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Kirchehrenbach
Diskussionsabend

Vertreibung ist ein Unrecht - gestern wie heute

In Kirchehrenbach erinnerten sich Zeitzeugen 70 Jahre nach Kriegsende an ihre Flucht und den Neuanfang in Franken. Nicht immer wurden sie mit offenen Armen aufgenommen.
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Die Zeitzeugen im Gespräch. Im Bild (von rechts) Altbürgermeister Franz Plyer, Anna Grininger, Günther John, Inge Kraus, Albrecht Schläger und Gisela Kräck sowie Rosi Hofmann (stehend).  Foto: Heinrich Kattenbeck
Die Zeitzeugen im Gespräch. Im Bild (von rechts) Altbürgermeister Franz Plyer, Anna Grininger, Günther John, Inge Kraus, Albrecht Schläger und Gisela Kräck sowie Rosi Hofmann (stehend). Foto: Heinrich Kattenbeck
Über Flucht und Vertreibung und damit ein Thema, das aktueller denn je ist, diskutierten Zeitzeugen im Gasthaus Sponsel. Eingeladen hierzu hatte - 70 Jahre nach Kriegsende - der Arbeitskreis Soziales der SPD-Bürgergemeinschaft. Flüchtlinge von damals berichteten über ihre Vertreibung und den Neuanfang. Auch dank der Moderation von Gisela Kräck und Rosi Hofmann erlebten die zahlreichen Besucher einen ergreifenden, mitunter aber auch lustigen Abend.

Nach dem gemeinsam gesungenen Böhmerwaldlied, das Roland Albert auf der Gitarre begleitete, richtete der Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen und Bundesvorsitzende der Seliger Gemeinde, Albrecht Schläger aus Hohenberg an der Eger, bewegende Worte an die Zuhörer. "Vertreibungen sind Unrecht - gestern wie heute", sagte er.



Zimmer beschlagnahmt


Nach dem Krieg hätten viele Deutsche ohne jede Perspektive in Trümmern gelebt. "Etwa zwölf Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen. Nicht immer wurden die Flüchtlinge mit ausgebreiteten Armen empfangen." Heute erlebe die Welt wieder eine riesige Fluchtbewegung. Rund 60 Millionen Menschen würden Zuflucht suchen. "Warum sollte ein wirtschaftlich erfolgreiches und politisch stabiles Deutschland nicht fähig sein, in den gegenwärtigen Herausforderungen die Chancen von morgen zu erkennen?", fragte Schläger. Er vermisste bei der Aussage von Angela Merkel ("Wir schaffen das") aber auch eine Antwort auf das "Wie?".

Altbürgermeister Franz Plyer (81) wurde 1946 - von heute auf morgen - ausgesiedelt. Er brach auch eine Lanze für den damaligen Bürgermeister Georg Dorsch: "Er war nicht zu beneiden. Er musste Zimmer beschlagnahmen, um die Flüchtlinge unterzubringen. Darüber war die Bevölkerung nicht immer und überall begeistert."

Anna Grininger (85) las aus ihren Aufzeichnungen vor. Sie kam am 24. Mai 1946 in einem Viehwagen in Forchheim an und wurde im damaligen Waisenhaus einquartiert. Sie berichtete aber auch Gutes. So lernte sie ihren Mann Franz in der Jahnhalle kennen. Vor zwei Jahren feierten sie diamantene Hochzeit und besuchten ihre Kindheitsstätte. "Kirchehrenbach ist unsere Heimat geworden", sagte sie.


"Nicht erwünscht"


Günther John (77) und Inge Kraus (75) hatten die gleiche Erinnerung: "Manche zeigten uns schon deutlich, dass Flüchtlinge nicht erwünscht sind." Es habe teilweise große Bedenken im Dorf gegeben.

Als er am 25. Januar 1945 das schlesische Trebnitz verlassen musste, war Günter John sechs Jahre alt. "Schlimm war die Kälte, bis minus 15 Grad. Auf der Flucht wurden wir immer wieder von Tieffliegern beschossen", erinnerte er sich. Über Karlsbad, Hof, Bamberg und Forchheim sei er nach Kirchehrenbach gekommen - in einem Kuhgespann. Der Empfang dort sei alles andere als freundlich gewesen. "Geht wieder zurück, ihr seid alle Verbrecher...", habe man ihm zugerufen.

Inge Kraus war bei der Vertreibung fünf Jahre alt. Bevor sie nach Kirchehrenbach kam, war sie im Waisenhaus Forchheim untergebracht, wo die Säle mit Stockbetten ausgestattet waren. "Die eiserne Pfanne, die wir damals eingepackt hatten, benutze ich heute noch, und mein Puppenhaus hat die Vertreibung auch überlebt", sagte sie.
Apotheker Jörg Sarawara (75) kam einst mit dem dem Lazarettzug nach Bayern. Seit 47 Jahren lebt er mit seiner Familie in Kirchehrenbach.


25 unbegleitete Flüchtlinge im Ort


Irene Schneider von der Flüchtlingshilfe Kirchehrenbach, spannte einen Bogen von den Zeitzeugen zur momentanen Flüchtlingssituation. Im Ort seien derzeit 25 unbegleitete Jugendliche untergebracht, die durch ihre dunkle Hautfarbe auffielen. "Sie sind total freundlich und fühlen sich aufgenommen und angenommen. Sie wollen etwas lernen. Manche ecken sogar als Streber in der Schule an", sagte sie. Die elternlosen Kinder seien im "Ponyhof" untergebracht.

Sie würden ganztägig versorgt, betreut und würden zunächst in erster Linie Deutsch lernen. Einige gingen bereits in die Berufsschule.

"Die Kinder kommen aus Syrien, Afghanistan, Somalia und Algerien. Sie bleiben bis zu ihrem 18. Lebensjahr, dann müssen sie in die Gemeinschaftsunterkunft in Forchheim umziehen", erläuterte Schneider.


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