Forchheim
Amtsgericht

Widersprüche ohne Ende: Mann für Schläge gegen eine Jugendliche auf der Kerwa verurteilt

Ein junger Mann hat laut Überzeugung des Richters an der Hirschaider Kirchweih eine Jugendliche geschlagen, die nichts von ihm wissen wollte.
Artikel drucken Artikel einbetten
Am Fahrgeschäft "Stardancer" entzündete sich der Streit.  Foto: Josef Hofbauer
Am Fahrgeschäft "Stardancer" entzündete sich der Streit. Foto: Josef Hofbauer
"Ehrlicherweise hatte ich auf ein Geständnis und eine Entschuldigung gehofft", sagte Philipp Förtsch am Montag am Forchheimer Amtsgericht. Eine Hoffnung des Jugendrichters, die unerfüllt blieb.

Der angeklagte 20-Jährige, der eine Jugendliche aus dem südlichen Landkreis Bamberg auf der Hirschaider Kirchweih im September 2016 geschlagen und genötigt haben soll, bestritt die Tat bis zuletzt. "Es ist alles falsch, ich habe es nicht gemacht", sagte der junge Syrer. Der Richter nahm ihm das jedoch nicht ab und verurteilte ihn wegen Körperverletzung und Nötigung zu einer Geldstrafe.


Facebook-Anfrage ohne Antwort

Die Vorgeschichte: Der Angeklagte, der seit 2015 in Forchheim lebt und seit Mai 2016 seine Aufenthaltserlaubnis hat, hatte die Geschädigte im Juli 2016 auf dem Forchheimer Annafest kennen gelernt. Anschließend haben sie sich ein paar Mal gegrüßt, als die Jugendliche an seiner Unterkunft vorbeiging. Für die Geschädigte sei er aber kein näherer Bekannter oder gar Freund gewesen.

Genau das wollte der Mann aber wohl für sie sein. Jedenfalls versuchte er über Facebook Kontakt zu ihr aufzunehmen und schickte eine Nachricht, die mit drei Herzchen begann.


Aufdringlich auf der Kerwa

Am 12. September 2016 sah der Angeklagte die Jugendliche gegen 20.45 Uhr auf der Hirschaider Kirchweih wieder. In der Nähe des Fahrgeschäftes "Stardancer" sprach er sie auf die unbeantwortet gebliebene Nachricht an. "Er hat gesagt, ich soll antworten. Ich habe aber gesagt, er soll mich in Ruhe lassen", schilderte die Geschädigte.

Darüber habe sich der aufdringliche Angeklagte jedoch lustig gemacht. Er hielt die Jugendliche an der Hand fest und verdrehte ihr dabei den Finger. Als sie sich losreißen wollte, schlug er ihr mit der flachen Hand gegen den Kopf. Sie erlitt starke Schmerzen, die sie noch einen Monat später spürte.


Schläge statt Gespräch

Doch damit nicht genug: Als die Auszubildende das Geschehene der ebenfalls im südlichen Kreis Bamberg wohnenden Freundin des Angeklagten berichten wollte, ließ der Mann, der etwa zwei Promille Alkohol im Blut hatte, ein klärendes Gespräch nicht zu und bedrängte seine Freundin. Die Geschädigte wollte ihr helfen und wurde erneut geschlagen - diesmal gegen die Brust.

Soweit die Version der Geschädigten, die eine Zeugin bestätigte. "Die Geschädigte ist für mich absolut glaubhaft, sie hat auch keinen erhöhten Belastungsdrang gezeigt", sagte Staatsanwältin Kerstin Harpf, die von einer im Raum stehenden Beleidigung durch Grapschen an die Brust aufgrund der Zeugenaussage absah.

Der Angeklagte, der trotz Dolmetscher auf Deutsch sprach, schilderte die Geschehnisse freilich komplett anders. So habe sich nicht die Angeklagte von ihm, sondern er sich von der Angeklagten losreißen wollen. Außerdem wollte der Mann, der eigentlich mit seiner Freundin auf der Kerwa war, nur wenige Sätze mit der Angeklagten gewechselt haben. Ohnehin habe er kein Interesse an ihr gehabt, wohingegen sie etwas von ihm gewollt habe.


Aus Sekunden wird halbe Stunde

Das mit dem Interesse erübrigte sich durch die Einsicht der Herzchen-Nachricht auf dem Handy der Angeklagten. Bezüglich der Länge des Gesprächs verstrickten sich des Angeklagten Freundin und eine weitere Entlastungszeugin in Widersprüche. Aus den ursprünglich wenigen Sekunden, die das Gespräch gedauert haben soll, wurden letztlich gut 30 Minuten.


Zeuginnen sahen nicht alles

Außerdem stellte sich heraus, dass beide Entlastungs-Zeuginnen nicht das komplette Gespräch beobachtet und dass sie ihre Aussagen wohl noch im Warteraum des Gerichtssaals abgesprochen hatten.

Fraglich war, ob der zur Tatzeit 19-Jährige noch nach Jugend-Strafrecht verurteilt werden sollte. "Der Angeklagte musste sich vom Elternhaus lösen und hat einen eigenen Lebensplan", sagte Staatsanwältin Harpf, die dem Antrag der Jugendgerichtshilfe widersprach und 110 Tagessätze forderte. Richter Philipp Förtsch folgte ihr und bestrafte den Angeklagten als Erwachsenen. Er senkte die Geldstrafe jedoch um zehn Tagessätze, da keine Vorstrafen vorlagen. Der Angeklagte trägt die Kosten des Verfahrens.


Kommentar von Andreas Schmitt

Wer gut unterhalten in die Woche starten wollte, der kam in den gut drei Stunden Verhandlung am Montagmorgen voll auf seine Kosten.

Geboten wurde ein Drama in vielen Akten - inklusive unklarer Aussagen, lückenhafter Erinnerungen, eindeutiger Widersprüche und unerlaubter Zwischenrufe.

Mehrmals gab es Gelächter, als die jugendlichen Zeuginnen Entfernungen und Zeitangaben doch recht unterschiedlich einschätzten. Und auch der Auftritt der Mutter einer Zeugin bleibt peinlich in Erinnerung, die trotz Androhung von Ordnungsgeld mehrfach aus dem Publikum schrie, dass der Angeklagte ein guter Mensch sei.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist weniger lustig. Im Forchheimer Gericht ging es nämlich im Kleinen darum, zu zeigen, dass das Recht einer Frau, nein zu sagen, auch im Deutschland nach der Flüchtlingskrise nicht nur auf dem Papier existiert.

Eine gute Rolle spielte dabei Staatsanwältin Kerstin Harpf, die als starke Frau auftrat und durch hartnäckige Fragen die Widersprüche des Angeklagten aufdeckte. Dass dieser aber auch Monate nach der Tat und im nüchternen Zustand keinerlei Reue zeigte, ließ den Zuhörer mit einem faden Gefühl aus dem Gerichtssaal gehen.
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren