dann kannst du zurückkehren und besser leben."

Zu dieser Zeit war die "Arbeitsmigration", wie die Anwerbepolitik der BRD und der DDR in den Jahren zwischen 1950 bis 1970 offiziell genannt wurde, bei den Menschen in den Werbeländern nicht sehr populär. Vor allem der westliche Teil hatte selbst 20 Jahre nach dem Krieg noch ein sehr schlechtes Image, erinnert sich Omer: "Außerdem sagten meine Nachbarn und Freunde zu mir, ich sei verrückt, nach Deutschland zu gehen, weil ich unser Haus gerade fertiggebaut hatte. Nur der Außenputz fehlte noch."

Heimweh und Einsamkeit

Der Plan, die Gastarbeit nach drei bis vier Jahren wieder zu beenden, scheiterte: Omer folgte Husein nach Forchheim - und blieb für immer. In der Papierfabrik, die damals noch zum Schickedanz-Imperium gehörte, wurde Omer erst an einer Wellpappenmaschine eingesetzt und später, bis zum Renteneintritt 2000, als Staplerfahrer. Viele Gastarbeiter, die damals auch in den Industriebetrieben Weberei, Spinnerei, Piasten und Folienfabrik beschäftigt wurden, waren seinerzeit in schlichten Holzbaracken untergebracht. Die meisten wohnten, wie Omer und Husein, auf dem Gelände hinter dem Kolpinghaus, wo die einfachen Hütten entlang der Wiesent in Nachbarschaft der 4P-Folie standen. Ein bunter Menschen-Mix, meist Italiener, Türken, Bosnier, Kroaten oder Serben (damals Jugoslawen), was gelegentlich Spannungen barg. Sie alle einten aber Heimweh und Einsamkeit.

Ebenso erging es der mit den drei Kindern zurückgebliebenen Ehefrau Ajisa, die sich fortan alleine um den Hof und die Erziehung kümmern musste: "Mein Mann hat mir sehr gefehlt. Kontakt hatten wir nur ein- bis zweimal im Monat durch Briefe. Zur Poststelle, die fünf Kilometer von unserem Wohnort entfernt lag, bin ich manchmal umsonst hingelaufen. Ich wusste ja nicht, wann wieder Nachricht von ihm kam." Nach zwei Jahren Trennung besuchte sie ihn erstmals in Forchheim, und im Folgejahr reifte in beiden der Entschluss, dass die Familie nachziehen sollte. So bezogen Omer und Ajisa 1973 mit den Söhnen Ramo und Huso ihre erste Wohnung in der Daimlerstraße.

Eine große Umstellung

Ein Wermutstropfen trübte den Umzug: Fatima blieb noch ein Jahr in Bosnien und Jasmina sogar zwei, um die Schule fertigzumachen, was Ajisa sehr zusetzte: "Mir tat es im Herzen weh, dass nicht alle Kinder bei uns waren. Erst 1975 waren wir komplett."

Anfangs sei das Leben hier für die gesamte Familie eine große Umstellung gewesen. Zwar war Forchheim keine große Stadt, aber trotzdem ganz anders als das winzige Heimatdörfchen. Hinzu kam neben der kulturellen Umgewöhnung vor allem die sprachliche Hürde, erinnert Ajisa: "Wir haben nur langsam gelernt, Deutsch zu sprechen; das war schon eine Belastung. Aber wir haben es geschafft."

Den Söhnen fiel die Integration durch den Fußball leichter. Alle drei - Nachzügler Senad wurde in Forchheim geboren - spielten in städtischen Vereinen und machten sich später als erwachsene Kicker und Trainer im Fußballkreis einen Namen. Senad ist als Einziger als spielender Co-Trainer in Oesdorf bis heute aktiv. Ramo betont im Rückblick, dass auch ihr Glaube nie ein Hindernis darstellte: "Wir hatten hier nie Probleme als Moslems und immer viele deutsche Freunde. In unserer Familie wird Weihnachten traditionell mit Baum gefeiert, aber wir begehen auch die muslimischen Hochfeste Ramadan und Bayram. Durch den frühen Beitritt in die Jugendteams vom Jahn fühlten wir uns schon immer als Forchheimer, nie als Fremde."

Die nächste Generation

Als die älteren Kinder flügge wurden und eigene Familien gründeten, zogen ihre Eltern 1993 in die Gerhard-Hauptmann-Straße. Zu jener Zeit erregten Ramo und Huso mit der Tanzformation "Construction" mediale Aufmerksamkeit und begleiteten Popstar "DJ Bobo" auf dessen Tournee.

Das Showtalent scheint Huso an seine Tochter Nisa vererbt zu haben: Die 19-Jährige war schon öfter als Sängerin im TV zu sehen und wird mit ihrer Dance-Academy am 9. Mai im Sportheim Effeltrich ein Benefizkonzert zugunsten der Kinderkrebshilfe veranstalten. Alina, die Tochter von Ramo, ist seit der Übernahme des "Schlößla-Kellers" vor zwei Jahren vielen Annafest-Fans und Kellerwaldbesuchern ein Begriff. Seit 2004 wohnen Omer und Ajisa nun in der Adalbert-Stifter-Straße und erzählen schmunzelnd, dass dies die erste Wohnung mit einer Zentralheizung für sie sei.

Wie sehr sie in Forchheim inzwischen heimisch geworden sind, verrät ein fast schon symbolischer Akt: Omer übernahm im Januar das Grab seines 1983 verstorbenen Bruders Husein im muslimischen Teil des neuen Friedhofs, als dieses abgelaufen war, und wird auch für die eigene Ruhestätte nicht nach Bosnien zurückkehren: "Es zeigt, dass wir hier angekommen sind. So können wir auch nach dem Leben immer im Kreis unserer Familie sein. Aber das darf ruhig noch ein paar Jahre warten. Jetzt feiern wir erstmal Geburtstag."

Wenn Omer am Mittwoch seinen Jubeltag begeht, wird die gesamte Familie für ihn auf den Beinen sein, denn diese stehe bei ihnen an erster Stelle, betont Ramo: "Wir als Kinder sind ihm sehr dankbar dafür, dass er damals den Schritt gewagt hat, hierherzukommen. Für uns Nachkommen ist Forchheim mehr als eine zweite Heimat geworden."Karin Hühnlein

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