Baiersdorf
Meerrettich

Vor dem Genuss kommt das Bücken

Dass der scharfe Kren ein natürliches Heilmittel ist, erfuhren FT-Leser im Meerrettichmuseum in Baiersdorf. Der Anbau ist aber trotz Maschineneinatzes immer noch eine körperlich mühsame Angelegenheit.
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Erna Schneider (links) führte die FT-Leser durch das "schärfste Museum der Welt". Foto: Pauline Lindner
Erna Schneider (links) führte die FT-Leser durch das "schärfste Museum der Welt". Foto: Pauline Lindner
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Baiersdorf — Tränen flossen keine, beim Besuch von FT-Lesern im "schärfsten Museum der Welt". Das ist der Untertitel des Meerrettichmuseums der Firma Schamel. Die tränentreibende Reibarbeit mit der Krenstange musste entfallen, hat doch das Museum in den kalten Monaten eigentlich geschlossen. Und so war keine frische Stange zur Hand.

Dafür führte die Gruppe, die teilweise von weit her angereist war, ein echtes Krenweible. Erna Schneider gehört zu den Frauen, die zu festlichen Anlässen in die alte Tracht schlüpfen, in der ihre Vorfahrerinnen das scharfe Würzgemüse auf den Märkten verhökerten.

Von wegen ein Gläschen öffnen - für ein Rindfleisch mit Kren, bis vor einem halben Jahrhundert musste die Hausfrau selber reiben. Und meistens weinen dabei. 1921 begann Johann Wilhelm Schamel den Handel mit Krenstangen. Heute ist die fünfte Generation in der Branche tätig.
90 Prozent der Ware wird inzwischen allerdings nicht mehr in Baiersdorf selber, sondern im Aischgrund angebaut.Immer noch in mühseliger Handarbeit, auch wenn einige Maschinen die Arbeit erleichtern. "Denken Sie daran, wie viel Bücken dahinter steckt, wenn Sie Kren essen", bat denn auch Schneider ihre Gäste. Man muss es sich mal ausrechnen. Auf den Hektar gehen etwa 27 000 Krenfexer. Sie können zwar mit einer Maschine in die Erde gelegt werden, aber das Vlies, das für eine starke Stange sorgt, muss über jeden Fexer von Hand gezogen werden.

Pro Hektar 27 000 Mal bücken

Und die Ernte funktioniert auch nur halbmechanisch. Ein gabelartiger Pflug lockert den Boden auf, die Wurzeln müssen von Hand herausgeholt werden. Rausgerissen werden, wie die Baiersdorfer sagen. Das heißt dann pro Hektar 27 000 Mal bücken. Das ist dann wohl mehr als genug für die Gesundheit getan.

Aber auch der Krenesser tut viel für seine Gesundheit. Das wusste schon Hildegard von Bingen, das wissen auch heutige Pharmazeuten. Es gibt etliche Medikamente gegen Infekte, deren Wirkstoff aus dem Meerrettich gewonnen wird. Sie sind wirksam zum Beispiel bei Harnwegsinfekten. Freilich dauert es etwas länger als mit Antibiotika. Aber die soll man bekanntlich für die harten Fälle aufsparen.

Harte Arbeit war auch die Verarbeitung, wie Schneider durch einen Werbefilm aus den 50er-Jahren belegen konnte. Schälen von Hand, reiben mit dem Schutz einer Gasmaske, per Löffel in die Gläser füllen. Heute entstehen die 100 000 Gläser pro Tag nahezu vollautomatisch.

Anstoß nahmen die FT-Leser am Begriff Bayerischer Meerrettich. Aber Schneider konterte gewitzt: "Wer kennt schon Franken im Ausland oder in Hamburg?" Im Gegenzug bekam sie dann ein Rezept mit Kren, das man so in Mittelfranken nicht kennt. Josef Winkler aus dem Bamberger Umland macht einen Ring Gelbwurst im Sud für Blaue Zipfel warm. Die danach leicht süßsaure Wurst isst er mit Kren. "Das schmeckt gut", versicherte auch Renate Kraus, obwohl sie recht vorsichtig mit dem Krenessen sein muss. Er ist ihr zu scharf und bekommt ihrem Magen nicht so. Wenn schon Kren, dann greift sie zu einer milden Zubereitung zum Lachs.
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