Gräfenberg
Zeitumstellung

Von hellen und dunklen Stunden

Mit der Zeitmessung und ihrer Geschichte kennt sich Georg Rammensee bestens aus. Er betreibt das Gräfenberger Turmuhrenmuseum.
Artikel drucken Artikel einbetten
Georg Rammensee an einer seiner 55 historischen Turmuhren. Die älteste stammt von 1470.  Foto: Petra Malbrich
Georg Rammensee an einer seiner 55 historischen Turmuhren. Die älteste stammt von 1470. Foto: Petra Malbrich
+17 Bilder
Wird die Uhr am Sonntag nun eine Stunde vor- oder zurückgestellt? Georg Rammensee vom Turmuhrenmuseum in Gräfenberg kennt eine Merkregel dazu: Im Winter verstaut man die Terrassenmöbel hinten im Schuppen, im Sommer holt man sie wieder hervor. Die Uhr wird also vorgestellt, was heute dank moderner Elektronik völlig unkompliziert geschieht.

"Früher war das eine Tortur. Der Glöckner musste fast eine Stunde im Turm bleiben", weiß Rammensee, dessen Vorfahren die noch bis 1957 existierende Turmuhrenfabrik in Gräfenberg aufgebaut hatten. Wurde die Stunde vorgestellt, musste der Glöckner die Schlagwerke neu einstellen. Im Herbst, wenn die Uhr zurückgedreht wurde, ging der Glöckner um drei Uhr hoch, wartete, bis es vier Uhr war und schob die Pendel neu an.


Anfangs ohne Zifferblatt

Während Georg Rammensee das erzählt, steht er an seiner ältesten Uhr aus dem Jahr 1470. Die Uhr stammt aus Untertrubach und hatte noch kein Ziffernblatt. "Die ersten Uhren waren akustische Uhren", erklärt Rammensee. Zum einen war es von der Mechanik noch nicht möglich, ein Ziffernblatt zu montieren, zum anderen waren die Leute meist Analphabeten. Wenn es fünf Uhr am Nachmittag geschlagen hatte, beendeten die Menschen ihre Arbeit auf dem Feld. "Damals war die Zeitmessung ein notwendiges Übel. Heute wird der Mensch von der Zeit regiert", sagt Georg Rammensee. Erst später kamen die mechanischen Zifferblätter an die Uhren dran.


Nur ein Zeiger

Doch auch da gab es Unterschiede zwischen den Uhren in der Stadt und auf dem Land. In den Fabriken nahm man das Lesen der Uhr genauer, auf dem Feld wurde bis zum Abend gearbeitet. Außerdem darf man sich das Ziffernblatt nicht so vorstellen, wie es nun auf den Uhren zu sehen ist. "Die ersten Zifferblätter hatten nur einen Zeiger, der auf die Stunde deutete", sagt Rammensee. "Kurz vor 12" ist beispielsweise ein Ausdruck aus dieser Zeit.

"Mit dem GPS, das millionstel Sekunden messen kann, kann die Mechanik nicht mithalten", erklärt Rammensee. Damals unterschied man zunächst in Tag und Nacht, und bevor es die Zeiger gab, die zu den Zahlen auf dem Ziffernblatt wandern, liefen die Zahlen zu einer Weisertafel. Die Uhr, die noch eine Waaglenkung hat, misst nach dem Julianischen Kalender, wie Rammensee vorführt. Da wurde der Tag in zwölf helle und zwölf dunkle Stunden eingeteilt. Im Sommer, wo es 16 helle Stunden gab, musste die Uhr langsamer laufen, um die zwölf Stunden Einteilung zu erreichen, im Winter, wenn der Tag nur acht helle Stunden hatte, dementsprechend schneller. Mit dem Verschieben von Gewichten auf der Waaglenkung wurde das erreicht. Dann wurden an den Uhren die Viertelstunden sichtbar gemacht und schließlich kam es zu den gewohnten Zifferblättern mit den Minuteneinheiten und dem Minutenzeiger. Anhaltspunkt, wie genau eine Uhr lief, war die Sonnenuhr.


Vom Urgroßvater aufgebaut

Die Mechanik der Nachwelt zu erhalten, war Rammensees ursprünglicher Gedanke, als er das Turmuhrenmuseum errichtete. Nun stehen dort 500 Jahre Geschichte der Zeitmessung. Der Nachfahre der Uhrmacherdynastie in Gräfenberg hat viele Schätze in seiner Scheune stehen. 55 Uhren hat er nun. Über den Winter hinweg hat er eine Uhr restauriert, die er von einem Juwelier aus Nürnberg bekommen hat. Zu einem Rathaus hatte diese Uhr wohl gehört, vermutet Rammensee. Das Pendel hat er neu gebaut.

18 Uhren in seinem Museum sind Handwerk aus der eigenen Uhrenfabrik, die sein Urgroßvater aufgebaut hatte. Eine Uhr davon hat ein Bürgermeisterehepaar 1919 in Auftrag gegeben. Der Ehemann gelobte, eine Uhr zu stiften, wenn er heil aus dem Krieg nach Hause kommt. Das tat er und gab bei Rammensee die Uhr in Auftrag. Die Uhrenfabrik war nach dem Krieg aber ohne Material und stellte bei dem Auftrag des Bürgermeisters ein Provisorium her. An Merkmalen wie den drei Werken, obwohl der Grundrahmen nur für zwei ausgelegt war, erkennt Georg Rammensee das.

Er selbst wäre auch gerne Uhrmacher geworden. Doch damals war dieser Beruf schon am Aussterben, wurde doch die Mechanik von der Elektronik abgelöst. Wenn Georg Rammensee die Geschichte der Zeit, der Zeitanzeige, der Zeitmessung und somit die Geschichte der Uhr erzählt, vergeht die Zeit wie im Flug. Von den Pendeln und den Gewichten, deren Kraft die Pendel bewegen, bis hin zu den Windbremsen - Georg Rammensee weiß zu jeder Uhr die Geschichte zu erzählen. Mit der Zeitumstellung ist er nicht so recht zufrieden. Aber sie ist Startschuss, das Turmuhrenmuseum nach der Winterpause wieder zu eröffnen.


Öffnungszeiten

Samstags und sonntags können Interessierte von 14 Uhr bis 16 Uhr die Turmuhren im "Gerbers Stodl" besichtigen. Bei Gruppen, ab acht Personen bis maximal 25 Personen, wird vorher um Anmeldung (Tel. 09192/8266) gebeten.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren