Forchheim
Landwirtschaft

Wird den Milchkühen zuviel abverlangt?

Hochleistungskühe würden im Schichtbetrieb gemolken und zur Ware degradiert. Dazu sei die Trennung von den Kälbchen eine Grausamkeit, klagen Tierschutz-Organisationen. Die Landwirte im Kreis Forchheim rechtfertigen sich mit dem Tierwohl.
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Milchkühe, zur Hochleistungen gezwungen? Foto: Jennifer Hauser
Milchkühe, zur Hochleistungen gezwungen? Foto: Jennifer Hauser
Ohne Kind keine Milch. Das ist bei den Tieren nicht anders und vor allem in der Milchviehhaltung interessant. Müssen die Kühe nun jährlich ein Kalb auf die Welt bringen, das dann von der Mutter getrennt wird, um immer mehr Milchleistung zu geben?

"Die Kälber wurden schon immer von der Mutter getrennt, sonst wäre es eine Mutterkuhhaltung", erklärt Werner Nützel, Geschäftsführer des Bauernverbands Forchheim. Die Mutterkuhhaltung dient allerdings der Fleischgewinnung.

In modernen Milchviehbetrieben im Landkreis Forchheim gibt es die so genannten Abkalb-Bereiche, wo alle trächtigen Kühe ihren Nachwuchs bekommen. In den ersten Stunden oder am ersten Tag ist das Kalb sehr wohl bei der Mutter, von der es die Biestmilch erhält und die ihr Kalb auch abschleckt, erklärt Nützel. Dann muss das Kälbchen raus, schon wegen der Verletzungsgefahr. Dass die Kuh noch einige Zeit nach ihrem Kalb ruft, gibt er zu. Die Nahrung des Kälbchens wird auf "Milchaustauscher" umgestellt, vergleichbar mit Babynahrung.


Immer mehr Milchleistung

Spätestens mit einem Jahr bekommt das Kalb Zähne und würde die Zitzen aufreißen. Deshalb müssen Kälber getrennt von den Kühen aufwachen. Darin stimmen die meisten Tierschutz-Organisationen überein. Die Ausnahme: Organisationen, die sich für vegane Ernährung einsetzen.

"Es geht nicht um das Kalb, sondern um die Hochleistungskuh", betont Andreas Brucker vom Deutschen Tierschutzbund, Landesverband Bayern. Auch in der freien Natur würde eine Kuh wohl jährlich ein Kalb zur Welt bringen. Das Kalb alleine bräuchte aber nicht so viel Milch wie gemolken wird. Gab die Kuh früher ungefähr 5500 Kilo Milch pro Jahr, sind es heute 9500 bis 11 500 Kilo Milch. "Das Euter spannt, wird heiß, es führt zu Gesäuge-Entzündungen. Antibiotika müssen eingesetzt werden", klagen die Tierschützer.

Nachvollziehbare Zahlen für Euter-Entzündungen fehlten, kontert Werner Nützel. Gesicherte statistische Zahlen gebe es nicht. Die Kühe würden gemolken und seien angesichts des Druckes froh darum.


Nach vier Jahren verbraucht

Aber "im Durchschnitt ist die Kuh im Alter von vier Jahren verbraucht und kommt zum Schlachter", beschreibt Brucker das Ergebnis der hohen Leistung durch Zucht. Das Tier werde zur Ware degradiert. "Es gibt in allen Bereichen eine natürliche Obergrenze. Durch den Züchtungsfortschritt und die optimale Fütterung hat man sich der Leistungs-Obergrenze angenähert", räumt Nützel ein. Diese hohe Leistung könne erbracht werden, wenn alle Voraussetzungen optimal seien. Moderne Laufställe seien auf Tier-Komfort ausgelegt, mit fließendem Wasser zu jeder Tages- und Nachtzeit und einem Kraftfuttervorrat, der jeder Kuh zustehe. Bekomme sie weniger, magere sie ab, denn die Kuh sei so veranlagt, dass sie 30 Liter Milch gibt. Andernfalls müsste sie wieder rückgezüchtet werden, was wiederum mit Kosten verbunden wäre.

Der Landwirt müsse aber Einkommen erwirtschaften. Und der weltweite Handel in der Lebensmittelindustrie sei nicht wegzudiskutieren. "Niemand würde zu einem Autohersteller sagen, ihr produziert zu viele Autos", nennt Nützel ein Gegenbeispiel. Vom Bauern erzeugte Lebensmittel würden in Europa und auf dem Weltmarkt abgesetzt. Nur so seien die paradiesischen Zustände der Auswahl von vielen Sorten Obst, Fleisch oder Milchprodukten möglich.


Romantik hat ausgedient

"Die Vorstellung, dass Landwirte drei Kühe haben und Butter oder Käse aus deren Milch herstellen, diese heile Welt gebe es nicht", unterstreicht Werner Nützel. Dies habe auch nichts mit Tierschutz zu tun. Artgerechte Haltung sei eine Selbstverständlichkeit. Ebenso dürften dem Tier keine Schmerzen zugeführt werden. Alle Produkte unterlägen strengen Qualitätskriterien - trotz fallender Milchpreise, teils unter dem Entstehungspreis.

"Wir können verstehen, dass man davon nicht mehr leben kann", sagt der Tierschutzbund, der die Politik in der Verantwortung sieht und gleiche Voraussetzungen in allen EU-Staaten fordert. Die Alternative: Weltweite Massentierhaltung, in denen 2000 Kühe im Dreischichtbetrieb gemolken werden. Gottlob gebe es solche Betriebe in Oberfranken nicht. Darin sind sich Tierschützer und Werner Nützel vom Bauernverband einig.
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