Waischenfeld
Buch

Wissenschaft in Hitlers Namen

In Waischenfeld war ab 1943 die Leitungsebene des NS-Ahnenerbes beheimatet. Der Historiker Julien Reitzenstein legt über dessen Arbeit ein fulminantes Werk vor.
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Im Waischenfelder Stahaus war die Leitung des Ahnenerbes untergebracht. Fotos: privat
Im Waischenfelder Stahaus war die Leitung des Ahnenerbes untergebracht. Fotos: privat
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Die Wissenschaftseinrichtung der SS, das sogenannte Ahnenerbe, ist eine bis heute geheimnisumwitterte Organisation. In über 50 Forschungsstätten wurde zu Volksliedern und Märchen geforscht, wie zu Meteorologie und Tibet-Wissenschaften. Richtig bekannt wurde das Ahnenerbe jedoch nach dem Krieg durch sein 1942 gegründetes Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung.

Die Medizinverbrechen und Menschenversuche an Häftlingen wurden vor allem im Nürnberger Prozess bekannt gemacht, um die Grausamkeit des NS-Regimes zu belegen. Die Struktur der Einrichtung, die wissenschaftlichen Zielsetzungen der einzelnen Abteilungen und auch die meisten der Handelnden blieben im Dunkeln.

Hunderttausende Dokumente

Nun hat der Straßburger Historiker Julien Reitzenstein die erste Gesamtdarstellung des Instituts für wehrwissenschaftliche Zweckforschung vorgelegt.

Das 410 Seiten starke Buch "Himmlers Forscher - Wehrwissenschaft und Medizinverbrechen im Ahnenerbe der SS" haben nun Waischenfelds Bürgermeister Edmund Pirkelmann (BSB), Stadthistoriker Helmut Wunder und Autor Julien Reitzenstein im Badershaus in Waischenfeld vorgestellt. Nur unweit davon hatte das Ahnenerbe in Waischenfeld seinen Sitz. Im Jahr 1943 war die Leitungsebene des Ahnenerbes einschließlich Verwaltung aus dem bombengefährdeten Berlin in das Alte Rentamt in Waischenfeld verlegt worden.

In einem ebenso präzisen wie mitreißenden Vortrag stellte Reitzenstein die Ergebnisse seiner Forschungen vor. Reitzenstein, der als Historiker unter anderem an der Humboldt-Universität Berlin und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg gelehrt hat, hatte zunächst über viele Jahre hinweg Hunderttausende Dokumente in Dutzenden Archiven - unter anderem in den USA, Frankreich und Deutschland - gesichtet.

Sein Buch beginnt mit der Untersuchung der Gründungsumstände des Ahnenerbes im Jahr 1935 als eingetragener Verein unter der Leitung von Heinrich Himmler, dem Verlagskaufmann Wolfram Sievers und des späteren Rektors der Universität München, dem durch seine unselige Rolle im Falle der Geschwister Scholl berüchtigten Walther Wüst.

Krude Weltsicht

Es kristallisierte sich jedoch schnell heraus, dass Sievers die treibende Kraft des Ahnenerbes und später des Instituts für wehrwissenschaftliche Zweckforschung war.

Der Verein entwickelte sich schnell zu einer Ansammlung mehr oder weniger seriöser Forscher, von denen sich Himmler wissenschaftlich Beweise für seine oft reichlich kruden Sichtweisen auf die Welt erhoffte. Sievers gelang es jedoch in zunehmendem Maße, den Einfluss von Wirrköpfen im Ahnenerbe stetig zu mindern. Mit Wüsts Praxiserfahrung als Hochschullehrer gelang es Sievers rasch, erhebliche Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft für das Ahnenerbe einzuwerben.

Sievers war klar, dass mit dem Sammeln von Volksliedern und Märchen oder der Tibet-Forschung kein Krieg zu gewinnen war. In solchen Zeiten werden Forschungsergebnisse benötigt, die die Wehrkraft stärken.

Berüchtigte Mediziner

Aus diesem Grunde wurde Mitte 1942 das Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung gegründet. Reitzenstein stellt nacheinander die einzelnen Abteilungen und ihre Protagonisten vor.

Dabei sind auch Abteilungen, deren Existenz lange unbekannt waren. Eine der Abteilungen war die des berüchtigten Luftfahrtmediziners Sigmund Raschers, eines sadistischen Psychopathen, der im KZ Dachau oft Versuche aus purer Mordlust tödlich enden ließ. Reitzenstein ist es gelungen, erstmals alle Häftlinge der Versuche zu identifizieren, ihre Biographien zu rekonstruieren und auch die Todesopfer zu ermitteln. Auch das Wirken von Hans Brand in Pottenstein wird ausführlich thematisiert.
Der Leser erfährt, dass selbst Himmlers Cousin monatelang auf den Anschluss von Strom und Gas warten musste und derweil frierend in seiner Forschungsbaracke sein Essen auf einem Asphaltofen kochte, was ihn jedoch nicht daran hinderte, ein "strenges Regiment" über seine Häftlinge zu führen.

Die Normalität im Krieg

Aber eine Episode über eine versuchte Schafzucht, bei der die Kreisbauernschaft Forchheim die SS-Offiziere aus Berlin gründlich auf den Arm nahm, zeigt, dass auch im Kriege an vielen Stellen Normalität herrschte.
Reitzenstein hat ein präzise recherchiertes Buch vorgelegt, das höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Dazu ist das Buch packend geschrieben und gut verständlich.




















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